Die griechische Tragödie

Die Zeit läuft aus, der Showdown ist nah. Beim Duell Griechenland gegen den Rest der Eurozone haben die einen die besseren Ideen. Und die anderen die besseren Karten.

Griechenland hält verzweifelt die Hand hoch – doch um zu bitten, sind die Griechen zu stolz. Foto: Keystone

Griechenland hält verzweifelt die Hand hoch – doch um zu bitten, sind die Griechen zu stolz. Foto: Keystone

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Man kann die Krise in der Eurozone als Gangsterdrama beschreiben. So wie Paul Krugman in folgendem Dialog:

Deutschland zu Griechenland: «Hübsches Bankensystem, das ihr hier habt. Wäre schlimm, wenn dem was passierte.»

Griechenland zu Deutschland: «Wirklich? Wir würden es auch hassen, wenn eure hübsche, nette Europäische Union explodieren würde.»

In der Tat geht es in Brüssel nicht zuletzt darum, wer eine Katastrophe mehr fürchtet: Griechenland oder die EU. Die einzige Waffe der Griechen ist ihre Verzweiflung: Sie haben fast nichts mehr zu verlieren. Alle sonstige Munition lagert auf der Seite der EU: Vor allem Schuldscheine und Zeit. Ohne Kredit ist Griechenland Ende März bankrott. Doch die Lage ist mehr als nur ein Showdown. Sie hat alle Zutaten einer klassischen Tragödie.

Der Held

Die neue griechische Regierung hat eigentlich keine Wahl. Hat sie recht und ihr Land ist bankrott, dann ist das jetzige System, Kredit mit Kredit zu stopfen, ein Verbrechen.

Und Tod ist besser als Leben. Bis heute hat die von den Gläubigern diktierte Sparpolitik die Wirtschaft um 25 Prozent geschrumpft und die Hälfte der Jugend arbeitslos gemacht – und nicht nur Geld, sondern auch weite Teile der Zukunft vernichtet.

Das Einzige, was in dieser Lage bleibt, ist der Stolz. Schon lang hat man keine Politiker solche Sätze reden gehört. Sie haben kein Geld. Und so bestehen die Interviews der neuen Regierung aus Worten wie Würde, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Vernunft.

Und dazu kommt noch der Mut. Und zwar zu einfachen Fragen: Wenn die bisherige Politik trotz Hunderten Milliarden nur Unglück und mehr Schulden gebracht hat, wäre es nicht eine Idee, sie zu ändern? Könnte man nicht Europa anders organisieren: klüger, freundlicher, lukrativer?

Tatsächlich ist das Verblüffende in dieser Krise: Ausgerechnet aus dem seit ewig korrupten Griechenland kommen die seit langem ehrlichsten Worte, die klarsten Fragen zu Europa. Und dann skizzieren diese Leute auch so etwas wie einen Plan.

Der Gegner

Die Eurozone ist ein Monster, so wie jeder mit 19 Köpfen. Und wie jedes Monster gefährdet. Und tapfer. Seit 2009 frisst sich die Krise wie ein Krebs durch die Zone: Immer neue Ausbrüche, neue Operationen, neue Pflaster. Eine lange, teure, komplexe, aber durchaus heroische Wurstelei liegt hinter der Zone – zu einem hohen Preis: Inzwischen ist Europa fast unkenntlich geworden. Rettungsschirme, Schuldenbremsen, Kreuz- und Querkredite – man sieht vor lauter Verbandszeug kaum noch ein Gesicht.

Nach all diesen Operationen will dieses Wesen nur noch eines: Ruhe. Und das so verzweifelt wie der Held den Aufbruch will.

Der Konflikt

Materiell verlangt die griechische Regierung erstaunlich wenig: einen Überbrückungskredit bis Sommer. Und eine Umdeklaration der Schulden – von wertlosen, da nie rückzahlbaren Papieren, auf solche, deren Ertrag ans griechische Wirtschaftswachstum gekoppelt ist. Worauf Gläubiger und Schuldner in einem Boot sässen.

Doch Zustimmung hiesse für die EU: den Bankrott der eigenen Politik zu deklarieren, einer extrem schmerz­haften Politik: Das Spardiktat hat die Aussenländer des Kontinents in tiefe Depression getrieben. Die EU müsste das Schwerste zugeben: Umsonst gelitten zu haben. Kein Wunder, stiess die griechische Regierung auf Eis.

Die Schuld

In jedem vernünftigen Drama haben alle Leichen im Keller. Die griechischen Politiker belohnten über Jahrzehnte ihre Klientel. Und fälschten systematisch alle Bücher. Die Gläubiger, genauer: ihre Banken, verliehen im Boom rücksichtslos Geld. Nach dem Crash pumpten die Regierungen zwar 240 Milliarden Richtung Griechenland. Doch geschätzt bis zu 90 Prozent davon floss in die Kreditabzahlung. Kurz: Man kaufte nur die eigenen Banken aus.

Ausserdem war der Profiteur auch der Auslöser der Krise: Deutschland. Durch die dortige Wirtschaftsflaute sank der Durchschnittszins im Euro so tief, dass im Süden ein Bauboom losbrach, befeuert von den Banken, nicht zuletzt aus dem Norden.

Die Tragik

Die Tragik der neuen griechischen Regierung ist, dass sie als Erste Ehrlichkeit versucht: einen klaren Blick wie den Kampf gegen Korruption. Nur wahrscheinlich zu spät. Sie hat weder Zeit noch Geld – also keine Chance.

Die Tragik Europas ist, dass die Griechen recht haben. Damit, dass das jetzige System Milliarden in Löchern versenkt. Und dass es eine tödliche Strategie ist, wenn ein Kontinent gleichzeitig spart: Weil dann niemand mehr kauft. Und investiert.

Darüber hinaus skizzieren die Griechen einen Plan, der nicht die Symptome, sondern die Krankheit anpackt. Der Geburtsfehler des Euro ist, dass er 19 völlig verschiedene Staaten zur gleichen Wirtschaftspolitik zwingt. Und diese ist, da Deutschland das bei weitem grösste Land ist, immer die Deutschlands.

Eine Lösung wäre die Anerkennung dieser Realität. Und damit ein deutscher Marshallplan für die Krisenländer, investiert in Wachstum statt Feuerwehr. Klar, wäre das teuer. Doch mit Deutschland als Klein-USA wäre der Kontinent weit entspannter. Berlin hätte zwar mehr Verantwortung. Aber auch Ruhe. Glanz. Und europaweit gesicherte Kundschaft.

Nur: Die Tragödien laufen seit Jahrtausenden gleich. Jemand trifft auf eine müde Welt. Und die Welt siegt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 12.02.2015, 23:31 Uhr)

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