Die Sünden des Papstes

Fünf Jahre nach der Wahl Joseph Ratzingers zum Papst befindet sich die katholische Kirche in einer existenziellen Krise. Hat das Kirchenoberhaupt versagt? Religionspolitologe Otto Kallscheuer zieht eine Bilanz des Pontifikats.

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Herr Kallscheuer, Papst Benedikts XVI. späte und lückenhafte Reaktion auf die Missbrauchsfälle in Europa hat zum Teil harsche Kritik hervorgerufen. Wie sehr schadet sie der katholischen Kirche?
Nun, Benedikts Problem war: Je länger sein Schweigen andauerte, desto höher wurden die Erwartungen. Hätte der deutsche Papst gleich nach dem Bekanntwerden der ersten Fälle an katholischen Internaten in seiner Heimat ein persönlich bewegtes Machtwort gesprochen, so hätte das eine positive Signalwirkung für die ganze Debatte gehabt. Jetzt aber, wo jeden Tag neue Fälle ans Tageslicht kommen – ja, sogar aus dem ehemaligen Bistum Joseph Ratzingers, aus seiner damaligen Amtszeit – kann er nicht mehr darauf verweisen, dass sexueller Missbrauch erzieherischer Autorität schliesslich auch nicht-religiöse, freie Erziehungsanstalten betrifft. Kurz: Sie haben Recht! Durch sein Abwarten hat der Heilige Vater seiner Institution, der katholischen Kirche, einen sehr schlechten Dienst erwiesen.

Schon beim Skandal um die Rehabilitierung des schismatischen Traditionalistenbischofs und Holocaust-Leugners Williamson hatte der Papst lange geschwiegen.
Man erhält in der Tat den Eindruck, dass hier eine persönliche Schwäche von Papst Benedikt mitspielt. Der Heilige Vater ist ganz offenkundig kein entscheidungsfreudiger Mann wie sein Vorgänger Johannes Paul II. Benedikt XVI. fehlt es an direkter Präsenz, an Charisma, an Leadership.

Liegt es also am persönlichen Versagen Joseph Ratzingers, dass die Kirche von Panne zu Panne eilt?
Nicht allein. Dazu kommen die veralteten Regierungsstrukturen des Vatikans. Vor über vierzig Jahren implizierte das Zweite Vatikanische Konzil mit seiner Öffnung der Kirche zur modernen Welt auch ein kirchenpolitisches Erneuerungsprogramm - gewiss nicht im Sinne einer platten Demokratisierung von Kirche, aber doch einer stärker horizontalen Teilung der Verantwortung für die Gesamtkirche und damit auch der Autorität auf die Bischöfe. Das Bistumsamt ist schliesslich die Basis der hierarchischen Institution Kirche; das innerkirchliche Codeword heisst hier «Kollegialität». Doch diese gerade in der heutigen weltweiten Wachstumsphase des Katholizismus so wichtige Rückbindung der Zentrale an die Ortskirchen hat leider nie stattgefunden. In Rom dümpelt die Kurienbürokratie weiter vor sich hin.

Wie äussert sich dieser Reformstau konkret?
Ob bei der Affäre um Williamson, ob bei der berühmten Regensburger Rede, die den Zorn der Muslime auf sich zog, ob bei Benedikts missverständlicher Rede in Auschwitz: In all diesen Fällen war der Pannenverlauf ähnlich. Vor dem Ereignis hatte der Papst seine «Ministerien» nicht konsultiert, dafür mussten diese dann im Nachhinein den Schaden begrenzen. Und am Ende sprach der Vatikan dann – wie auch jetzt anlässlich des Pädophilenskandals an deutschen und irischen Klosterschulen – von einer regelrechten Schmutzkampagne gegen den Heiligen Vater.

Könnte man denn sagen: Papst Benedikt ist mehr mit Bibliotheken vertraut, als mit dem echten Leben?
Dafür spräche zumindest, dass der Chef im Vatikan jegliches Gefühl für den Zeithorizont und die emotionalen Auswirkungen der modernen elektronischen Medien vermissen lässt. Als deutscher Professor glaubt Papst Benedikt XVI. offenbar, er wisse alles besser. Sein Vorgänger war da völlig anders: Karol Wojtyla liess alle Spezialisten antanzen, fragte sie aus und verwertete ihre Kenntnisse und Dossiers – gewiss nach eigenem Urteil. Papst Benedikt dagegen verfasst sogar seine Enzykliken selber!

Weshalb führte die institutionelle Verkrustung der römischen Zentrale unter Papst Johannes Paul II. zu weniger Krisen?
Johannes Paul II. war eben ein charismatischer Papst: theologisch konservativ, aber in seiner Art und Weise der Verkündigung der Frohen Botschaft ausgesprochen modern. Für ihn war die persönliche Begegnung mit den Gläubigen wichtig - und dafür brauchte er einen Grossteil seiner Kurie überhaupt nicht. Wichtiger waren seine Reisen und die Medien. Unter Johannes Paul II. waren nur wenige Spitzenleute wirklich wichtig, darunter natürlich Kardinal Ratzinger als Dogmenkontrolleur. Derselbe Ratzinger ist nun als Papst Benedikt vielleicht theologisch korrekter, damit aber seine papierne Kommunikation im Kirchenvolk ankäme, benötigte das Netzwerk der Weltkirche eine halbwegs funktionierende Corporate Governance.

Und die fehlt im Vatikan?
Im Grunde ist doch der Vatikan immer noch strukturiert wie ein Hofstaat: Diverse Hofräte beraten den Monarchen, und nicht selten arbeiten sie auch gegeneinander. Niemand aber hat letztlich die Verantwortung, ausser dem Monarchen selber.

Wie müsste eine Kurienreform aussehen?
Die Aufgabe wäre es heute, auch auf der obersten Regierungsebene klare Verantwortlichkeiten zu schaffen, also eine Art Kabinettsdisziplin einzuführen. Ein Minister, der für Ökumene steht, wäre dann für sein Departement verantwortlich; kein anderer Kardinal der Kurie darf ihm dann (wie in Rom wiederholt geschehen) Steine vor die Räder werfen. Der Papst hätte die Richtlinienkompetenz, doch seine Minister wären im Falle von Fehlern verantwortlich zu machen.

Weshalb tut sich denn die Kirche so schwer, solch elementare Funktionsmuster einzuführen?
Dass der auch mit den institutionellen Reibungen in der Kirche bestens vertraute Ratzinger als Papst die Reform der Kurie entschieden in die Hand nehmen würde, das war in der Tat eine der Erwartungen, die hinter seiner Wahl zum Papst stand. Doch heute, fünf Jahre danach, lässt diese Reform weiter auf sich warten.

Warum kommt die Flut von Missbrauchsfällen, die ja meistens Jahrzehnte zurückliegen, gerade jetzt ans Tageslicht? Hat das eher mit der Schwäche des Papstes zu tun oder mit der Institution Kirche?
Es scheint absurd: Die katholische Kirche stand seit dem Tod von Papst Johannes Paul nie mehr so im Rampenlicht der Öffentlichkeit wie jetzt mit den Sexskandalen - obwohl diese nur ein paar Promille von Priestern betreffen, allerdings eine ganze Kultur von Vertuschung und einen klerikalen Korpsgeist der Verharmlosung involvieren. Nicht nur in Rom, auch in Deutschland gab es gravierende Fehler im Umgang mit dem Skandal. Die deutsche Bischofskonferenz hat sich zu lange zurückgehalten, um zu verhindern, dass die konservativen Kettenhunde gegen die liberale Moderne losbellen, was fatal wäre (aber natürlich dennoch geschah). Man hat wohl aus gut gemeinten Motiven die Sache zu lange schlingern lassen. Der Chef in Rom hat die Dynamik des Skandals nicht gespürt - oder er hatte nicht die Berater, die ihn ihm die Dringlichkeit der Angelegenheit deutlich gemacht hätten.

Wie stark ist nun die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche beschädigt?
Man kann das nicht quantifizieren. Für mich bringen die Sexskandale vor allem Folgendes zum Ausdruck: Das Verhältnis von religiöser Autorität und moderner Welt hat sich verändert – und mit dem Verlust der sakramentalen Autorität des Priesteramts in der Gesellschaft tut sich die ganze katholische Kirche, nicht nur der Vatikan unheimlich schwer. Im Volksvorurteil lag die unbefragte Autorität früher bei den schwarzberockten Kirchenkragenträgern. Der Klerus und die Hierarchie hielten nach aussen die schützende Hand über viele Fehltritte ihrer Funktionäre.

Heute liegt die Autorität woanders: nämlich beim Opfer.
Genau. Alle innerweltlichen Versagen, die sich Priester zuschulden kommen lassen wie andere Sterbliche auch, schlagen damit aber viel direkter auf die Kirche als Institution durch. Die Gesellschaft setzt bei der Kirche keine anderen Glaubwürdigkeitskriterien an als bei anderen weltlichen Institutionen – höchstens schärfere. Und ich denke, das ist auch gut so!

Das ändert aber nichts daran, dass die Kirche zugleich eine nicht-weltliche Botschaft verkörpern muss.
Natürlich nicht. Deshalb befindet sich die gesamte Kirche ja zunehmend in einer Situation der Diaspora: das heisst der zerstreuten Einzelnen in einer Umwelt, die sie nach ganz anderen Kriterien beurteilt. Selbst dort, wo die Kirchen noch Elemente von Volkskirche verkörpern, werden ihre Kader zu Diaspora-Aktivisten: sie werden als Streetworker beurteilt oder als Therapeuten und Sozialarbeiter, und erst aufgrund dieser sozialen Glaubwürdigkeit haben sie dann eine Chance, ihre eigene Botschaft anzubieten.

Wollen Sie damit sagen, die Religiosität und das Bedürfnis nach Transzendenz wird nach und nach verschwinden?
Nein, keineswegs. Aber die Suche nach Religiosität wird mobiler, individueller, krisenanfälliger – wie die Menschen auch. Auf diese Krise reagiert nun die katholische Kirche nach dem klassischem Muster bedrohter Institutionen: Sie zieht sich in die Wagenburg zurück, schottet sich ab gegen eine Aussenwelt, die halt «böse» ist.

Könnte denn diese Wagenburgmentalität früher oder später das Ende der katholischen Kirche im heutigen Sinne bedeuten?
Nein. Diese Kirche wird auch heute noch gebraucht. Aber sie funktioniert nur mehr mit der Münze Vertrauen, und nicht mehr über die Autorität ihrer Lehrverkündigungen. Die Kommunikation durch persönliches Vertrauen ist die elementare Voraussetzung dafür, dass Kirche überhaupt als Institution wahrgenommen wird. Gelingt es der katholischen Kirche nicht mehr, weltweit Vertrauen zu organisieren, dann droht ihr zwar kein schneller Tod. Aber sie riskiert ihre Relevanz. Nicht zuletzt im Wettbewerb mit anderen religiösen Glaubenslehren, Lebensmodellen und Verkündigungsformen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 25.03.2010, 11:40 Uhr)

Infobox

Der Religionspolitologe Otto Kallscheuer, derzeit Professor für politische Philosophie an der Universität Sassari, ist zugleich Fellow des Zentrums für Religion Wirtschaft Politik (ZRWP) der Universitäten Basel, Zürich und Luzern und des Collegium Helveticum. Sein letztes Buch «Zur Zukunft des Abendlandes» erschien 2009 im zu Klampen Verlag. (Bild: Salvatore Ligios)

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