Diebe ohne Perspektive

Nicht nur bei den Übergriffen von Köln, auch sonst fallen junge Einwanderer aus dem Maghreb in Deutschland durch hohe Kriminalitätsraten auf. Ganz anders die Flüchtlinge aus Syrien.

Wer eine Chance auf Asyl hat, wird kaum kriminell: Flüchtlinge vor der Registrierung in Berlin. Foto: Markus Schreiber (Keystone)

Wer eine Chance auf Asyl hat, wird kaum kriminell: Flüchtlinge vor der Registrierung in Berlin. Foto: Markus Schreiber (Keystone)

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Von den 55 Verdächtigen, die Bundes- und lokale Polizei nach den Übergriffen von Köln bislang ermittelt haben, ist die Hälfte (27) Marokkaner oder Algerier. Sie bilden mit Abstand die grösste Gruppe, die restlichen Verdächtigen verteilen sich auf mindestens ein Dutzend Nationalitäten. «Das waren unsere Leute», bestätigte ein Marokkaner, der in der Silvesternacht am Kölner Bahnhof war, vor kurzem einem Reporter der «Süddeutschen Zeitung».

Man kann nicht sagen, dass die Häufung maghrebinischer Verdächtiger die örtliche Polizei überrascht hätte. Schon seit längerem beobachtet diese eine Gruppe von Dieben, die seit 2011 vor allem aus Algerien, Marokko und Tunesien stammen. «Seit 2014 begehen diese Täter mit einem stark ansteigenden Trend auch andere Delikte im Bereich der Eigentumskriminalität», stellt ein interner Bericht fest.

Nachwuchs aus Heimen

Die Millionenstadt Köln ist dabei nicht allein betroffen. Vielmehr häufen sich die Probleme mit Kriminellen aus dem Maghreb im ganzen Bundesland Nordrhein-Westfalen. In Düsseldorf hat eine vertrauliche Analyse der Polizei mit dem sprechenden Namen «Casablanca» zusammengetragen, in welchem Ausmass mehr als 2200 Kriminelle aus dem Maghreb Straftaten wie Diebstahl, Raub, Körperverletzung oder Drohungen begehen. Nach einem Bericht von «Spiegel online» ist das Fazit erschreckend: Alle dreieinhalb Stunden kommt es in Düsseldorf zu einem Delikt dieser Banden. «Die Gruppe erscheint insgesamt unverschämt und respektlos.» Wegen ihrer Aggressivität und Dominanz im öffentlichen Raum hätten die Kriminellen einen äusserst schlechten Einfluss auf das Sicherheitsgefühl der Bürger.

Typisch für die Struktur der Szene sei das Maghreb-Viertel am Düsseldorfer Hauptbahnhof. Hier hat sich gemäss den Erkenntnissen der Ermittler ein «soziales, kulturelles und wirtschaftliches Zentrum gebildet», ein eigentlicher Rückzugsraum für Diebe und Einbrecher. Der 28-jährige Marokkaner Khalid N. und sein 35-jähriger Landsmann Taoufik M. gelten als Drahtzieher der kriminellen Szene.

Wer wird straffällig?

Die Kriminalpolizei beobachtet immer häufiger, dass deren Banden in Flüchtlingsheimen gezielt Nachwuchs für ihre kriminellen Unternehmen rekrutieren. Die Gruppen stehen untereinander in Kontakt und sind teilweise auch in anderen Städten tätig. Der Chef des Bundeskriminalamtes (BKA), Holger Münch, glaubt denn auch, dass die Täter von Köln aus dem «überregionalen Raum» gekommen seien. Da habe es wohl für Silvester Verabredungen gegeben, etwa über die sozialen Netzwerke.

Inwiefern sich die Kriminalitätsrate von maghrebinischen Einwanderern von derjenigen von anderen Flüchtlingen unterscheidet, darüber hat sowohl die Kölner Polizei wie auch das Bundeskriminalamt aufschlussreiches Material zusammengetragen. In Köln haben die Beamten das Kriminalverhalten von neu registrierten Flüchtlingen zwischen Oktober 2014 und November 2015 analysiert. Gemäss dem Magazin «Stern» traten von 1111 in Köln registrierten Syrern in dieser Zeit gerade mal 5 polizeilich in Erscheinung, das entspricht nicht einmal einem halben Prozent.

Bei Flüchtlingen aus Afghanistan (4 von 660) und dem Irak (19 von 789) sieht es ähnlich aus. Ganz anders stellt sich die Bilanz bei Flüchtlingen aus Nordafrika dar: Von den 521 in Köln registrierten Marokkanern tauchten 40 Prozent innerhalb dieses Jahres als Beschuldigte in einem Strafverfahren auf. Bei Algeriern und Tunesiern ist die Rate ähnlich – wie übrigens auch bei Flüchtlingen vom Balkan.

Das BKA kam im Auftrag des Innen­ministeriums im November 2015 für ganz Deutschland zu einem ähnlichen Schluss: Flüchtlinge würden im Durchschnitt «genauso wenig oder genauso oft straffällig wie Vergleichsgruppen der hiesigen Bevölkerung», sagte Innenminister Thomas de Maizière damals. Es falle aber auf, dass bestimmte Nationalitäten unter den Tatverdächtigen deutlich überrepräsentiert seien.

Auch Iraker selten kriminell

So wurden Serben, Kosovaren und Mazedonier bis zu viermal häufiger im Zusammenhang mit Straftaten verzeichnet, als es ihr Anteil an der Gesamtzahl der Flüchtlinge erwarten liesse. «Signifikant unterrepräsentiert» seien dagegen Syrer und Iraker. Zu den Flüchtlingen aus den Maghrebstaaten machte das BKA damals keine Angaben, weil sie zu jener Zeit noch nicht zu den zehn wichtigsten Einwanderergruppen gehörten.

Den Flüchtlingsgruppen, die gemäss BKA und Kölner Polizei durch hohe Kriminalitätsraten auffallen, ist eines gemeinsam: Ihre Chancen, in Deutschland als Flüchtlinge anerkannt zu werden und auf Dauer im Land bleiben zu können, sind praktisch null. Umgekehrt gilt: Wer mit guten Gründen hoffen kann, in Deutschland aufgenommen zu werden, wird sehr selten straffällig. Das gilt vor allem für die Kriegsflüchtlinge aus Syrien und dem Irak, aber auch für Leute aus Afghanistan.

Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Innenministers Ralf Jäger hat der Zuzug aus nordafrikanischen Ländern ins Rhein-Ruhr-Gebiet zuletzt stark zugenommen. Bei marokkanischen und tunesischen Familien werde oft der älteste Sohn ausgewählt, um nach Deutschland zu reisen, wo er innert kürzester Zeit das Geld für die Schleuser verdienen müsse. Samy Charchira, deutsch-marokkanischer Sozialpädagoge aus Düsseldorf, versuchte in der «Süddeutschen Zeitung» zu erklären, warum so viele Maghrebiner gerade nach Köln oder Düsseldorf kommen. «Diese Jugendlichen suchen Anschluss, sie können kein Deutsch und wissen nicht, wohin.» Also suchten sie Kontakt zu Gruppen, die wenigstens die gleiche Sprache sprechen.

Wenigstens ein paar Jahre

Diese jungen Männer wüssten genau, so Charchira, dass sie keine Chance hätten, auf Dauer in Deutschland zu bleiben. Aber ebenso realistisch sei ihre Erwartung, wenigstens ein paar Jahre hier leben zu können. Maghrebinern droht derzeit in Deutschland keine schnelle Abschiebung, selbst wenn sie straffällig werden oder ihr Asylgesuch abgelehnt wird, weil die Heimatländer ihre Auswanderer so gut wie nie zurückzunehmen. So seien den Jugendlichen oft einige Jahre in Deutschland sicher, sagt Charchira, und der Druck sei gross, dass sie nicht mit leeren Händen zurückkehren. «Sie wissen, dass sie früher oder später gehen müssen. Vorher wollen sie aber noch möglichst viel Geld zusammenbekommen.» Vielen fällt das mit krimineller Tätigkeit offenbar erheblich leichter als mit legaler Arbeit.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.01.2016, 21:35 Uhr)

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