Dr. Jekyll und Mr. Hyde auf schwedisch
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Tagsüber trat der heute 64 Jahre alte Familienvater Göran Lindberg als Vorzeigepolizist auf. Im Auftrag der Stockholmer Regierung nahm er an internationalen Kongressen gegen die Gewalt an Frauen teil. Nach Dienstschluss mutierte der frühere Rektor der Stockholmer Polizeihochschule jedoch zum Monster, das sich an jungen Frauen verging und in der schwedischen Hauptstadt ein geheimes Sexnetzwerk betrieb. Gestern musste sich Lindberg vor dem Amtsgericht in Södertörn südlich von Stockholm die Schlussplädoyers in seinem Fall anhören: Den ehemaligen Polizeistar erwartet eine lange Gefängnisstrafe.
Keine Gnade bei Sexualverbrechen
Wenn es um Fragen der Gleichberechtigung und von Sex unter Zwangsbedingungen geht, versteht Schweden keinen Spass. Nicht nur ist die Gleichstellung von Mann und Frau seit Jahrzehnten wichtiges Staatsziel, seit mehr als zehn Jahren ist auch die Prostitution verboten und wird Sex mit Minderjährigen mit hohen Strafen belegt. In diesem Umfeld machte Göran Lindberg beruflich Karriere: Schon als kleiner Beamter in der Stockholmer Vorstadt Huddinge sprach er sich für die Förderung von Polizistinnen aus, später als Polizeichef in Uppsala und Leiter der nationalen Polizeiausbildung nahm er pointiert Stellung gegen jegliche Diskriminierung. Schliesslich ernannte ihn die sozialdemokratische Regierung zum Delegierten für Fragen sexueller Gewalt gegen Frauen; eine Rolle, die Lindberg an UNO-Tagungen laut Kollegen «mit grosser Glaubwürdigkeit» wahrnahm und so dazu beitrug, das progressive Image Schwedens in der Welt zu stärken.
Die Verwandlung zum Gewaltverbrecher
Kurz vor seiner Pensionierung im vergangenen Jahr kamen den Kollegen bei der Kriminalpolizei jedoch erste Zweifel, nachdem sie die Nummer von Lindbergs Diensthandy auf dem Computer eines ermordeten Gangsterchefs entdeckt hatten. Sie begannen Göran Lindberg zu beschatten und entdeckten einen Mr. Hyde, der sich nach Feierabend in einen fiesen Gewaltverbrecher verwandelte, der es besonders auf junge Frauen abgesehen hatte.
Via Internet und Unterweltkontakte hatte Lindberg über Jahre ein geheimes Netzwerk aufgebaut, das sogenannte Gangbangs (Orgien mit Männern in der Überzahl) organisierte und die betroffenen Frauen mit Geld, Drogen und Drohungen zum Schweigen brachte. Lindberg trat diesen Frauen gegenüber zudem als Polizist auf, was deren Vertrauen in die Polizei natürlich nachhaltig erschütterte. Anfang Jahr wurde Göran Lindberg schliesslich verhaftet. Und in der Folge wurde in der schwedischen Öffentlichkeit ein Fall ausgebreitet, der schwere Zweifel an der Glaubwürdigkeit hoher Staatsvertreter weckt. Denn neben Lindberg als Drahtzieher gehörten auch Politiker und andere Spitzenbeamte dem Sexring an.
Beschränkt einsichtig
Göran Lindberg, der längst keine grossen Reden mehr schwingt, anerkannte vor Gericht nur einen Anklagepunkt: die wiederholten Besuche bei Prostituierten. Ein Delikt, das gemäss schwedischem Gesetz mit bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft wird und das vor ein paar Tagen erst den Arbeitsminister Sven Otto Littorin zum Rücktritt gezwungen hat. Eine Stockholmer Sexarbeiterin, die den Minister nach eigenem Bekunden zu ihren Kunden zählte und den Fall Lindberg verfolgt hatte, wollte «ein Zeichen gegen die Doppelmoral schwedischer Würdenträger» setzen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.07.2010, 22:06 Uhr
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