Die Velo-Gulasch-Mafia

Ein Drittel der 10 Millionen Ungarn lebt am Existenzminimum oder ist bereits verarmt. Der Staat kümmert sich nicht um sie. Nun kommen Velokuriere zuhilfe – freiwillig und sehr cool.

Mit Gulasch im Rucksack macht sich die «Budapest Bike Maffia» auf den Weg zu den Obdachlosen der Stadt. Fotos: Andras C. Hajdu

Mit Gulasch im Rucksack macht sich die «Budapest Bike Maffia» auf den Weg zu den Obdachlosen der Stadt. Fotos: Andras C. Hajdu

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Der Duft von Zwiebeln und geschmortem Schweinefleisch zieht durch das Budapester Ruinenlokal. Seit Stunden brodelt Gulasch in einem riesigen Kessel. Eine Gruppe junger Männer und Frauen mischt Tarhonya dazu und füllt alles in kleinen Portionen in Plastikschalen ab. Andere kochen Tee und wickeln Zucker und Guetsli in Geschenkpapier. Gegen 16 Uhr mahnt Zoltan Havasi zum Aufbruch. Gulasch und Tee sollen warm sein, wenn sie auf der Strasse verteilt werden. Etwa fünfzig Hipster schnallen Rucksäcke und Taschen um, eilen zu­ ­ihren Velos. Sie tragen Lycra oder Kapuzenpullis und Sonnenbrillen trotz der einbrechenden Dunkelheit. Sie fahren selbst gebaute Rennvelos oder Fixies. Der Coolness-Faktor ist hoch. Das soll auch der Gruppenname vermitteln.

Obst vom Vitaminkommando

Die «Budapest Bike Maffia» hat nichts mit organisierter Kriminalität zu tun. Die jungen Velofahrer wollen das Elend in der Stadt lindern, indem sie Essen, Kleidung und Decken zu Bedürftigen bringen. Jedes zweite Wochenende treffen sich die Mafiosi im alten jüdischen Quartier, kochen gemeinsam und fahren zu den Schlafstätten der Obdachlosen.

Am Weihnachtsabend vor drei Jahren beschlossen der 38-jährige Grafiker Zoltan Havasi und zwei Freunde, dass Velofahren nicht nur Spass machen, sondern auch einem guten Zweck dienen soll. Bilder der ersten Aktionen ihrer Velo-Mafia veröffentlichten sie auf Facebook. Die positiven Reaktionen waren überwältigend. Seit einem halben Jahr ist die Organisation als Verein registriert. Der harte Kern besteht aus 30 Aktivisten – hauptberufliche Velokuriere, die ihre Freizeit für «radikale Aktionen der Güte» opfern. Andras Csapo, genannt Pumpi, bringt als «Vitaminkommando» an drei Abenden pro Woche Obst zu Obdachlosen. Hinzu kommen an Wochenenden bis zu einhundert Sympathisanten. Auch in der kalten ­Jahreszeit.

Ziviles Engagement hat in Ungarn traditionell keinen hohen Stellenwert. Die Meinung, dass der Staat sich um alles kümmern, alles regeln soll, blieb auch nach der Wende ausgeprägt. Der autoritäre Kurs von Regierungschef Viktor Orban und die drastische Kürzung der Sozialausgaben lässt die jüngere Generation jetzt aber umdenken und aktiv werden. Sie wollen «nicht politisieren, sondern Taten zeigen», wie Gründer Havasi die Velo-Mafia beschreibt.

10'000 Menschen ohne festen Wohnsitz

An diesem Nachmittag teilt Havasi die Freiwilligen in drei Gruppen ein. Zwei fahren in die Aussenquartiere auf der anderen Donauseite, eine wird die Fussgängerpassagen der Metrostationen besuchen. Obdachlosen ist der Aufenthalt dort eigentlich verboten, ebenso wie rund um Gebäude des Weltkulturerbes, um Schulen, unter Brücken und in Bahnhöfen. Dieses Verbot wurde vor einem Jahr beschlossen und kürzlich vom Obersten Gerichtshof leicht gelockert. Dennoch: Wer in den Zonen erwischt wird, kann zu Geldbusse oder Haft verurteilt werden. Der Plan der Regierung, Obdachlose damit aus dem Stadtbild zu verdrängen, ging freilich nicht auf.

In Budapest sind an die 10'000 Menschen ohne festen Wohnsitz. Die Heime haben nur 6000 Plätze und ausserdem selbst unter Obdachlosen einen schlechten Ruf als Hort von Krankheiten und Kriminalität. Hunderte Menschen leben in selbst gebauten Holz- oder Laubhütten in den Stadtwäldchen. Für alle anderen bieten allein Unterführungen Schutz vor Kälte und Nässe. Die Polizei zeigt Verständnis und geht nur selten gegen die Lager aus Pappkarton und Decken vor. Auch die Velo-Mafia hat zur Exekutive ein gutes Verhältnis, obwohl nicht nur ihre halsbrecherischen Velofahrten über Sperrlinien und rote Ampeln gegen alle Regeln sind: Das Verteilen von Lebensmitteln im öffentlichen Raum ist verboten. «Wir bewegen uns in einer Grauzone», sagt Zoltan Havasi, «aber bis jetzt kommen wir gut zurecht.»

Antwort auf die Sparpolitik

Pumpi führt eine Mafia-Gruppe unter den Luise-Blaha-Platz. Männer in zerschlissenen Jacken sitzen in der Passage und greifen gierig nach den Gulasch­rationen. Einer zeigt in eine Ecke: Dort sei ein Bekannter gestorben. Verhungert oder erfroren. Laut der Nichtregierungsorganisation Ungarisches Sozialforum starben in diesem Jahr schon 25 Menschen in Ungarn den Kältetod. Im vergangenen Winter erfroren über 250 Menschen – nicht nur auf der Strasse.

Von den 10 Millionen Ungarn sind laut Eurostat 33 Prozent armutsgefährdet. Sie haben keine finanziellen Reserven, können oft nicht einmal Strom- oder Gasrechnungen bezahlen. Die Sozialexpertin Eszter Kosa warnt vor allem vor der rasch steigenden Kinderarmut. 600'000 Kinder lebten in Bedürftigkeit: «Die Weihnachtsferien sind für sie ein echtes Problem, weil die regelmässigen Mahlzeiten in den Schulen wegfallen.» Die Armen würden in Ungarn nicht unterstützt, «sie werden gejagt», sagt der 30-jährige IT-Techniker Peter Herceg, der die karitativen Velofahrten als «machtvolle und radikale Antwort» auf die Sparpolitik der Regierung sieht. An Demonstrationen gegen die Regierung werde sich die Velo-Mafia aber nicht beteiligen, sagt ihr Gründer. Die Gruppe wolle unpolitisch bleiben. Zoltan Havasi hat jedoch das Programm deutlich ausgeweitet. Seine freiwilligen Mitarbeiter besuchen jetzt auch verarmte Familien, die noch Wohnungen, aber sonst nichts mehr haben: «Es gibt einfach zu viele hungrige Menschen in dieser Stadt.»


Vor allem Kinder sind armutsgefährdet: Die Gulasch-Mafia besucht auch Familien.

Weiter geht die Fahrt mit Velokurier Pumpi, quer über die vierspurige Rako­czistrasse zum Franziskanerplatz. Über der noblen Vaci utca glänzt die Weihnachtsbeleuchtung. Am Boden wälzt sich eine Frau und beschimpft die erschrockenen Velofahrer. Das Essen verweigert sie. Ihre Nachbarn aber nehmen es gern. Die Neuen unter den Velofahrern tun sich sichtbar schwer damit, die Obdachlosen anzusprechen. Sie müssen ihre Scheu überwinden, Vorurteile abbauen. Auch dafür sei die Velo-Mafia da, sagt Havasi.

Die Gruppe ist unter der Elisabethbrücke angekommen. Oben rauscht der Abendverkehr über die Donau. Unten liegen beim Brückenpfeiler zwei Männer und eine Frau unter einem Berg speckiger Decken. Pumpi weckt sie auf und teilt die letzten Gulaschportionen aus. Die Frau heisst Aranka, ist 56, sieht aber zwanzig Jahre älter aus. Vor fünf Jahren habe sie ihre Arbeit im Supermarkt verloren, erzählt sie. Seither lebt sie unter der Brücke, ernährt sich von Essensresten aus den umliegenden Restaurants. Wenn ihr Touristen Geld schenken, kann sie Zigaretten kaufen. Die Polizei lasse sie in Ruhe, sagt Aranka, «aber Jugendliche schmeissen mit Steinen und Flaschen auf uns». Sie isst etwas Gulasch und schiebt den Rest zur Seite, «das muss für drei Tage reichen». Pumpi gibt ihr noch ein Paket mit Keksen und verabschiedet sich. Er wird mit seinem ­Vi­taminkommando wieder kommen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 29.12.2014, 23:08 Uhr)

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