Die Welt in Scherben

Ein Knall, ein Absturz, ein Aufprall – und eine weite Landschaft voll toter Menschen. Alles ist jetzt anders. Beobachtungen in Amsterdam und in der Ukraine.

Persönliche Effekten und Gepäckstücke von Absturzopfern der Boeing 777 der Malaysia Airlines liegen auf einem Feld bei Rassypoje.  Foto: Anastasia, EPA

Persönliche Effekten und Gepäckstücke von Absturzopfern der Boeing 777 der Malaysia Airlines liegen auf einem Feld bei Rassypoje. Foto: Anastasia, EPA

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Um zwölf Uhr ist Malaysian Airlines MH 17 abgeflogen nach Kuala Lumpur. Voll besetzt, wie fast immer. Ein neuer Tag, ein neues Flugzeug – begleitet von dem urmenschlichen Vertrauen darauf, dass es schon gut gehen wird.

In Schiphol herrscht am Freitagmorgen fast schon wieder so etwas wie Normalität. Wirtschaftsbetriebe, und dazu gehören grosse Flughäfen, lassen nur wenig Zeit für Tränen. Und so stehen die Passagiere für MH 17 von 8.30 Uhr an vor Schalter 29, Polizei schirmt sie ab. Um 10.30 Uhr sind alle eingecheckt, der Schalter ist leer. Passagiere anderer Flüge haben ihnen fragend, zweifelnd, schaudernd hinterhergeschaut – jenen Menschen, die sich in den Flug MH 17 gewagt haben.

Am Vortag war die Maschine mit derselben Flugnummer abgeflogen, aber nicht angekommen. Normalität, Aufbruchstimmung, Vorfreude hatten am Donnerstag vor dem Abflug geherrscht. Wie es so ist, wenn es in die Ferne geht, wenn viele Kinder an Bord sind, viele Heimwehkranke, die nach Hause wollen – dazu waren etwa hundert Wissenschaftler an Bord, die zur grossen Aidskonferenz nach Melbourne flogen, darunter der weltbekannte Forscher Joep Lange. Er war einer gewesen, der Hoffnung verbreitete im Kampf gegen das Sterben. Keiner ist angekommen. Die Welt ihrer Familien liegt in Scherben, nichts ist, wie es war.

Mit der Trauer, der Wut bleiben nun die Angehörigen der Toten vom Vortag zurück; immer mehr Familien treffen in Amsterdam ein und müssen psychologisch betreut werden. Gleichzeitig muss die internationale Gemeinschaft die Krise in der Ukraine bewältigen, die schon vor dem Tod von 298 Menschen ein politisches Problem von dramatischem Ausmass war. In Kiew jagt eine Krisensitzung der Regierung die nächste, Präsident Petro Poroschenko spricht von einem «Weckruf für die Welt». In der Nacht zuvor hatte er den Absturz schnell als «Terrorakt» eingestuft und versichert, seine Regierung trage keine Schuld. Der selbst ernannte Premierminister der Donezker Volksrepublik versicherte seinerseits, seine Leute seien es auch nicht gewesen, sie hätten für eine solche Untat gar nicht die technischen Mittel. Schuldzuweisungen, Vorwürfe. Russlands Präsident Putin befand, die Ukrainer seien schuld, weil sie in ihrem Land Krieg führten. Immerhin dementierte er nicht, dass die Separatisten eine Rakete auf ein Passagierflugzeug abgeschossen haben könnten – Separatisten, die Moskau instruiert und an der langen Leine führt.

In der Ostukraine nistet sich nun das Entsetzen in den Köpfen ein, ebenso wie in den Köpfen der Familien der Toten. Auch an der russischen Grenze ist ja die Welt nicht in Ordnung. Es herrscht Krieg in der Ostukraine, die Separatisten haben die Region seit Wochen in ihrer Gewalt, immer wieder gibt es Kämpfe. Am Donnerstagnachmittag aber war es einigermassen ruhig in Rassypnoje, Familien gingen zum Baden, Bauern ernteten Kirschen, Sonnenblumenfelder leuchteten bis zum Horizont.

Doch ein Knall, ein Absturz, ein Aufschlag ändern alles an diesem stillen, heissen Tag. Und so wird es für lange Zeit noch bleiben. Grosse Fragen stehen im Raum. Die Antworten werden, wie fast alles in diesem Konflikt, der mittlerweile nicht nur ein Propagandakrieg zwischen Donezk und Kiew, sondern ein ideologischer Kampf zwischen Ost und West ist, umstritten bleiben: War es ein Versehen, war es Unfähigkeit, ein Ter- rorakt, der das Flugzeug der Malaysian Airlines zu Boden brachte? Wer könnte daran ein Interesse haben? Welche globalen Konsequenzen hat der Abschuss einer Passagiermaschine in einem bis dato regional begrenzten Kleinkrieg?

Als solchen interpretieren zumindest die Russen bisher, was in der Ukraine geschieht: Separatisten gegen die Regierung, lokale Kräfte mit lokalen Interessen – so sollte der Krieg in der Ukraine gesehen und gelesen werden, so sollte er bleiben, und auf dieser Ebene sollte er bestenfalls beendet werden. Die USA beschuldigen Moskau, Regie zu führen. Aber Einmischung der Supermächte gab es bisher nur hinter den Kulissen, und Unterstützung von aussen wurde offiziell bestritten.

Nun ist alles anders. Nun ist plötzlich Malaysia betroffen, und die Niederlande sind es auch. Es gibt Deutsche unter den Toten und Briten. Und in Moskau, in Donezk, in Kiew, in Washington herrscht Alarmstufe Rot, und vielleicht auch Panik.

Für Panik sprechen auch die geposteten und gelöschten Tweets und Gespräche der Milizenführer in der Ostukraine. Zuerst meldet das russische Webportal Lifenews den Abschuss eines Militärflugzeugs: Die russischen Separatisten hätten eine ukrainische Maschine des Typs AN-26 runtergeholt, «gegen halb sechs, nahe des Dorfes Rassypnoje». Dann ätzt der russische Geheimdienst-Oberst mit dem Pseudonym Igor Strelkow, der in Donezk offen die Befehlsgewalt innehat, kurz nach dem Absturz der Maschine auf Donezker Territorium per Twitter: «Gerade haben wir ein AN-26-Flugzeug abgeschossen; die Trümmer liegen hinter dem Schacht Progress herum.» Dann schreibt er: «Wir haben doch gewarnt: Fliegt nicht durch unseren Himmel.» Der Tweet wird dann kurz darauf plötzlich gelöscht.

Womöglich, weil den Separatisten da schon klar wird, dass sie das falsche Flugzeug abgeschossen haben? Darauf deutet ein Wortwechsel hin, den der ukrainische Geheimdienst veröffentlicht hat: Demnach unterhielten sich ein russischer Geheimdienstler namens Igor Belzer und der Milizionär mit dem Kodenamen «Der Grieche» über einen Abschuss, der sich als tragischer Irrtum herausstellen könnte: «Was das abgeschossene Flugzeug angeht: Es war ein ziviles Flugzeug. Da sind viele Leichen von Frauen und Kindern. Die Kosaken sind dort und schauen alles an. Im Fernsehen heisst es, es ist ein AN-26-Transportflugzeug, aber sie sagen, dass Malaysia Airlines drauf steht.» Anwohner des Dorfes hatten die Katastrophe am Donnerstag beobachtet, einige hatten sie gefilmt, schnell waren Bilder und Videos in den Netzwerken, auf denen eine Rauchfahne zu sehen war, so hoch wie einst die Twin Towers in New York.

Was war das, um Gottes willen?

Einen Tag später ist das Grauen nun zu besichtigen. Leichenteile liegen kilometerweit im Gras verstreut: nackte Kleinkinder, hingeschmettert auf das Erdreich, verkrümmte Frauen in zerrissenen Kleidern, einzelne Gliedmassen stecken im Boden, Männer mit verrenkten Beinen liegen im hohen Gras, Köpfe, bedeckt mit Blut. Dazwischen glimmen Berge von verkohltem Metall. Es ist ein von Fotoagenturen abgelichtetes Armageddon auf ein paar Quadratkilometern.

Menschen aus der Gegend, Bergleute in ihren Arbeitsmonturen, mit denen sie direkt vom Schacht zur Unglücksstelle geeilt sind, Jäger, aber auch Einsatzkräfte des ukrainischen Katastrophenschutzes, die nicht vor dem Krieg geflüchtet waren – sie alle streifen durch das Gelände. Alle paar Meter stossen sie auf den Tod in seiner blutigsten Form.

Die Bergungs- und Rettungskräfte müssen sich das antun. Ebenso das Team der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, der OSZE, das in das Grenzgebiet gen Süden gefahren ist. Fünf Mann waren am Freitagmorgen aus der Grossstadt Charkiw aufgebrochen; in Isjum, an der Oblastgrenze, wurden sie von einem Helikopter aus Kiew mitgenommen, der weitere OSZE-Kräfte aus Kiew einflog. Die OSZE ist die letzte internationale Organisation, die im umkämpften Gebiet noch unterwegs war. Sie soll nun die erste sein, die prüft, was geschah, was zu sehen, was zu sichern, was zu retten ist – wenn, ja wenn die Separatisten die Gruppe an die Unglücksstelle lassen. «Wir fahren nicht mehr einfach so los, obwohl es in diesem Fall sicher wichtig gewesen wäre, schnell an den Ort des Unglücks zu gelangen», sagt einer der Mitarbeiter in Charkiw. Aber die Entführung zweier OSZE-Teams habe die Truppe vorsichtig werden lassen.

Und so waren die lokalen Kräfte rund um Rassypoje anfangs allein. Es gibt erste Berichte über Diebstähle. Koffer, Kleider, Wertsachen liegen auf zwölf Quadratkilometern ungesichert herum. Die prorussischen Kämpfer hatten nach dem Abschuss des Flugzeugs versichert, sie würden die Untersuchung der Absturzursache nicht behindern. Aber den Flugschreiber, den sie gefunden haben, sollen sie nach Moskau geschickt haben. Und aus OSZE-Kreisen ist mit einer gewissen Verzweiflung zu hören, man sei doch auch nicht ausgerüstet für eine solche Mission, Tür und Tor stünden offen für Manipulationen, solange keine internationale Sondierungskommission vor Ort sei. «Wann die eintreffen und ob die vorgelassen werden, das kann keiner sagen», orakelt ein OSZE-Mitarbeiter.

Wegen der Frage nach den Schuldigen war in Brüssel schon am Donnerstagabend Unruhe ausgebrochen. Die Sprecherin der EU-Aussenbeauftragten Catherine Ashton sagte gehetzt, die Lage sei «völlig unklar. Wir brauchen die Blackbox.» Ohne Blackbox werde nie Klarheit geschaffen werden können.

Russlands «verdeckter Krieg»

Klarheit. Ein grosses Wort in den politischen Wirren der ukrainischen Krise, die seit Monaten eskaliert. Obwohl doch alle Seiten permanent versichern, sie wollten nichts anderes als eine baldige Beruhigung, Deeskalation, Waffenruhe, Gespräche. Die Realität sieht anders aus. Die Realität – das ist auf ukrainischer Seite das Vorrücken der Armee Richtung Donezk, das immer wieder von den Separatisten gestoppt wird. Die Realität –das sind Separatisten, die immer besser ausgerüstet sind, die vor Monaten noch mit Knüppeln, Pistolen und Turnschuhen durch die Strassen rannten und heute mit Kampfpanzern, Artillerie und Flugabwehrkanonen paradieren. Und mit russischen Kämpfern.

An jenem Tag im Mai zum Beispiel, als die Ukraine ihren neuen Präsidenten wählte, präsentierten die Rebellen in ihrer Hochburg Donezk demonstrativ eine ihrer stärksten Einheiten: Bei strahlendem Sonnenschein fuhren russische Militärlastwagen am Leninplatz vor und zeigten den Anhängern der von den Rebellen ausgerufenen «Volksrepublik Donezk» das Bataillon Wostok, gebildet aus erprobten Kämpfern der Kaukasusrepublik Tschetschenien. Experten berichten, die Kämpfer unterstünden offiziell Russlands Innenminister oder dem Generalstab, und sie sollten in der Ostukraine für den Kreml einen Stellvertreterkrieg ausfechten.

Dafür gibt es viele Indizien. Moskaus Generalstabschef Waleri Gerasimow erläuterte schon Anfang 2013, wie sich Russland seine maskierten Stellvertreterkriege vorstelle – und meinte damit eine Form der Kriegsführung, die nicht nur einst die Sowjetunion, sondern auch das neue Russland mit dem Einsatz von Söldnern und getarnten Spezialeinheiten von Abchasien und Transnistrien bis zu Georgien pflegt. Heute könne, so Gerasimow, durch politischen und wirtschaftlichen Druck, durch massive Propaganda, das Aufstacheln von Protesten der einheimischen Bevölkerung, durch «verdeckte Militärmittel» und Spezialeinheiten selbst «ein blühender Staat im Verlauf von Monaten in einen erbitterten bewaffneten Konflikt verwandelt werden und in Chaos, humanitärer Katastrophe und Bürgerkrieg versinken», schrieb der General im Fachblatt «Militärisch-Industrieller Kurier». Monate später trat dann auf einer Veranstaltung in Moskau, die eben diesem «verdeckten Krieg» gewidmet war, der «Oberst der Reserve» Igor Girkin (Deckname «Strelkow») auf – eben jener Mann, der sich am Donnerstag kurzzeitig mit dem Abschuss eines ukrainischen Flugzeugs brüstete. Kiew, die EU und Washington identifizierten ihn als aktiven Offizier der Spionage- und Sabotageabteilung (GRU) des russischen Generalstabes.

Die Rebellen bekamen aus Russland nicht nur Uniformen und Munition. Am 29. Mai schossen die Rebellen unter Strelkows Kommando bei Slawjansk erstmals einen ukrainischen Armeehubschrauber ab; es war nur der erste Abschuss ukrainischer Maschinen. Ende Juni hatten die Rebellen nach eigenen Angaben in der Nähe von Donezk den Stützpunkt des ukrainischen Luftabwehrregiments A1402 erobert. Sie veröffentlichten am 29. Juni ein Foto des von ihnen dabei angeblich erbeuteten Boden-Luft-Raketen-Systems Buk. Mit einer solchen Rakete soll am Donnerstag die Malaysia-Airlines-Maschine abgeschossen worden sein. Mittlerweile ist man sich auch da nicht mehr so sicher. Gut möglich, heisst es inzwischen in der ukrainischen Hauptstadt, dass die tödliche Rakete direkt von russischem Boden gestartet sei.

Das alles verheisst Schlimmes. Denn die Antwort auf die Frage, wer die MH 17, die in Amsterdam startete, vom Himmel holte, dürfte untergehen im politischen Krieg um die Ostukraine.

In Amsterdam bemüht man sich derweil weiter darum, denen noch Raum zu geben, die trauern wollen, trauern müssen. Die nicht zur politischen Tagesordnung mit ihrem Alltagszynismus übergehen wollen. Huib Gorter, ein grossgewachsener Niederländer und der Vizepräsident von Malaysian Airlines, versucht die Tragik in Fakten zu pressen.

5000 Dollar habe die Airline den Angehörigen jedes Passagiers zukommen lassen. Immer noch sei die Herkunft von vier Passagieren unklar. Er holt tief Luft und zählt auf: 189 Niederländer seien an Bord gewesen, 29 Menschen aus Malaysia, 27 Australier, zwölf Indonesier, neun Briten, vier Deutsche und vier Belgier, drei Philippiner und je einer aus Neuseeland und Kanada. Dann sagt er, es sei extrem schwierig, das Unglück aufzuklären, so weit weg von Amsterdam. Gewiss ist nur: Um 14.15 Uhr am Donnerstag haben sie den Funkkontakt verloren.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 19.07.2014, 08:05 Uhr)

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