Die Tristesse des Wahlkampfs

François Hollande will französischer Präsident werden. Dass er vor allem deshalb wählbar ist, weil er nicht Nicolas Sarkozy heisst, zeigt ein Besuch einer Wahlkampfveranstaltung im jurassischen Besançon.

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Der pensionierte Lehrer zieht den Ärmel seiner Jacke zurück, blickt auf seine Schweizer Armbanduhr, fuchtelt mit dem Regenschirm in der Luft herum und ruft den Ordnungskräften zu: «40 Minuten Verspätung. Wenn ihr uns jetzt nicht reinlasst, wählen wir Mélenchon.» Das will hier niemand hören. Denn gekommen sind die Menschen nicht für Jean-Luc Mélenchon, den Präsidentschaftskandidaten der Linksfront, sondern für François Hollande.

Die in mehreren Carladungen heranchauffierte Gruppe harrt bei pfeifendem Wind und Nieselregen aus, um in die Halle im jurassischen Besançon zu gelangen, in welcher der Kandidat der Sozialistischen Partei seinen nächsten Stopp der Wahlkampftour einlegt. Nein, ein Hoffnungsträger sei er nicht, dieser François Hollande. Vielmehr «der am wenigsten schlechte Kandidat», sagt der ehemalige Lehrer. «Hollande wird nicht viel ändern. Aber wenn Sarkozy wieder gewinnt, wird es Frankreich spalten. Es ist Hass pur.»

Wie im Kinosaal

In der Halle, die von tristen Häuserblocks und Umgehungstrassen eingekesselt ist, herrscht eine unaufgeregte Stimmung. Englisch- und französischsprachige Popmusik rauscht aus den Boxen. Ein lautes Gespräch würde sie übertönen. Doch laut gesprochen wird nicht. Vielmehr leise und in den kleinen Grüppchen, mit denen man gekommen ist. Wenn man überhaupt spricht. Eine Atmosphäre wie in einem Kinosaal. Der Slogan vom jetzigen Wandel – «le changement c’est maintenant» – ist noch nicht in der Halle angekommen.

Das Trauma verhindern

Während zwei 19-jährige Schüler beobachten, wie sich die Stehfläche vor der Bühne langsam füllt, erzählen sie, dass die Neugier sie zur Veranstaltung gezogen hat. «Ich bin noch unentschlossen. Aber ich habe eher den Zug nach links», sagt einer. Das Wichtigste sei, ein Trauma wie bei der Wahl 2002 zu verhindern. Damals schied der linke Kandidat Lionel Jospin schon im ersten Wahldurchgang aus. Den Franzosen blieb die Wahl zwischen dem Rechtsextremen Jean-Marie Le Pen und dem amtierenden und späteren Präsidenten Jacques Chirac von der UMP, der auch Nicolas Sarkozy angehört. «Frankreich wird von der Elite regiert, und Sarkozy gehört zu dieser Elite», erklärt einer der Schüler, wieso er sich einen Wechsel an der Spitze des Landes wünscht. «Es braucht einen Präsidenten, der die Nation vereint», schiebt er nach.

Mehrfach hat Hollande bereits festgehalten, dass in Frankreich kein Junger an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden soll. Eine Aussage, die auch eine Gruppe von Lehramtsstudentinnen freut. Kurz vor Beginn von Hollandes Rede malen sie ein Plakat, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. «Mit Hollande gibts eine Zukunft für uns Lehrerinnen», sagt eine der Studentinnen. Während Hollande 60'000 neue Stellen im Bereich der Erziehung schaffen will, versucht der amtierende Präsident mit seinem Vorschlag zu punkten, den heute Unterrichtenden 25 Prozent mehr Besoldung zu zahlen, wenn sie ihre Präsenzzeit in der Schule von gegenwärtig 18 auf 26 Stunden in der Woche erhöhen.

Das lange Ausharren

Und dann, kurz vor dem offiziellen Beginn, strömen die Menschen in die Halle, alle Sitzplätze sind belegt. Vor der Bühne drängen sich die Zuschauer. Die zwei Schüler machen sich über drei «Extremisten» lustig, die mit schwenkenden Fahnen skandieren: «François! Président!» Doch bis Hollande ans Rednerpult tritt, würde noch einige Zeit vergehen. Zuerst lobt die Moderatorin die Menschen von Besançon und die historische Bedeutung der Stadt für Frankreich. Ein pathetischer Film, untermalt mit dramatischen Paukenschlägen, flimmert über die Bildschirme neben der Bühne und zeigt Ausschnitte aus dem politischen Leben Hollandes. Dann tritt der Bürgermeister Besançons auf die Bühne, kritisiert Sarkozy in harschen Tönen und sagt, was unter Hollande alles besser würde. Ein weiterer Film folgt. Dann die Moderatorin. Die Ungeduld wird spürbar. Es sollten aber noch vier weitere Vorredner folgen, die alle in die gleiche Anti-Sarkozy-Kerbe schlagen und die Geduld der Zuschauer bis aufs Ärgste strapazieren sollten.

Bis zum Höhepunkt

Dann kommt er – endlich. Hollande erlöst die Zuschauer vom Warten; nach offiziellen Angaben 3000 in der Halle und 5000 vor Leinwänden auf dem Ausstellungsgelände. Entschlossen tritt er ans Rednerpult: «Ihr seid wegen mir hier, richtig? Es hat lange gedauert», scherzt er und besänftigt die Ausharrenden. Unermüdlich arbeitet der Sozialist sein 60-Punkte-Programm ab, mit dem er Frankreich zu neuen Höhen verhelfen will, hackt bei jeder Gelegenheit auf dem «abtretenden Präsidenten» herum. Doch wird Hollande auch nicht müde, zu betonen, dass er nicht der Gegenkandidat zu Sarkozy sei, sondern «der Kandidat für Frankreich». Dann folgt wieder ein Seitenhieb in Richtung Sarkozy. Wem dieser denn in den letzten fünf Jahren gedient habe, fragt Hollande – «Carla Bruni» ruft ein Zuschauer in die Stille, während die rhetorische Frage ausklingt.

Der Kandidat, dem noch elf Tage bis zum ersten Wahlgang bleiben, wirkt selbstsicherer, seine Rhetorik geschliffener als zu Beginn seiner Kandidatur vor gut einem Jahr. Und so vermag er auch die Stimmung mehrmals bis kurz vor den Siedepunkt zu erhitzen, um sie wieder abkühlen zu lassen. Mit «Seid wütend, streikt, demonstriert! Der beste Streik, die beste Demonstration ist der Tag der Wahl!» bringt er die Stimmung zum Kochen. «François! Président!» hallt es jetzt aus den 3000 Kehlen in der Halle, bis alle inbrünstig die «Marseillaise» anstimmen. Einzig Hollande, der die französische Hymne zwischen die Lippen zu pressen scheint, wirkt in der Rolle des Patrioten gehemmt.

Keine Zweifel – oder doch?

Sichtlich wohler fühlt sich der Sozialistische Spitzenkandidat nach der Rede beim Bad in der Menge. Bereitwillig erfüllt er jeden Autogrammwunsch, schüttelt Hände und posiert für Fotos. So schwärmt auch ein älteres Paar von Hollande. Nach dieser Rede fühle sie sich in ihrer Meinung bestätigt, dass der 57-Jährige der Richtige ist, sagt die Frau. «Absolut keinen Zweifel an Hollandes vielen Kompetenzen» hat ihr Mann, der sich auf einem Krückstock abstützt und diplomatisch der Frage ausweicht, ob es in den Reihen der Sozialisten mit Martine Aubry oder dem mittlerweile skandalgebeutelten Dominique Strauss-Kahn nicht politisch geeignetere Figuren gegeben hätte. Die Wahl der Partei sei auf Hollande gefallen. Das müsse akzeptiert werden. «Er repräsentiert uns alle.»

Auch das junge muslimische Paar vor der Veranstaltungshalle legt seine Hoffnung in Hollande. «Die Jungen wollen, dass man ihnen zuhört.» Sarkozy höre zwar zu, mache aber dann genau das Gegenteil. «Einen Präsidenten, der Ängste schürt und stigmatisiert, wollen wir nicht mehr», sagt die junge Angestellte. Sie glaube, dass Hollande der richtige Kandidat ist. «Hundertprozentig sicher kann man sich aber nie sein», fügt sie an. «Wir werden sehen, was sich nach der Wahl ändert.» Dann verschwinden die beiden zwischen den dunkelgrauen Häuserblocks im plätschernden Regen von Besançon. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 13.04.2012, 20:07 Uhr)

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