Die Ursünde auf den Champs-Elysées

Im Fouquet's wurde Nicolas Sarkozy am Abend seiner Wahl 2007 zum Präsidenten der Reichen. Ein Besuch im Nobelrestaurant.

Feierte nach dem Sieg mit den Reichen statt mit den Arbeitern: Nicolas Sarkozy im Mai 2007.

Feierte nach dem Sieg mit den Reichen statt mit den Arbeitern: Nicolas Sarkozy im Mai 2007. Bild: AFP

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Paris 8ième, Champs-Elysées, Ecke Avenue George V. Von hier sind es noch 50 Meter rauf zum Triumphbogen, eine Adresse wie aus dem Prospekt: Le Fouquet’s ist ein Restaurant mit Preisen aus einer entrückten Klasse. Vor dem Eingang geht man über Schilder in Messing mit den Namen von Schauspielern und Filmemachern, die hier schon ihre Césars gefeiert haben – Frankreichs Oscars. Und wenn man dann drinsteht im Lokal, die diskrete Kontrolle livrierter Kellner passiert hat und sich zum Frühstück in einem weichen Sessel der Winterterrasse verliert, ist es, wie es oft ist im Paris der Eleganten und Neureichen: Es blitzt die Klasse aus einer anderen Zeit auf, eingehüllt in samtenes, nostalgisches Purpurrot. Der Espresso kostet 8 Euro, der Orangensaft 10. Wenn man genug Geld hat, kommt man am Mittag her, isst Suppe für 28, die Seezunge für 64 Euro. Die Preise sind selektiv, und so sind sie auch gedacht: für «the happy few», um es mit Stendhal zu sagen.

Natürlich gäbe es in dieser Kategorie noch bekanntere Adressen als das Fouquet’s – solche mit mehr Geschichte. Doch das F’s, wie es in kurzer Form auf dem Sonnendach steht, ist zu einem historischen Ort geworden, zum Mahnmal, zu einer Art Sündenpfuhl. Nicolas Sarkozy verlor hier in wenigen Stunden seine politische Unschuld. Man schrieb den 6. Mai 2007. Sarkozy war gerade zum Präsidenten gewählt worden – mit 53 Prozent der Stimmen.

Als wäre er ein Frühaufsteher

Es war eine packende Kampagne gewesen, die Verheissung einer neuen Epoche. Sarkozy hatte viele Franzosen verführt, er versprach ihnen eine tugendhafte Republik, eine Abkehr von der Herrschaft der Eliten und des Einheitsdenkens. Seinen Auftritten wohnte etwas Revolutionäres inne. Er war nahe am Volk. Er rief ihm zu: «Wer mehr arbeitet, wird mehr verdienen.» Und: «Ich kämpfe für das Frankreich, das früh aufsteht.» Als wäre er selber ein Frühaufsteher, ein Arbeiter. Sogar in den Fabriken glaubten so manche, «Sarko» sei anders, sei neu, sei die Revanche.

Am Abend der Wahl standen viele von ihnen auf der Place de la Concorde, ganz unten an den Champs-Elysées, bereit für die grosse Feier mit dem ihrigen. Doch «Sarko» fuhr die Prachtallee rauf, rauf ins Fouquet’s und feierte mit seinen reichen und prominenten Freunden, den Filmstars, Sängern und Patrons des CAC 40, wie der Leitindex der Pariser Börse heisst. Mit Bernard Arnault zum Beispiel, dem Chef des Luxuskonzerns Louis Vuitton – einem der reichsten Menschen der Welt. Mit Martin Bouygues, dem grössten Bauunternehmer im Land und Besitzer des Fernsehsenders TF 1. Mit Serge Dassault, dem Flugzeugbauer und Herausgeber der bürgerlichen Tageszeitung «Le Figaro». Mit Vincent Bolloré, Geschäftsmann und Verleger. Alles Multimilliardäre, alle mit besten Aussichten auf Aufträge und Steuergeschenke. Dank «Sarko», dem Chef des Clans.

Zwei Stunden statt zwei Minuten

Bolloré sollte dem frisch gewählten Präsidenten an jenem Abend vorschlagen, Ferien auf seiner Jacht La Paloma zu machen, die vor Malta lag: ein Luxuskahn, 65 Meter lang. Er würde ihn am Morgen darauf mit seinem Privatjet hinfliegen. Und Sarkozy, der Tage zuvor noch geschworen hatte, er würde sich nach der Wahl in ein Kloster zurückziehen, um über die grosse neue Verantwortung zu meditieren, die ihm erwachse, sagte zu. Der zweite Sündenfall.

Mehr als zwei Stunden blieb er im Fouquet’s. Dabei waren nur einige Minuten geplant gewesen. Zwei Stunden bis in die Nacht, die am Fernsehen wie eine Ewigkeit anmuteten, wie ein Affront gegen die Frühaufsteher. Die Reporter standen vor dem Eingang, hielten das Publikum hin, versprachen baldige Bilder vom Triumphzug runter zur Concorde. Als Sarkozy endlich rauskam aus dem Nobellokal, war es schon zu spät.

In jenen ersten Stunden seiner Amtszeit, in jenem frivolen Tabubruch setzte sich der Eindruck fest, dass Sarkozy das Volk getäuscht habe, dass er in Wahrheit der «Präsident der Reichen» sein würde, wie der Titel eines Bestsellers lautet. Und dieser Eindruck verfestigte sich mit der Zeit immer mehr. Die Zahlen belegen es, die Gesetze auch. Er gab jenen mehr, die schon viel hatten: den Unternehmen und Reichen – er kappte deren Steuersätze.

«Irgendwann mache ich mal ganz viel Kohle»

Sarkozy war immer vom Geld angezogen und verheimlichte das nicht. Er stammt aus bescheidenen Verhältnissen, wurde aber in Neuilly-sur-Seine gross, der wohlhabendsten Gemeinde Frankreichs, jene mit der grössten Millionärsdichte im Land. Sarkozy war zwar deren Bürgermeister, doch soll er immer einen Komplex gehabt haben. «Irgendwann mache ich mal ganz viel Kohle», sagte er oft, erst kürzlich wieder. Wie Bill Clinton und Tony Blair werde er durch die Welt touren, konferieren und absahnen.

Zu Beginn seiner Präsidentschaft gefiel er sich in der Rolle des glamourösen Staatschefs, trug gerne Rolex und Ray Ban. Als Erstes erhöhte er sich das Präsidentengehalt um 140 Prozent. Nach der Hochzeit mit der schönen Carla Bruni, Tochter aus einer reichen Turiner Industriellenfamilie, war das Bild perfekt. Es war sehr Bling-Bling. Und verheerend. Die Franzosen mögen die Exhibition von Reichtum nicht, sie haben ein bigottes Verhältnis zu Geld und Glamour. Der Präsident soll zwar unerhört viel Macht haben dürfen, soll der Welt Lektionen erteilen, soll das Licht der Aufklärung weitertragen. Doch Geld ist profan, sogar ein bisschen vulgär.

Cécilia war an allem schuld

Sarkozy glaubte, er dürfe. Er verschätzte sich gehörig. Das Image brachte er nie mehr weg. Er versuchte es bis zuletzt. Vor einigen Wochen tönte er ein Mea culpa an, stotternd und mit holpriger Grammatik: «Wenn ich noch einmal zurückkönnte, dann würde ich, nun ja, dann, dann würde ich nicht mehr in dieses Restaurant gehen.» Bei anderer Gelegenheit schob er seiner damaligen Frau Cécilia die Schuld zu, sie habe im Fouquet’s reserviert, sie habe die Gästeliste verfasst. Sie ganz alleine. Ein Minister eilte dem Chef etwas ungelenk zu Hilfe: Es sei doch unfair, sagte er, dass man dem Präsidenten zeitlebens diese Visite in einer «einfachen Brasserie an den Champs-Elysées» nachtrage. Diese Ursünde.

Übrigens, der Espresso für 8 Euro war eine zweitklassige Brühe, aber hübsch serviert. Es gab «mignons» dazu, Mikrogebäck. Und als dann die Sonne gleissend über die Dächer kam und den Triumphbogen erleuchtete, war Paris, was es oft ist: eine schöne Verblendung. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.04.2012, 09:23 Uhr)

Präsidentschaftswahl in Übersee begonnen

In Frankreichs Überseegebiet Saint-Pierre und Miquelon hat am Samstag die französische Präsidentschaftswahl begonnen. Auf der Inselgruppe vor der Ostküste Kanadas öffneten die Wahllokale um 8.00 Uhr (Ortszeit, 12.00 Uhr MESZ).

In den Stunden danach beginnt die Abstimmung zur ersten Wahlrunde auch in Guyana in Südamerika und auf den Karibikinseln Guadeloupe, Martinique, Saint-Barthélemy und Saint-Martin sowie den Inseln in Französisch-Polynesien. In Frankreich selbst öffnen die Wahllokale am Sonntagmorgen.

Zu der Wahl treten neben Amtsinhaber Nicolas Sarkozy neun weitere Kandidaten an. Als Favorit in der ersten Runde gilt in den Umfragen der Sozialist François Hollande gefolgt von Sarkozy sowie der Rechtsradikalen Marine Le Pen, dem Linkspolitiker Jean-Luc Mélanchon und dem Zentrumspolitiker François Bayrou.

Für die Stichwahl am 6. Mai wird Hollande ein klarer Sieg gegen Sarkozy vorausgesagt. (sda)

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Das Pariser Nobelrestaurant Fouquet's. (Bild: Reuters )

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