Ausland

Die Trümmer der Antike

Von Oliver Meiler. Aktualisiert am 08.11.2010 11 Kommentare

Nach einem Einsturz der Garderobe der Gladiatoren in Pompeji debattieren die Italiener über ihren Sinn für den grossen Kulturreichtum des Landes.

1/4 Eine antike Stadt droht zu zerfallen: Weitere Gebäude sollen einsturzgefährdet sein.

   

Ein Haufen Stein und Staub – mehr blieb nicht von der Schola Armaturarum, der Garderobe der Gladiatoren von Pompeji, von jenem Haus an der Via dell’ Abbondanza, in dem sich die Krieger kleideten und bewaffneten, wo sie ihre Schilde und Schwerter aufbewahrten. Damals, vor Jesus Christus.

«Schande für die Nation»

Am Samstag stürzte der antike Bau mit seinen kostbaren Fresken an der Hauptstrasse der Stadt in wenigen Minuten ein. Er war schon lange gefährdet gewesen, spätestens seit sein Dach nach den Bombardements des Zweiten Weltkrieges mit schwerem Beton rekonstruiert worden war. Doch wahrscheinlich waren ihm die starken Regenfälle der letzten Wochen fatal: Die Feuchtigkeit frass sich in die Mauern und Fundamente, destabilisierte sie bis zum Einsturz.

Doch was auf den ersten Blick wie die Folge eines natürlichen Phänomens anmutet, sorgt nun für eine handfeste politische Polemik über die Wertschätzung Italiens für seine grossen archäologischen Schätze. Staatspräsident Giorgio Napolitano, sonst ein Mann ruhiger Töne, sprach von einer «Schande für die Nation»: «Ich erwarte Erklärungen von den Verantwortlichen – und zwar sehr schnell und ohne Heucheleien.» Gemeint war Kulturminister Sandro Bondi. Der aber verwies sofort ans Wirtschaftsministerium, dem er vorwirft, es verwehre ihm die «nötigen Ressourcen» für den Schutz und die Bewahrung des «immensen kunsthistorischen Reichtums» des Landes.

Die rechte Regierung hat in den letzten Jahren die Mittel für den Unterhalt der grossen Vermächtnisse der Antike empfindlich gekürzt – um 1,2 Milliarden Euro, wie Salvatore Settis, Italiens renommierter Kunsthistoriker und Rektor der Scuola Normale Superiore von Pisa am Sonntag in der «Repubblica» schreibt: «Es ist ein Wunder, dass nach den brutalen Budgetkürzungen, dem Personalabbau und Vernachlässigungen überhaupt noch so viel steht in Pompeji, Herculaneum und in Rom. Weitere Einstürze und Katastrophen werden folgen – ganz sicher.» Warnungen hatte es viele gegeben. Wie im Refrain wiederholten in den letzten Monaten Intendanten, Archäologen und Lokalpolitiker, dass Pompeji langsam zerfalle.

Leiden an der Politik

Die Stadt, die in ihrer langen Geschichte Vulkanausbrüche und Bomben bewältigt hatte, droht also an der Politik zugrunde zu gehen. Es fehlt am Bewusstsein, links wie rechts, für die wahren Schätze des Belpaese, dieser Wiege der hiesigen Zivilisation – Attraktion für Millionen von Touristen.

Kein anderes Land der Welt beherbergt mehr Kulturerbe, was zuweilen natürlich auch eine Last ist. Zumal dann, wenn in Städten wie Rom grosse Infrastrukturen gebaut werden sollen und jeder archäologische Fund die Arbeiten jäh stoppt.

In der laufenden Polemik kommen alle diese Dossiers auf den Tisch. Sie werden aber dann wohl bald wieder in der Schublade verschwinden – bis zum nächsten Einsturz. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.11.2010, 07:12 Uhr

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11 Kommentare

Giordano Bruni

08.11.2010, 07:59 Uhr
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Bomben während des 2ten Weltkriegs, jetzt Budgetkürzungen aus Brüssel. Keine einfache Sache, die Kultur zu erhalten. Erfreulicherweise ist sie vorhanden, und kann nicht "ausgerottet" werden, dafür ist das Kulturverständnis in Italien zu prägnant. Antworten


stephan schwan

08.11.2010, 13:04 Uhr
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Es sollten keine Ausgrabungen gemacht werden, wenn der anschliessende Erhalt der Kulturgüter nicht sicher gestellt ist. Das würde der Gier nach alten Reichtümern etwas Verantwortungsbewusstsein an die Seite stellen. Ansonsten kann ich Tamara Gerber (08:37) nur zustimmen. Antworten




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