Ein Ausserirdischer für Frankreich

Emmanuel Macron will Nachfolger von Präsident Hollande werden. Obwohl es «Vatermord» wäre.

Emmanuel Macron, Kandidat für das Amt des französischen Präsidenten, beim Besuch einer Baustelle im Oktober 2016. Foto: Keystone

Emmanuel Macron, Kandidat für das Amt des französischen Präsidenten, beim Besuch einer Baustelle im Oktober 2016. Foto: Keystone

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Sechs Monate lang hat Emmanuel Macron Anlauf genommen, um diesen Satz über die Lippen zu bekommen: «Ich werde Kandidat für die Präsidentschaftswahlen sein.» Damit ist es endlich offiziell. Der ehemalige Wirtschaftsminister der Regierung Hollande will bei den Wahlen im Frühjahr 2017 antreten, er will Präsident Frankreichs werden. Macron (38) kündigte am Dienstag an, mit seiner Kandidatur eine «demokratische Revolution» lostreten zu wollen. Als ­Szenerie für sein Kandidaten-Outing hatte er sich hochsymbolisch eine Autowerkstatt in einem Ausbildungszentrum für Jugendliche in Bobigny, einem Vorort von Paris, ausgesucht.

Zweifel an seiner Kandidatur konnte niemand mehr haben. Nach dem grossen Marsch durch Frankreich, bei dem von Mitgliedern seiner im Frühjahr gegründeten Bewegung «En Marche!» 25'000 Fragebögen über den Zustand der Republik eingesammelt wurden, reiste Macron durchs Land. Wie ein Steve Jobs der französischen Politik trat er bei Meetings in der Provinz auf, sprach zum Volk, bewegte sich durch die Masse, ohne sichtbares Mikro, ohne Manuskript.

In Bobigny hat Macron allerdings einen anderen Ton angeschlagen und eher staatsmännisch eine Rede hinter einem Pult abgelesen: Er werde Frankreich ins 21. Jahrhundert begleiten, das Land werde wieder «aufblicken und den Kopf heben» können. Er wolle für «Optimismus und Willenskraft» stehen, sagte Macron und versprach, seine Kandidatur «unter das Zeichen der Hoffnung zu stellen». Dazu gehöre auch, wieder auf Europa zu setzen: «Ich höre so viel Hass auf Europa, so viel Abkehr und Rückzug. Europa ist innerhalb der Globalisierung unsere grosse Chance.»

Damit tritt er als Gegenkandidat zu Marine Le Pen auf, die fortan nicht mehr die einzige Alternative gegen das System, das Establishment ist. «Mein Ziel ist es nicht, die Rechte oder die Linke zu vereinen, mein Ziel ist es, die Franzosen zu versammeln», sagte Macron. «Weder rechts noch links» hatte er schon zuvor zu seiner Devise gemacht. Die Partei­chefin des Front National kommentierte trocken: «Für einen neuen Kandidaten riecht er stark nach Mottenkugeln.»

Katastrophe für Sozialisten

Durch sein langes Zögern waren bei ­Macrons Anhängern erste Zeichen der Enttäuschung zu erkennen. Doch sein Timing erweist sich als perfekt, und in Wahrheit macht er damit seinem Ruf des politischen Wonderboys alle Ehre: ­Macron musste Hollandes Ankündigung zuvorkommen, der bis Mitte Dezember entscheiden will, ob er nochmals antritt. Der Vorwurf des «Vatermords», dem ihm zahlreiche Sozialisten vorwerfen, wiegt schwer. Hätte er seine Kandidatur erst nach derjenigen Hollandes erklärt, wäre das noch hässlicher gewesen.

Für die Sozialisten ist Macrons Kandidatur eine Katastrophe. Als «sehr lästig» bezeichnete Parteichef Jean-Christophe Cambadélis Macrons Entscheidung. Premierminister Manuel Valls, der in den Startblöcken steht, falls Hollande nicht antreten will, hatte Macron schon vor seinem Rücktritt als Wirtschaftsminister gewarnt: «Du kannst es nicht schaffen, Emmanuel!» Inzwischen wechseln die beiden kein Wort mehr.

Sollte die Linke mit vier Kandidaten antreten, würde wohl keiner in die zweite Wahlrunde kommen. Hollande als wahrscheinlicher Kandidat der Sozialisten würde gegen den Möchtegern-Maoisten Jean-Luc Mélenchon, den Grünen Yannick Jadot und seinen «politischen Sohn» Macron antreten müssen. Viele Sozialisten werfen Macron deshalb vor, die Linke auf dem Gewissen zu haben, vergessen dabei jedoch, dass Macron nie Parteimitglied war und das Terrain des Zentrums besetzen will.

Perfekt ist sein Timing auch, weil Macron mit seiner Kandidatur die Vorwahlen der konservativen Republikaner am Sonntag beeinflussen könnte. Bislang sieht es so aus, als würde der gemässigte Alain Juppé gewinnen. Der ist dem politischen Profil Macrons gefährlich nah. Die «Hollande-Enttäuschten», die Juppé anspricht, haben mit Macron eine zweite Alternative. Kurz gesagt: Mit dem Hardliner Nicolas Sarkozy hätte Macron einen leichteren Gegner. Der breite Boulevard des Zentrums würde ihm offenstehen. Juppé appelliert nun, nicht «naiv» zu sein und nicht auf Macron hereinzufallen: Er trete als «weisser Ritter» auf, dabei habe er «die Wirtschaftspolitik seit 2012 mitverantwortet».

Macron hat am Dienstag deutlich gemacht, dass es nicht ungestraft bleibt, das System zu verlassen. Mit Gerüchten über seine vermeintliche Homosexualität wurde versucht, den «weissen Ritter», der vielen gefährlich werden könnte, aus dem Sattel zu heben. Macron versicherte, kein Doppelleben zu führen. Als einen «Ritter», ja einen «Ausserirdischen» hat auch Brigitte Macron ihren Mann in einem Interview bezeichnet. Viele Franzosen sehen in ihm diesen Hoffnungsträger, der keinen Schimmel braucht, um ihnen das Ende eines verkalkten Systems schmackhaft zu machen. Sie haben das Gefühl, jahrzehntelang von bessergestellten Bürokraten verwaltet worden zu sein, die das Erbe Frankreichs verprasst haben.

Bislang behaupten die Prognosen, dass Macron nicht in die zweite Wahlrunde käme. Aber ein Obama-Effekt ist nicht auszuschliessen. Und sollte er wider Erwarten in die zweite Runde kommen, hätte er Chancen, die Rechtspopulistin Le Pen zu schlagen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.11.2016, 22:36 Uhr

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