Die unersättliche Prinzessin

Die Tochter des usbekischen Diktators Gulnara Karimowa steht im Zentrum des grössten Geldwäschereiskandals in der Schweiz. Nun inszeniert sich die einstige UNO-Diplomatin und Popsängerin als Opfer.

Sonnte sich 2012 an den Filmfestspielen in Cannes im Rampenlicht: Gulnara Karimowa. (Archivbild)

Sonnte sich 2012 an den Filmfestspielen in Cannes im Rampenlicht: Gulnara Karimowa. (Archivbild) Bild: Ian Gavan (Getty Images)

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Satanismus und Hexerei, Paläste und Juwelen, blutige Intrigen und dunkle Kerker, ein brutaler Herrscher, eine hinterhältige Königin und eine schikanierte Prinzessin: Diese Geschichte hätte die Zutaten für eine griechische Tragödie oder wenigstens für eine italienische Oper – wäre Gulnara Karimowa als Hauptdarstellerin nicht völlig unglaubwürdig. Die älteste Tochter des Diktators von Usbekistan wird seit Mitte Februar in ihrer Villa in Taschkent unter Haus­arrest gehalten, ohne Telefon- und Internetverbindung. Ihre Website ist gesperrt, ihre Ladenkette geschlossen, ihr Anwesen bei Genf verlassen.

Ab und zu gelangt ein herausgeschmuggeltes Schreiben an die Öffentlichkeit, in dem sie in wirren Sätzen über ihr Schicksal klagt. Im Netz einer bösen Spinne, ihrer eigenen Mutter Tatjana, sei sie gefangen, glaubt Gulnara Karimowa. Ihre Schwester Lola, die Chefs des Geheimdienstes und des präsidialen Sicherheitsdienstes – alle hätten sich gegen sie verschworen und den Präsidenten, ihren Vater Islam Karimow, mit falschen Informationen gegen sie, die Erstgeborene, aufgebracht.

800 Millionen Franken

Zweifel an ihrer Darstellung sind angebracht. Denn Gulnara Karimowa steht im Zentrum eines Riesenskandals, der ein schlechtes Licht auf Usbekistan und seinen Machthaber wirft. Es geht um den grössten Fall mutmasslicher Geldwäscherei, der in der Schweiz je ruchbar wurde: 800 Millionen Franken wurden vorsorglich gesperrt. Ein Teil des Geldes dürfte von einem Korruptionsfall in Schweden stammen, der beim Mobilfunkriesen Telia Sonera reihenweise zu Rücktritten geführt hat.

Die Schweden sollen Gulnara Karimowa über 270 Millionen Franken bezahlt haben, um sich Zugang zum usbekischen Markt verschaffen zu können. Die Schmiergeldzahlung an «die Prinzessin von Taschkent» ist wenig erstaunlich: Usbekistan gilt als eines der korruptesten Länder der Welt. Wirklich erstaunlich ist, dass die Transaktion aufgeflogen ist. Nun fragt sich die gesamte usbekische Elite, ob ihre Geheimkonten noch sicher sind.

Aussichtsreiche Kandidatin

Dass Gulnara Karimowa sich eine Blösse gegeben hat, freut viele in ihrer Heimat. Ein US-Diplomat hat sie in einer Depesche, die bei Wikileaks nachzulesen ist, als «Räuberbaronin» und «meistgehasste Frau des Landes» beschrieben. Die 41-Jährige hat sich über die Jahrzehnte grosszügig am Reichtum ihres Landes bedient und bisweilen sogar die Geheimpolizei vorgeschickt, um sich lukrative Unternehmen anzueignen. So gelangte die usbekische Nirvana-Ladenkette in ihren Besitz.

Mangelnde Initiative kann man ihr nicht vorwerfen. Gulnara hat an der Harvard-Universität studiert (was angesichts ihrer verworrenen Schreiben voller Plattitüden kaum zu glauben ist). Sie war Botschafterin in Spanien und zuletzt, bis vergangenen Juli, bei der UNO in Genf. Sie führte die grösste kulturelle Stiftung Usbekistans. Jahrelang galt sie als aussichtsreiche Kandidatin für die Nachfolge ihres Vaters: Der 76-jährige Diktator ist gesundheitlich angeschlagen – und nächstes Jahr stehen Wahlen an.

Die Rache des Karimow-Clans

Spektakulär gescheitert ist allerdings ihre Ehe. Als 19-Jährige heiratete sie 1991 Mansur Maksudi, Spross einer steinreichen amerikanischen Familie afghanischer Abstammung. Mit ihrer Hilfe wurde Maksudi in Usbekistan zum «Limonadenkönig», betrieb den örtlichen Ableger von Coca-Cola und eine Reihe lukrativer Handelsfirmen. Sohn Islam, benannt nach seinem Grossvater, wurde 1992 geboren, Tochter Iman kam 1998 dazu. Das Ehepaar war oft in Usbekistan, seinen Wohnsitz hatte es aber in einem Nobelvorort von New York. Im Juli 2001 kam es zum grossen Ehekrach. Über Nacht flüchtete Gulnara mit Sohn und Tochter nach Usbekistan.

Die Rache des Karimow-Clans an Mansur Maksudi liess nicht lange auf sich warten. Geheimdienstler, Steuer­ermittler und Zollbeamte schwirrten aus: Steuerbetrug in Millionenhöhe wurde ihm vorgeworfen, ein Auslieferungsgesuch an die USA gestellt. Maksudi verlor seine Firmen in Usbekistan; Coca-Cola-Chefin des Landes ist heute Gulnara Karimowa. Das Sorgerecht für die Kinder, die amerikanische Bürger sind, sprach ein US-Gericht 2002 dem Vater zu. Aber das blieb ohne Folgen. Sie wuchsen bei der Mutter auf.

Inhaltsleeres Geträllere

Seit der Scheidung hat Gulnara Karimowa neben ihren diplomatischen Aufgaben eine eigene Schmuckkollektion entworfen und sich als Modedesignerin versucht. Die geplante Show bei der New York Fashion Week 2012 wurde ihr aus politischen Gründen verwehrt. Die «exotische Schönheit», wie sie sich selbst beschreibt, erregte auch Aufsehen als Popsängerin «Googoosha». Das war der Kosename, den Vater Islam Karimow ihr einst gegeben hatte. In einem Musikvideo, gedreht im historischen Buchara an der Seidenstrasse, fährt die blondierte, vollbusige, schmollmundige Googoosha einem Lover entgegen, der über die jahrhundertealten Moscheen der Stadt klettert, sprintet und springt, um sie auf dem Dach eines Gebetshauses schliesslich in die Arme zu nehmen.

Islamische Konventionen spielten bei diesem Dreh offenbar keine Rolle, die Kosten für die aus den USA eingeflogene Crew und den hüpfenden britischen Parkoursportler auch nicht – und schon gar nicht die Bevölkerung der Stadt, die hinter vorgehaltener Hand darüber klagte, dass das Zentrum tagelang abgesperrt wurde, damit die Präsidententochter auf menschenleeren Plätzen ihr inhaltsleeres Geträllere inszenieren konnte.

Vom Sockel gestossen

Die schillernde Fassade von kultureller und diplomatischer Karriere erhielt im Juni 2012 tiefe Risse, als die Genfer Privatbank Lombard Odier einen Verdacht auf Geldwäsche nach Bern meldete. Die Bundesanwaltschaft liess mehrere Hundert Millionen Franken sofort sperren. Sie bestätigte wenig später, dass sie zwei Usbeken vorübergehend festgenommen hatte. Die Ermittlungen wurden auf vier Personen aus dem Umfeld von Gulnara Karimowa ausgeweitet. Die Diktatorentochter selbst genoss als Botschafterin in Genf jedoch diplomatische Immunität.

Neuen Auftrieb erhielten die Ermittlungen, als das schwedische Fernsehen im September 2012 die Schmiergeldzahlungen von Telia Sonera aufdeckte. Die Millionen waren an ein in Gibraltar eingetragenes Unternehmen geflossen, das nominell von einer Vertrauten von Gulnara Karimowa geführt wird. In den nächsten Monaten häuften sich die Hinweise gegen die «Prinzessin»; offenbar hatte sie beim Telecomgeschäft massiv abkassiert.

Im Juli 2013 hatte Diktator Karimow genug von den schlechten Nachrichten. Er beorderte seine Tochter nach Usbekistan zurück. Kaum war die diplomatische Immunität als UNO-Botschafterin aufgehoben, griff die Bundesanwaltschaft zu. Ermittler durchsuchten ihre 18-Millionen-Villa in Coligny am Genfersee. Verschiedene Tresore wurden aufgebrochen, Ermittlungen gegen Gulnara Karimowa danach offiziell aufgenommen.

Mundtot gemacht

Sie gab nicht einfach auf. Über ihr Twitter-Konto verteidigte sie sich – und begann, Vorwürfe gegen ihre Mutter, ihre Schwester, die Geheimdienste und andere Mitglieder des usbekischen Machtapparats zu verbreiten. Da war die Rede von Hexerei und satanischen Ritualen. Sich selbst stellte sie als Kämpferin für Menschenrechte und gegen Willkür dar. Doch die Demontage der ältesten Karimow-Tochter nahm ihren Lauf. Ihre jüngere Schwester, Lola Karimowa-Tilljaewa, erklärte der BBC in einem Interview, sie habe mit ihrer Schwester seit zwölf Jahren kein Wort gesprochen. «Es gibt keine verwandtschaftlichen oder freundschaftlichen Kontakte zwischen uns», betonte die usbekische Unesco-Botschafterin.

Auch Lola Karimowa bewohnt eine Luxusvilla bei Genf. Ihr Mann gilt als «erfolgreicher Geschäftsmann» – Geschäfte, die auf seinen Beziehungen zur usbekischen Herrscherfamilie beruhen. Gulnara hat den beiden Kokain-Exzesse und Korruption vorgeworfen, Lola hat ihr juristische Konsequenzen angedroht. Kritiker der Älteren sahen sich Ende 2013 in ihrer verlassenen Genfer Villa um – irgendwer hatte ihnen einen Schlüssel überlassen. Sie liessen die Welt wissen, was sie dort fanden: Gold und Juwelen, aber auch Kunstwerke und -schätze, die aus Museen in Usbekistan stammten.

Mitte Februar dann wurde Gulnara mundtot gemacht: Der Geheimdienst stürmte ihr Haus in Taschkent, ihr Twitter-Konto verstummte. Drei ihrer engsten Vertrauten wurden verhaftet, auch ihr Liebhaber Rustam Madumarow, ein Popstar und «erfolgreicher Geschäftsmann». Er wurde «mit verbundenen Augen über den Boden geschleift», schrieb Gulnara in einem Brief, welcher der BBC zugespielt wurde. Niemand weiss, wo die Verhafteten heute sind. Die Gefängnisse im Land der Karimows sind berüchtigt; Folter ist verbreitet, manche Dissidenten sollen zu Tode gekocht worden sein. Kaum besser sind die psychiatrischen Anstalten, wo Kritiker mit Medikamenten gefügig gemacht werden.

In Taschkent isoliert

Nur ihre 15-jährige Tochter Iman leistet Gulnara Karimowa noch Gesellschaft. «Ich habe heute so geschluchzt, dass Imans Depression noch schlimmer geworden ist», klagte die tief Gefallene in einem Brief, der von der regierungskritischen Website UzNews.net verbreitet wurde. Dabei ist Iman wohl ein Schutz für Gulnara: Weil ihre Tochter US-Bürgerin ist, wird sie von Mitarbeitern der amerikanischen Botschaft im Hausarrest besucht. Die USA unterhalten trotz aller Menschenrechtsverletzungen gute Beziehungen zu Karimows Regime, weil Us­bekistan einen Transportkorridor nach ­Afghanistan bietet.

UzNews.net erhielt auch zwei Fotos, die Gulnara Karimowa zeigen: eine Frau mit verwüsteter Frisur im Nachthemd, die aus einem Kartonbecher trinkt – Welten entfernt von der glamourösen Präsidententochter, die Gérard Depardieu als Partner für ein Duett verpflichtete.

Gegen diese Frau ermittelt die Bundesanwaltschaft wegen Verdachts auf Geldwäscherei, wie sie im März bestätigte. Wenig später gab die Staatsanwaltschaft in Schweden bekannt: Sie habe konkrete Hinweise darauf, dass Gulnara Karimowa die Person sei, welche die Korruptionszahlungen bei Telia Sonera «koordiniert, kontrolliert und davon vorrangig profitiert» habe.

«Was ist so schlecht daran?»

Einfach sind die Ermittlungen gegen Karimowa nicht. Untersuchungen laufen auch in Frankreich, Holland, Deutschland und in den USA. Die Staatsanwälte stossen auf Widerstand. Usbekistan konnte unlängst einen Sieg vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona verbuchen: Die in Gulnara Karimowas Villa sichergestellten Dokumente und Computer gelten als diplomatisches Material, sie dürfen nicht ausgewertet werden.

Islam Karimow mag seine Tochter fallen gelassen haben. Aber der Diktator will verhindern, dass die Ermittler seinen innersten Machtzirkel weitergehend ausleuchten und erschüttern. Immerhin hat er Mitte Mai klargemacht, dass er 2015 für eine weitere Amtszeit antreten will, nach bereits 25 Jahren an der Macht. «Ich werde dafür kritisiert, aber ich will weiterarbeiten», sagte Karimow. «Was ist so schlecht daran?» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.06.2014, 22:35 Uhr)

Stichworte

Republik im Herzen Zentralasiens: Usbekistan. (Bild: TA-Grafik mrue)

Karimowa als Popsternchen

(Quelle: YouTube/RizaNovaUZ)

Karimowa mit Depardieu

(Quelle: YouTube/Moss Queldestin)

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