Die schnelle, kurze Woche der Osterglocken

Halb Europa kauft in dieser Woche Narzissen aus Holland. Aber schon nächste Woche will sie kein Mensch mehr. Timing ist alles in diesem Geschäft. Und Handarbeit, viel Handarbeit.

Der Blumenhandel ist ein bedeutender Wirtschaftszweig in Holland. Video: Sabina Bobst

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Wer an Holland und landwirtschaftliche Produkte denkt, der denkt an sterile Gewächshäuser. Oder an riesige Felder. Doch nun stehen wir vor einem grün gestrichenen, etwas heruntergekommenen Wellblechgebäude von der Grösse einer Scheune. Links stehen Wohnhäuser, rechts ein Lagerhaus, der Acker hinter uns liegt brach. Wir befinden uns in Noordwijkerhout in Südholland. Die kleine Stadt hat 13'000 Einwohner und ist eine Osterglocken-Metropole, hier sind mehrere spezialisierte Gärtnereien ansässig, die halbe Einwohnerschaft hat mit Blumen zu tun. Die grüne Scheune gehört Ton Warmerdam, der jedes Jahr mehr als zwei Millionen Osterglocken produziert. Nur wo?

Ton Warmerdam, ein untersetzter Mittfünfziger mit strubbeligem weissem Haar, führt uns in den Wellblechbau. Es ist kühl hier drin und ziemlich dunkel. Auf einem hohen Gestell lagern dicht übereinander Hunderte flache Holzkisten, darin spriessen Osterglocken. «Die kommen erst ins Gewächshaus, wenn sie etwa zehn Zentimeter hoch sind», sagt Warmerdam. Kalter Seewind pfeift in die Halle, doch das macht den Blumen nichts aus, im Gegenteil. Liegen die Temperaturen über fünf, sechs Grad, wachsen die Osterglocken schneller, als Warmerdam und seine Mitarbeiter sie pflücken können.

Es ist jedes Jahr dasselbe: Halb Europa will vor Ostern Narzissen auf dem Stubentisch. Ist der Ostermontag dann vorbei, kauft sie kein Mensch mehr. Wer mit den Blumen sein Geld verdienen will, der braucht deshalb ein Gefühl fürs Timing. Das beginnt schon im Juni mit dem Sortieren der Osterglockenzwiebeln für die nächste Saison.

Kühlhaus statt Winter

Längst nicht jede Blumenzwiebel ist geeignet, um zu erblühen. Zwiebeln, die nicht grösser als eine Knoblauchzehe sind, scheiden aus. Sie werden im Freiland gepflanzt. Ab April bescheren sie Holland die berühmten Narzissenfelder. Doch diese Blumen werden nie verkauft, sondern liefern die Zwiebeln für die kommende Saison.

Die grösseren Zwiebeln bekommen eine spezielle Behandlung: Die Züchter lagern sie 16 Wochen lang bei neun Grad im Kühlhaus. Warmerdam stellt schon im Juli die ersten Kisten kühl, danach folgt alle zwei Wochen eine weitere Charge. So staffelt der Gärtner die Produktion von Anfang an. «Im Kühlhaus spielen wir den Zwiebeln den Winter vor», erklärt Warmerdam. «Dann treiben sie nachher schön aus.» Kurz nach Weihnachten dürfen die ersten Blumenzwiebeln ins Gewächshaus, eine Woche bis zehn Tage später werden die ersten Osterglocken gepflückt.

Warmerdam bittet uns in eines seiner drei Gewächshäuser, die auf der Rückseite des Wellblechgebäudes liegen. Es ist mit etwa 200 Quadratmetern überraschend klein. Tausende Osterglocken wachsen hier dicht an dicht in Holzkisten, ganz traditionell in Blumenerde gepflanzt. Die Kisten sind auf Hüfthöhe aufgebockt. Sieben Pflückerinnen und Pflücker, die meisten Saisonniers aus Osteuropa, sind mit der Ernte beschäftigt. Ein Knochenjob. Mit Daumen und Zeigefinger knipsen sie die Blumenstängel knapp über der Zwiebel ab. Mit Gummiringen, die sie zu Hunderten übers Handgelenk gestreift haben, binden sie jeweils zehn Blumen zu einem Bund zusammen. Gute Pflücker schaffen 5000 Blumen am Tag . Zwei Wochen dauert es, bis die Kisten keine weiteren Blumen mehr hergeben. Dann werden sie durch eine nächste Fuhre aus dem Lager ersetzt.

Von der typischen gelben Farbe der Frühlingsblumen ist noch nichts zu sehen, die Knospen sind fest geschlossen. Und das soll auch so bleiben, bis die Blumen vier Tage später in den Läden stehen. Deshalb kommen die Osterglocken direkt nach dem Pflücken ins Kühlhaus, das jetzt eine Temperatur von zwei Grad hat. «Sind die Blüten erst einmal geöffnet, kaufen sie die Kunden nicht mehr», sagt Blumenhändler Ron Hogenboom.

Investitionen? Wozu?

Der 48-jährige Hogenboom begleitet uns an diesem Tag zu zweien seiner Lieferanten. Wir würden, so hatte er angekündigt, «einen modernen und einen traditionellen» Betrieb sehen. Nach dem Besuch bei Warmerdam sind wir auf den modernen Betrieb gespannt. Hogenboom erzählt uns auf der Fahrt zum zweiten Züchter von der hochmodernen Tulpenzucht seines Bruders Charles. Der zieht in klimatisierten Gewächshäusern Blumen aus Zwiebeln, die nie mit Erde in Berührung kommen. So etwas in der Art erwarten wir beim nächsten Gärtner, Cees van der Hulst.

Zu unserer Überraschung stellt sich dann aber heraus: Blumen in aufgebockten Kisten, das ist bei den Osterglockenzüchtern modern. Cees van der Hulst ist selbst das zu neumodisch. Er pflanzt seine Osterglocken wie eh und je in den Boden. «Klar ist das Pflücken so strenger. Dafür hält es mich fit», meint der sportlich wirkende, knapp 60-jährige Gärtner. «Zudem ist es mühsam, alle zwei Wochen einen ganzen Tag zu investieren, um die abgeernteten Kisten durch neue zu ersetzen.» Van der Hulst staffelt seine Ernte mit einem seit Jahrzehnten bewährten System. Seine Gewächshäuser stehen auf Schienen und lassen sich mit einem Traktor ganz einfach über das Feld schieben, das als nächstes abgeerntet wird. Die Narzissen, die noch nicht wachsen sollen, sind mit einer zehn Zentimeter dicken Strohschicht bedeckt.

Es ist eine bodenintensive Anbauart, aber sie ist unter den Osterglockenproduzenten weit verbreitet. Rund 350 Blumen pro Quadratmeter erntet van der Hulst, kein Vergleich zu Warmerdam. Der kommt auf mehr als 4000. Damit kann er, was den Flächenverbrauch betrifft, mit dem modernen Betrieb von Ron Hogenbooms Bruder Charles mithalten. Doch im Übrigen liegen auch zwischen Warmerdams Osterglockengärtnerei und der Tulpenzucht von Charles Hogenboom Welten.

Bei Charles Hogenboom ist fast alles mechanisiert. Wann die Pflanzen gegossen werden, bestimmt eine Zeitschaltuhr; weil die Tulpen nicht in Erde wachsen, sondern in Plastikkisten stecken, wirkt das Gewächshaus fast klinisch sauber. Selbst die Ernte ist rationalisiert. Die Pflückerinnen und Pflücker ziehen die Kisten auf einem Schienensystem zu sich, zupfen die Tulpen samt Zwiebeln aus und legen sie auf ein Förderband. Eine Maschine schneidet die Blumen auf die richtige Länge und bindet sie in beliebiger Anzahl zusammen. «Man muss mit der Zeit gehen und investieren», ist Charles Hogenboom überzeugt. Er erntet mit halb so vielen Angestellten doppelt so viele Blumen wie Warmerdam.

Ton Warmerdam und Cees van der Hulst überlassen das Investieren lieber der nächsten Generation. Beide sind bestenfalls noch zehn Jahre im Geschäft – zudem wirtschaftet auch die Konkurrenz nicht anders. «Es gibt kaum Maschinen für uns Osterglockenzüchter», sagt Tom Warmerdam. «Wir sind so wenige, wir sind als Markt nicht interessant.» Liessen sich Osterglocken nicht mit der gleichen Technologie züchten wie Tulpen? Warmerdam winkt ab. Osterglocken seien ganz anders als Tulpen. Es klingt ein bisschen nach: Warum etwas ändern, was seit Jahrzehnten funktioniert? Die Osterglockengärtner leben auch so nicht schlecht, die meisten wirtschaften auf eigenem Land, ihre Fixkosten sind tief. Für Experimente liefern die Gärtnereien zu wenig Gewinn ab.

Sorgen mit England

Konkurrenz haben die holländischen Osterglockengärtner kaum. Sie beliefern fast ganz Europa. Einzig in England gibt es noch grössere Zuchten, doch der Marktanteil der Holländer ist mehr als doppelt so hoch.

Meist kommen die Produzenten der beiden Länder gut aneinander vorbei. Denn die englischen Züchter bauen ihre Osterglocken im Freiland an und beginnen in der Regel erst Ende Februar, Anfang März mit der Ernte. Dieses Jahr aber ist alles anders: Wegen des warmen Winters kamen die englischen Narzissen bereits Ende Januar auf dem Markt. Das sorgte für Druck auf die Preise. Sieben bis acht Rappen Cent erhalten die Züchter pro Narzisse. «Eigentlich bräuchten wir zwölf», findet Züchter van der Hulst. Wenn es so weitergehe, rentiere die Zucht nicht mehr. Händler Ron Hogenboom relativiert die Klagen: «Jetzt profitieren die Engländer. Aber in Jahren, in denen in England Schnee liegt, profitieren wir.»

Sowieso ist das Blumengeschäft ein Risikospiel. Ein beträchtlicher Teil des Handels läuft seit je über Börsen, der Preis schwankt beträchtlich. Schon im 17. Jahrhundert dienten Tulpen als Spekulationsobjekt; berüchtigt ist die Tulpenmanie, die im Winter 1636/37 angeblich halb Holland ruinierte. Wie man heute weiss, war die erste Spekulationsblase der Geschichte wohl nicht das ganz grosse Drama: Die exorbitanten Preise für gewisse Tulpenzwiebeln existierten nur auf dem Papier.

Zwei Grad für Frühlingsblumen

Gut zehn Kilometer von Noordwijkerhout entfernt liegt Rijnsburg, 14'500 Einwohner. Die Stadt hat eine Industriezone, die praktisch vollständig in den Händen der Blumenhändler ist. Auch Ron Hogenbooms Firma, die noch immer den Namen des Gründers Nic den Heijer trägt, ist hier angesiedelt.

In Hogenbooms Lagerhalle finden wir die Farben, die wir in den Gewächshäusern vermisst haben. Die bunte Pracht der Gerbera, Chrysanthemen, Rosen, Nelken erschlägt uns fast. All diese Blumen kommen, anders als Tulpen und Osterglocken, mit mehr oder weniger geöffneten Blüten auf den Markt. Denn nur die beiden Zwiebelgewächse blühen auch dann zuverlässig auf, wenn sie mit geschlossenen Köpfchen geerntet werden.

Ein paar Mitarbeiterinnen sind gerade damit beschäftigt, die Osterglocken für den Versand fertig zu machen. Viel gibt das nicht zu tun: Die Zehnerbündel werden so, wie sie aus der Gärtnerei kommen, in eine Plastikhülle gesteckt und in Eimern auf einen Rollwagen gestellt. Eine simple Plastikfolie, um den Rollwagen gewickelt, verhindert, dass die Blumen während des Transports herunterfallen. Keine 36 Stunden nach dem Pflücken werden die Osterglocken in Kühlcamions verladen. Nach einer 800 Kilometer langen Fahrt durch die Nacht kommen sie in der Schweiz an. Spätestens einen Tag danach stehen sie im Laden. Aber nur noch bis am Samstag. Am Montag ist die Saison vorbei.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.03.2016, 23:12 Uhr)

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