Ed Miliband, der Unterschätzte

Der Oppositionsführer und Labour-Vorsitzender wird bei den britischen Wahlen am Donnerstag kaum die absolute Mehrheit gewinnen. Trotzdem könnte Miliband der nächste Premier werden.

Er entwickelt sich allmählich zum Publikumsliebling: Labour-Parteichef Ed Miliband, hier bei einer Wahlkampfrede in London. Foto: Stefan Wermuth (Reuters)

Er entwickelt sich allmählich zum Publikumsliebling: Labour-Parteichef Ed Miliband, hier bei einer Wahlkampfrede in London. Foto: Stefan Wermuth (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Man hat mich auf die Probe gestellt und gründlich getestet», sagt Ed Miliband. «Und nun? Nun stehe ich bereit.» Bereit ist der Vorsitzende der britischen Labour Party zur Entgegennahme der Schlüssel für Downing Street No. 10. Nach der Unterhauswahl vom Donnerstag hofft Miliband, in der Regierungszentrale Tory-Premier David Cameron abzulösen. Er will hinter der berühmten schwarz lackierten Tür eine neue Ära sozialdemokratischer Politik einleiten.

Ob auch die Briten für Miliband und Labour bereit sind, muss sich weisen. Keine der beiden grossen Parteien kann im Augenblick mit einer eigenen Mehrheit rechnen. Insgesamt sieht die Situation für Miliband aber etwas besser aus. Mit Unterstützung der Schottischen Nationalpartei und anderer kleiner progressiver Parteien könnte Labour am Ende eine handlungsfähige Minderheitsregierung auf die Beine stellen.

Hart und hartnäckig genug hat Ed Miliband für eine Rückkehr Labours in die Regierung nach fünf Jahren in der Opposition gearbeitet. Im September 2010, vier Monate nach der Wahlniederlage Gordon Browns, wurde der Mathematik-Fan und gelernte Ökonom zum Parteichef Labours gewählt. Er schlug damals den Favoriten, seinen älteren Bruder David. Den Gewerkschaften, die bei der Wahl ein Wörtchen mitzureden hatten, stand Ed etwas näher als David, der vormalige Aussenminister. Ed Miliband galt nicht als einer der «Blairisten». Er war mehr an sozialem Wandel interessiert.

Sieg über den eigenen Bruder

David, fassungslos darüber, vom jüngeren Bruder «ausgestochen» worden zu sein, verschwand kurz darauf von der Bildfläche. Eine untergeordnete Rolle in Eds Schattenkabinett wollte er nicht. Später zog er fort nach New York, um dort die Leitung einer karitativen Organisation zu übernehmen. Seine Tür für den Bruder stehe «immer offen», rief ihm Ed Miliband nach.

Gleichzeitig begann der frisch gewählte Parteichef aber damit, den Kurs Labours in London neu zu definieren. Er wollte weg von dem, was Kritiker in der Partei die «Unterwürfigkeit» New Labours gegenüber Banken, Big Business und Medienbossen nannten. Weg auch vom «liberalen Interventionismus» der Ära Blair, von militärischer Omnipräsenz in fernen Ländern. Wäre er 2003 schon Abgeordneter gewesen, sagte Ed Miliband, hätte er gegen die Irak-Invasion gestimmt.

Als Miliband Parteichef wurde, im Herbst 2010, empfanden viele Labour-Leute Tony Blairs Erbe als argen Ballast. Von Blair seien «die Ideale der Linken so sehr verwässert worden», beschreibt heute der «Guardian»-Kolumnist Rafael Behr jene Stimmung, «dass sie begonnen hatten, einen konservativen Geschmack anzunehmen».

Dagegen forderte Miliband eine weit fairere Gesellschaft – auch auf Kosten der Besitzenden. «Red Ed», der rote Ed, wie er schnell genannt wurde, begann das Konzept eines «verantwortungsbewussten Kapitalismus» zu entwerfen. Er unterschied zwischen «Raubtieren» und «echten Produzenten» unter den Unternehmern im Land. Geschäftstüchtigkeit und soziale Verantwortung sollten einander ergänzen. Das Austeritätsdiktat und der beginnende Sozialabbau durch die Regierung Cameron halfen ihm, eine Gegenposition zu den Tories zu entwickeln. Die Tories, sagte Miliband, machten nur «Politik für Millionäre, nicht für Millionen». Es sei nicht akzeptabel, «dass Cameron alles auf dem Altar der Defizitreduktion opfert».

Die von den Konservativen erfolgreich gestreute Parole, die Labour Party unter Gordon Brown habe 2010 einen «finanziellen Saustall» hinterlassen, den Camerons Regierung nun mit eisernem Besen auskehren müsse, vermochte Miliband allerdings nie zu entkräften. Auch er, der Brown-Nachfolger, verpflichtete sich zu rigiden Sparmassnahmen und wagte kaum, staatliche Grossinvestitionen ins Auge zu fassen.

Mühsam manövrierte er zwischen seinem Anspruch auf strukturelle Veränderung und der Erwartung reuiger Selbstbeschränkung seiner Partei. Zugleich fand er es nicht leicht, seine Führungsgarde zusammenzuhalten. Hier und da überraschte er allerdings mit plötzlichen Beschlüssen, die erstaunliche Wirkung hatten.

Den vormals als unantastbar geltenden Medienzaren Rupert Murdoch zum Beispiel zwang er durch geschickten Druck auf die Regierung, die Übernahme des Satellitensenders BSkyB abzublasen. Und dem Boss der in der Finanzkrise vom Staat aufgefangenen Royal Bank of Scotland liess er nach Androhung einer Parlamentsabstimmung keine andere Wahl, als einen Milliarden-Bonus zurückzugeben.

Ausserdem verhinderte Miliband Militärmassnahmen gegen Syrien und sprach sich gegen ein EU-Referendum aus, weil mit dem «nur jahrelange Unruhe» in der britischen Wirtschaft geschaffen würde. Und er versprach, für die Zeit nach einem Wahlsieg Labours, einen 20-monatigen Preisstopp für Gas- und Strompreise. Das trug ihm seitens der Tories Vorwürfe staatlicher Intervention ein – aber auch Applaus von vielen Wählern.

Und doch gelang es Miliband nur punktuell, sich öffentlich in Szene zu setzen. All die Jahre hielten die Briten an der Überzeugung fest, dass die Tories wirtschaftspolitisch mehr Vertrauen verdienten als Milibands Partei. Bei seinem letzten grossen Fernsehauftritt am Donnerstag fielen Kleinunternehmer über den Labour-Chef her. In einer von den Konservativen organisierten Aktion hatten sich 5000 Geschäftsleute gegen Labour ausgesprochen.

Andere Wähler wiederum erklärten wiederholt, es sei ihnen noch immer nicht klar, wofür Milibands «neue Politik» eigentlich stehe. Auch aussenpolitisch, klagten viele, seien ihre Fragen nicht beantwortet worden. Was für Vorstellungen habe Miliband zum Beispiel von der künftigen britischen Rolle in der EU, und wie wolle er der «unkontrollierten Einwanderung» Herr werden, wenn Grossbritannien nun also, nach seinem Willen, in der EU bleiben solle?

Das Problem der Panda-Augen

Als typischer Nord-Londoner Intellektueller, der politische Fragen gern daheim im kleinen Kreise mit Gleichgesinnten debattiert, hat Miliband immer Schwierigkeiten gehabt, seine Ideen in praktische Politik umzusetzen und sie einem breiten Publikum schmackhaft zu machen. Als noch grösseres Problem erwies sich aber, dass er lange beharrlich ignorierte, wie wenig sein eigenes Erscheinungsbild in genormte Erwartungen und ins Fernsehzeitalter passte. Dass ihm die grossen Panda-Augen, die etwas vorstehenden Zähne, der näselnde Ton und seine zögerliche Art zu sprechen eine leicht komische Note verleihen würden. Er machte es seinen Gegnern leicht, ihn deshalb zur nationalen Witzfigur auszurufen.

All die Jahre seit seiner Wahl zum Parteichef hatte Miliband an diesem Spott, an der Herabsetzung zur Karikatur zu leiden. Miliband, entschied die hinter Cameron marschierende Tory-Presse, sei ein «weirdo», ein komischer Kauz, der auf keinen Fall Regierungschef werden dürfe. Mit grösstem Vergnügen wurde etwa ein Schnappschuss in Umlauf gebracht, der zeigte, wie sich Miliband, gebückt, hungrig und würdelos grimassierend, über ein Schinkensandwich hermachte – ein gefundenes Fressen für seine Gegner.

Auch Labour-Anhänger fanden das peinlich. Sie fühlten, dass ihre Partei die Wahlen trotz Miliband und nicht mit seiner Hilfe gewinnen müsse. Im Herbst, als Ed Miliband bei der letzten grossen Parteitagsrede auch noch einen wichtigen Teil seiner Ansprache vergass, verlangten Kritiker ein letztes Mal dringend, Miliband zu ersetzen. Aber dafür war es zu diesem Zeitpunkt zu spät.

Als dann freilich die ernste Phase des Wahlkampf begann, überraschte der Vielverspottete plötzlich Freund und Feind mit einer erstaunlich soliden Darbietung. Seit Ostern haben die Briten einen neuen Ed Miliband kennen gelernt, der wohl auch ein paar Lektionen in Selbstdarstellung erhalten hatte. Entspannt, humorvoll, sich seiner selbst sehr viel sicherer zeigte sich der 45-Jährige auf der Wahlkampfbühne. Anders als David Cameron scheint Labours bereits mit allen Mitteln «getesteter» Oppositionsführer im Rampenlicht zu wachsen. Von Interview zu Interview, von TV-Debatte zu TV-Debatte hat Miliband an Statur gewonnen.

Selbst der Umfrageexperte der Konservativen, Michael Ashcroft, hat ihm anstandslos einen Publikumserfolg bescheinigt: «Miliband ist angesichts einer Reihe wahrhaft unziemlicher Attacken nicht etwa zusammengesackt, sondern hat echte Widerstandskraft bewiesen.» Miliband sei für die Tories gefährlich geworden, warnte Ashcroft. Er ziehe Unentschlossene auf seine Seite.

Einen fatalen Fehler beging unter anderem auch die «Daily Mail», als sie mit einer Geschichte über Milibands «Vergangenheit» den Labour-Chef als Schürzenjäger lächerlich zu machen suchte. Das Blatt listete diverse Freundinnen Milibands aus der Zeit vor seiner Ehe auf. Der Schuss ging nach hinten los. Es waren allesamt Frauen, die selbst erfolgreiche Karrieren absolviert und ausserdem kein böses Wort über Ed zu sagen hatten. Plötzlich fanden überraschend viele Wählerinnen, dass seine Panda-Augen in Wirklichkeit grosse, traurig-seelenvolle Augen und ihr Besitzer eigentlich ganz schön sexy war.

Verunsicherte Gegner

Online tauchten mit einem Mal massenhaft «Milifandoms» auf, und Zeitungskolumnen füllten sich mit wehmütig-launischen Bekenntnissen. Eine Gruppe Teenager geriet in fröhliche Aufregung, als Labours Wahlkampfbus mit Miliband an Bord sich ihr näherte. Beatlemania war es nicht gerade. Aber ein paar Minuten mildes «Milifieber». Selbst Murdochs «Sunday Times» musste ihre Anti-Labour-Kampagne kurzfristig unterbrechen – mit der verwunderten Überschrift «Wähler erwärmen sich für Miliband». All diese Nachrichten steigerten Milibands Selbstbewusstsein und verunsicherten seine Gegner.

Allerdings sollte Milibands Wahlkampfteam die Revision des öffentlichen Image ihres Kandidaten nicht überinterpretieren. Genauso wenig wie den Konservativen ist es Labour in diesem Wahlkampf gelungen, über das Kern-Drittel an Stammwählern, über die 33-Prozent-Marke, hinauszukommen. Ed Miliband, urteilt der prominente britische Historiker Sir Anthony Seldon, sei jedenfalls ein gehöriges Risiko eingegangen, als er Cameron und die Konservativen herausforderte. «Jetzt läuft er Gefahr, dass niemand ein gutes Haar an ihm lässt, wenn Labour besiegt wird», sagt Seldon. «Andererseits könnte dieser paradoxe Mensch auch die Wahlen gewinnen – und womöglich ein besserer Premierminister werden, als sich irgendjemand vorgestellt hat.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 04.05.2015, 23:23 Uhr)

Ein offenes Rennen

Konservative leicht im Aufwind

Der Ausgang der britischen Wahlen am Donnerstag ist völlig offen. Ein Querschnitt aller Umfragen ergab am Montag 34 Prozent für die Konservativen, 33 für Labour, 14 für Ukip, 8 für die Liberaldemokraten und 5 für die Grünen. Wegen des britischen Wahlrechts würde das aber nicht automatisch eine Parlamentsmehrheit für Cameron bedeuten.

Letzte Voraussagen für die Sitzverteilung sind: Tories 276, Labour 267, Liberaldemokraten 27, Ukip 3 und die Grünen 1. Hinzu kämen von der Schottischen Nationalpartei (SNP), die nur in Schottland antritt, möglicherweise 55, und von der DUP in Nordirland 9. Ein solches Ergebnis ergäbe für eine erneute Koalition aus Tories und Liberaldemokraten 303 Sitze. Die 9 DUP- und die 3 Ukip-Sitze brächten sie auf 315 Sitze. Würden sich Miliband und Labour auf die SNP stützen, kämen sie auf 322 Mandatsträger. Mithilfe kleiner walisischer und nordirischer Parteien der Linken und der einen Grünen-Stimme erhielte Labour-Chef über 323 Stimmen: Das wäre eine Mehrheit.

Milibands Chancen sind also geringfügig besser – solange die Tories bis zum Ende des Wahltags nicht noch zulegen. Das ist durchaus eine Möglichkeit. Um etwa 2 Prozent sind ihre Umfrageergebnisse in den letzten Wochen schon angestiegen. (P. N.)

Artikel zum Thema

Miliband in Komikers Küche

Video Wie der Vorsitzende der britischen Labour Party dem prominenten Nichtwähler Russell Brand seine Aufwartung machte – um den Wahlkampf «etwas interessanter» zu gestalten. Mehr...

Der Wahlsieger bekommt alles, dem Verlierer bleibt nichts

Die Briten wählen am Donnerstag ein neues Parlament. Fragen und Antworten zum Wahlrecht und zur Regierungsbildung. Mehr...

Kopf-an-Kopf-Rennen vor britischer Wahl

Eine Woche vor der Parlamentswahl in Grossbritannien liegen Tories und Labour in Umfragen fast gleichauf. Die Regierungsbildung dürfte nur mit Hilfe einer kleineren Partei möglich sein. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Anzeigen

Werbung

Kommentare