Die ungeheuerlichen Geheimnisse der Mächtigen von Westminster

Haben hohe Politiker in London jahrzehntelang Kinder missbraucht – und sich in einem Pädophilen-Ring Pornografie und Minderjährige zugeschoben? Das glauben drei Viertel aller Briten.

Nebulöse Vorgänge in den Korridoren der Macht: Ein Pädophilen-Ring soll auch in Westminster agiert haben. Foto: Getty Images

Nebulöse Vorgänge in den Korridoren der Macht: Ein Pädophilen-Ring soll auch in Westminster agiert haben. Foto: Getty Images

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Kein Tag scheint diesen Sommer zu vergehen, an dem nicht neue, schockierende Nachrichten über Kinderpornografie und den Missbrauch von Minderjährigen an die Öffentlichkeit kommen in Grossbritannien. Kürzlich erst hat die Polizei nach einem landesweiten Grosseinsatz die Verhaftung von 660 Personen gemeldet. Lehrer, Ärzte, Sozialarbeiter und ehemalige Polizeibeamte sind darunter, von denen einige bereits in Untersuchungshaft sitzen. 10'000 Namen insgesamt will die Polizei – einem Bericht der Londoner «Times» zufolge – auf ihrer Pädophilen-Liste haben.

In den Zeitungen sind zugleich endlose Berichte über Verfahren zu lesen, in denen sich ehedem populäre Entertainer vor Gericht verantworten müssen. Zuletzt ist der Musiker, Maler und Fernsehunterhalter Rolf Harris wegen jahrzehntelangen Missbrauchs von Kindern und anderen arglosen Opfern ins Gefängnis gewandert. Seine Fans hatten ihn für einen schrulligen Charmeur ­gehalten. Die Königin selbst sass ihm einmal Modell für ein Ölgemälde.

Den übelsten Kinderschänder und Vergewaltiger, BBC-Moderator Jimmy Savile, hat man ja nicht mehr zur Rechenschaft ziehen können. Er starb vor drei Jahren, nachdem er ein Leben lang ungehindert Babys, Kinder, Teenager, Patienten und Behinderte sexuell missbraucht hatte. Zwei Dutzend interne und öffentliche Untersuchungen sind in Gang gesetzt worden. Das Vertrauen in die BBC, in Heimleiter, Behörden, Schulen ist schwer erschüttert. Bitter wird die Schuldfrage debattiert.

«Mächtige wurden geschützt»

Nun aber wittern viele Briten Ungemach in einer Institution, die es sich am allerwenigsten leisten kann, weiter in Verruf zu kommen. Und zwar bei ihren gewählten Volksvertretern, beim eigenen Parlament. Immer mehr verdichten sich die Hinweise darauf, dass in vergangenen Jahren auch Abgeordnete und Minister sich an Kindern vergangen haben. Und immer mehr regt sich der Verdacht, dass solche Verbrechen über Jahre vertuscht und verschwiegen wurden.

Selbst konservative Politiker (gegen deren Partei die schwersten Vorwürfe erhoben werden) räumen mittlerweile ein, dass nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein konnte, vor allem in den 70er- und 80er-Jahren. Zac Gold­smith, Tory-Abgeordneter für Richmond, ist «absolut überzeugt davon, dass es eine Reihe von Cover-up gegeben hat, durch die mächtige und einfluss­reiche Leute geschützt wurden».

Lord Tebbit, Ex-Parteipräsident der Konservativen und ein enger Vertrauter Margaret Thatchers in den 80ern, hat von einer Art kollektivem Selbstschutz-Instinkt des Establishments gesprochen: «Damals sind die meisten Leute davon ausgegangen, dass es vor allem das Establishment, das System, zu schützen galt. Wenn da mal ein paar Dinge schiefliefen, war es wichtiger, dass das System keinen Schaden nahm.»

Die «paar Dinge», die seinerzeit «schiefliefen», beginnen nun freilich die alte Tebbit-Partei in Panik zu versetzen. Die Regierung David Camerons hat darum in aller Eile Aufklärung auch über mögliche Verfehlungen Westminsters versprochen – und eine grosse richterliche Untersuchung zu «sämtlichen Missständen» bei der Behandlung von Kindsmissbrauch «durch öffentliche Körperschaften und bedeutende Institutionen» im Vereinigten Königreich angeordnet. Für den Tory-Premier steht die Glaubwürdigkeit seiner Partei und seiner Regierung, darüber hinaus aber auch der Ruf des Parlaments generell (eben des ganzen «Systems») auf dem Spiel.

Was die politische Elite dabei aufgeschreckt hat, ist das kursierende Wort vom «Pädophilen-Ring in Westminster». Umfragen zufolge glauben drei Viertel aller Briten an eine Serie unaufgeklärter Verbrechen, begangen durch hohe Politiker. Vermutungen in dieser Richtung hat es schon lange gegeben. So stand zum Beispiel schon früh ein Privatsekretär Margaret Thatchers, Sir Peter Morrison, im Verdacht, etwas «mit kleinen ­Buben» zu haben.

Morrison, dessen Vater die schottische Insel Islay besass, auf der Thatcher gern Ferien machte, wurde in den 80er-Jahren beim Auflesen junger Leute in London und bei Besuchen in Kinderheimen in Wales beobachtet. Er wurde 1990 von der Polizei aufgegriffen, als er Sex mit einem 15-Jährigen in einer Bahnhoftoilette hatte. Der Abgeordnete für Chester und wohlhabende Thatcher-­Günstling kam damals mit einer Verwarnung davon. Polizisten, die mit dem Fall befasst waren, klagten später darüber, dass «ein weniger einflussreicher» Mensch als Morrison «nicht so glimpflich» behandelt worden wäre. Beweismaterial, das gegen den Parlamentarier gesammelt worden war, verschwand im Nachhinein.

Morrison starb 1995. Ebenfalls verstorben ist vor ein paar Jahren der liberaldemokratische Abgeordnete Cyril Smith, von dem es im Nachhinein hiess, dass er Kinder und andere Minderjährige missbraucht und ähnlich wie Morrison Kinderheime frequentiert habe, um sich dort «kleine Jungs zu holen». Untersuchungen zu diesem Fall sind immer noch im Gang.

Ein prominenter Diplomat, der früher schon aufflog, war Sir Peter Hayman. Hayman war einmal Botschafter Ihrer Majestät in Kanada und angeblich auch Agent für den MI6 gewesen, den britischen Geheimdienst. Er gehörte ­einer neunköpfigen Gruppe an, die ein ganz spezielles Geheimnis verband – das Interesse an Sex mit Kindern. Möglich, dass die ursprüngliche Idee eines «Pädophilen-Rings in Westminster» sich von der Aufdeckung dieser Gruppe herleitete. Übrigens sah die Staatsgewalt auch von einem Verfahren gegen Hayman ab. Auf die Spur gekommen war man Sir Peter, als er einen Packen Kinderpornografie in einem Bus hatte liegen lassen. In der Öffentlichkeit bekannt wurde die Sache aber erst, als Geoffrey Dickens, ein von Kindesmissbrauch angewiderter, couragierter Tory-Abgeordneter, unter Nutzung seiner parlamentarischen Immunität Hayman 1981 im Unterhaus beim Namen nannte.

Zwei Jahre später stellte Dickens einen Bericht zusammen, der die Namen mehrerer hoher Politiker enthalten haben soll. Aufklärung von «seiner» Regierung fordernd, übergab er dieses Dossier Thatchers damaligem Innenminister Leon Brittan, der heute als Lord Brittan im Oberhaus sitzt. Weder der Bericht noch andere Warnzeichen hatten aber jemals Folgen gezeitigt. Als Dickens 1995 starb, geriet sein Dossier in Vergessenheit. Dennoch sind seither Spekulationen über Politiker und Kindsmissbrauch nie verstummt.

Polizeiakten verschwinden

Ein konservativer «Toppolitiker» vor allem geistert durch alle Szenarien, dessen Identität zu enthüllen, bisher niemand wagt. Dem «Daily Telegraph» zufolge soll der Betreffende im Dickens-­Dossier schon genannt worden sein. Möglicherweise war es derselbe Mann, bei dem die Grenzpolizei in Dover einmal «explizite Videos» von Sex mit Kindern im Auto fand. Auch er wurde – anders als die jetzt von der Polizei fest­genommenen 660 Pädophilen – damals nicht verhaftet, nicht öffentlich identifiziert. Jene Videos und die polizeilichen Dokumente aus Dover aber sind, so hat die Polizei unlängst wissen lassen, heute nicht mehr aufzufinden. Das lässt die Leute natürlich aufhorchen. Und schafft neues Misstrauen.

Als der Labour-Abgeordnete und eigensinnige Polit-Detektiv Tom Watson vor zwei Jahren, während der ersten Entrüstung über Jimmy Savile, den notorischen «Ring» wieder zur Sprache brachte, machte er vor allem eine Entdeckung: Dass Informationen zu dieser Frage in einem mysteriösen schwarzen Loch monumentalen Umfangs verschwunden waren. Nicht nur lässt sich das Dickens-Dossier partout nicht mehr finden. Es seien insgesamt 114 «potenziell relevante» Akten verschollen, hat das Innenministerium kleinlaut erklärt.

Lord Brittan, der frühere Innenminister, kann sich nicht mehr recht erinnern. Er hat sich bereits in Widersprüche verstrickt mit seinen Auskünften – und ist obendrein in einer separaten Angelegenheit von der Polizei zum Verhör gebeten worden. Brittan soll nämlich, wie ihm die Fahnder eröffneten, in den 60er-Jahren bei einem Blind Date eine junge Frau vergewaltigt haben. Das bestreitet der Lord entschieden. Aber es trägt zur Entwirrung der Lage nicht bei.

Zusätzliche Unruhe hat auch eine lang unbeachtete, jetzt aber in den Fokus gerückte Bemerkung eines früheren Tory-Fraktionschefs namens Tim Fortes­cue ausgelöst. Fortescue hatte 1995 in einem Fernseh-Dokumentarfilm erklärt, natürlich seien die Mitglieder seiner Fraktion zu ihm gekommen, wann immer sie Hilfe gebraucht hätten: «Da konnte es etwa um Schulden gehen. Oder um einen Skandal, bei dem kleine Jungs eine Rolle spielten.» Auch Fortescue kann man nicht mehr befragen, auch er lebt nicht mehr. All die kleinen schwarzen Bücher aber, in die Tory-Fraktionschefs wie er belastendes Material kritzelten, um Parteikollegen bei Bedarf unter Druck setzen zu können, sind verschwunden. Der Reisswolf hat ihnen seit 1996, auf Beschluss «von oben», ein jähes Ende gesetzt.

Kein Wunder, dass sich der Glaube an eine Verschwörung in Westminster so hartnäckig hält – ob es nun eine gegeben hat oder nicht. Nicht ganz so leicht dürfte es jedenfalls fallen, die finsteren Ecken der Parlamentsgeschichte auszuleuchten, wie Cameron es versprochen hat. Bezeichnend, dass mit der öffentlichen Untersuchung dieser Frage vor kurzem ausgerechnet Elizabeth Butler-Sloss betraut wurde. Die 80-jährige Baroness ist eine Richterin, die voll ins Establishment verwoben ist, selbst einmal Tory-Politikerin war und bei einer früheren Untersuchung von Kindsmissbrauch wenig Sympathie für die Opfer erkennen liess.

Keine Woche dauerte es, bis öffentlicher Druck gegen die Ernennung die Lady zum Verzicht auf diese Rolle zwang. Ihr Rücktritt brachte Camerons Regierung schwer in Verlegenheit. Selbst die Londoner «Times», das alte Sprachrohr etablierter Macht im Königreich, hatte über die Wahl verwundert den Kopf geschüttelt. «Man kann doch nicht das Establishment sich selbst untersuchen lassen», urteilte das Blatt.

Cameron sieht sich vor einer schwierigen Aufgabe. Seine Landsleute wollen wissen, was vorging und noch vorgeht in den dunklen Korridoren der Macht. Aber so leicht gibt der Palast von Westminster sein Geheimnis nicht preis.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.08.2014, 07:03 Uhr)

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