Ausland

Ein Kaleidoskop des Düsteren

Von Oliver Meiler. Aktualisiert am 21.11.2011 47 Kommentare

Neue Armut, zerschlagene Mythen, Kathedralen in der Wüste: Spanien präsentiert sich zum Regierungswechsel in ernüchterter Verfassung.

Nicht genügend Essen zum Überleben: 950'000 Spanier sind laut Caritas absolut hilfsbedürftig.

Nicht genügend Essen zum Überleben: 950'000 Spanier sind laut Caritas absolut hilfsbedürftig.
Bild: Keystone

Neue Regierung: Pläne gegen die Krise

Der Wahlkampf in Spanien wurde vor allem von der Arbeitslosigkeit bestimmt. Die Quote von mehr als 20 Prozent ist die höchste in der Europäischen Union. Viele Bürger werfen der bisherigen Regierung vor, Reformen wie Kürzungen bei Gehältern und Sozialleistungen zu spät umgesetzt zu haben. Mariano Rajoy, der Chef der konservativen Volkspartei, wird voraussichtlich erst im Dezember die Macht übernehmen. Es wird aber erwartet, dass er bald seine Pläne darlegen wird. Spanien steht unter dem Druck der Finanzmärkte, weil sich die Zinssätze für Staatsanleihen zuletzt auf die Marke von 7 Prozent zubewegten. Diese Schwelle wird als kritisch angesehen. (Reuters)

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Man könnte ja leicht verleitet sein, die vollen Restaurants und Bars von Madrid und Barcelona, die schönen Autos in den Strassen und die gut frequentierten Boutiquen der spanischen Städte als Gradmesser heranzuziehen. Als Beleg dafür, dass sie doch gar nicht so schlimm sein könne, diese Krise, von der es heisst, sie führe direkt in die Verarmung. Doch dann schaut und hört man genauer hin und erkennt, dass viele dieser Konsumenten Touristen sind: Russen, Chinesen, Schweizer auch. Gäste aus Ländern mit stärkerer Währung, mit mehr Kaufkraft. Der Tourismus, einer der wenigen aktiven Sektoren der Wirtschaft, täuscht die Wahrnehmung.

Die rechte Partido Popular, die am Sonntag die Parlamentswahlen gewonnen hat und Spanien regieren wird, findet ein Land in einer kritischen Balance vor. Nicht nur die staatlichen Finanzen liegen im Argen: hohes Budgetdefizit, prohibitiv hohe Zinsen für neues Geld, horrend hohe Schulden der autonomen Regionalverwaltungen. Im Argen liegen auch die privaten Vermögensverhältnisse vieler Spanier. Sie hatten zwei grossartige Dekaden des Wachstums und des Fortschritts erlebt, Boomzeiten mit Immobilienrausch, wachsendem Wohlstand, neuen Infrastrukturen, Subventionen aus Brüssel. Nun ist der Boom aus und die Ernüchterung gross. Wenn man noch genauer hinsieht und dazu die Zahlen des nationalen Statistikamtes, der Caritas und des Arbeitsamtes addiert, ergibt sich ein Kaleidoskop des Düsteren. Dann treten viele Anzeichen eines Abstiegs hervor.

Mythos Eigenheim

Er steht am Ursprung von Spaniens Krise. Der Immobiliensektor war der Turbomotor des Aufstiegs. Jeder Spanier träumte vom Eigenheim. Und fast jeder Spanier bekam eine Hypothek, um sich eines zu kaufen. Die Blase wuchs, bis sie platzte. Nun sieht man in jeder Strasse, ja in einigen Strassen an jedem Haus Verkaufsschilder für Wohnungen: «Piso en venta». Ganze Siedlungen, die vor einigen Jahren als teure Megaprojekte hochgezogen worden waren und allen Wünschen des 21. Jahrhunderts gerecht werden sollten, auch den hedonistischsten, stehen leer.

Im Süden gibt es wahre Geisterstädte. Der Wind zieht durch die Häuser und über grasverwachsene Poolanlagen. Über 1 Million Wohnungen im ganzen Land stehen leer. Gleichzeitig wurden in den letzten drei Jahren 300'000 Familien die Wohnungen und Häuser weggenommen, weil sie sich ihre Hypothek, die sie in besseren Zeiten ausgehandelt hatten, nicht mehr leisten konnten. Im nächsten Jahr sollen weitere 1,5 Millionen Spanier vor dem Rauswurf stehen. Es ist ein Drama mit einer mächtigen sozialen Sprengkraft.

Flughafen ohne Passagiere

Kein Land Europas hat in den letzten Jahrzehnten seine Infrastrukturen derart aufgemöbelt, wie das Spanien tat: Häfen, Strassen, Schnellzugsstrecken – und modernste Flughäfen. Spanien zählt 48 Airports, eine Absurdität. Die Bauunternehmen verdienten viel Geld, und der Staat kassierte viel Steuergeld aus dem Gewerbe. Doch oft bedienen diese pharaonischen Bauten keine entsprechend grosse Nachfrage.

Als Mahnmal für diese strategisch fragwürdige und spekulative Politik steht der Flughafen «Don Quijote» von Ciudad Real, einer Stadt in der Mitte Spaniens, nahe Madrid. Der Himmel schien in Griffnähe, als das 500-Millionen-Euro-Projekt 2008 realisiert und eingeweiht war: 2,5 Millionen Passagiere im Jahr sollten die Destination einmal anfliegen, die Stadt aus ihrem Provinzschlaf erlösen und sie gleich noch zur internationalen Cargo-Drehschreibe erheben. Die Landepiste ist eine der grössten Europas. Auf dem Flughafen «Don Quijote» kann auch der Airbus A380, die grösste Maschine der Welt, landen. Könnte, theoretisch. Praktisch ist alles ganz anders: Vor einigen Wochen ist der letzte Flug abgefertigt worden, mit 40 Passagieren. Es ist vorbei, nach drei lahmen Jahren. Am besten lief die Cafébar in der Abflughalle – mit einheimischen Kunden, die nirgendwo hinfliegen wollten und nur etwas an der vermeintlichen Himmelsnähe schnupperten.

Emigration 2.0

Die Spanier wandern wieder aus. Tausende. Allein im ersten Halbjahr 2011 waren es 27'000. Anders als in den 50ern, 60ern und 70ern sind es nicht mehr Fabrikarbeiter, die das Land verlassen. Auf ein besseres Leben, einen besser bezahlten Job mit Perspektiven hoffen nun die jungen, gut gebildeten Spanier mit Fremdsprachenkenntnissen. Jene vitalen Ressourcen also, die das Land möglichst nicht verlieren sollte. Viele von ihnen gehören in die dramatisch grosse Schar der 45 Prozent Arbeitslosen, die Spanien in der Altersklasse bis 26 Jahre zählt. Es zieht sie in Länder der neuen Welt, in die aufstrebenden Gegenden des Planeten: etwa nach Brasilien oder nach China.

Doch auch die vielen Zugewanderten der Boomjahre ziehen wieder weg, nun, da es keine Jobs mehr gibt und der Bausektor austrocknet. Zwischen 2002 und 2008 wuchs Spaniens Bevölkerung jedes Jahr um durchschnittlich 700'000. Nun ist der Saldo zwischen Ein- und Auswanderern plötzlich wieder negativ. Das nationale Statistikamt INE rechnet mit einem Jahrzehnt des demografischen Rückfalls. So lang dürfte die Krise in der Prognose des INE also dauern.

Armut 2011

Das katholische Hilfswerk Caritas meldet, dass 950'000 Spanier absolut hilfsbedürftig seien. Ohne Hilfe hätten diese Menschen also auch nicht genügend Essen zum Überleben. 2007, zu Beginn der Krise, waren es 400'000 gewesen. Das Statistikamt beziffert die Quote der Spanier, die unter der Armutsgrenze leben, auf 22 Prozent. Als Richtwert gilt dabei ein Jahreseinkommen von 7500 Euro für eine alleinstehende Person, 13'500 Euro für ein Paar mit einem Kind. 2009 betrug die Quote noch 19,5 Prozent, 2010 schon 20,7 Prozent. Der Trend ist klar.

Und klar sind auch die Gründe für das Wachstum der Armut: Der Staat spart an allen Ecken, kürzt die Sozialhilfen, die Wohnzuschüsse für Grossfamilien, die Betreuungsgelder für Hochbetagte und die Löhne der Beamten. Der spanische Staat fror zum ersten Mal in der demokratischen Geschichte des Landes auch die ohnedies schon kleinen Pensionen ein: 9 Millionen spanische Rentner leben von etwa 800 Euro im Monat.

Der Spardruck offenbart sich bereits in den Leistungen des öffentlichen Gesundheitswesens: Da hört man neuerdings immer wieder Geschichten von Notfallpatienten, die stundenlang warten, bis sie behandelt werden, weil es an Personal mangelt. Selbst in Barcelona. Unter der neuen konservativen Regierung dürften die Leistungen der öffentlichen Hand, inklusive im Bildungswesen, noch stärker eingeschränkt werden. Viele der 17 Regionalverwaltungen stehen dem Bankrott nahe. Die Leute dünkt es bereits, die Strassen seien weniger gut geputzt als früher.

Nur eine diffuse Wahrnehmung, in der Hysterie geboren? Oder ein weiteres deutliches Anzeichen für den Abstieg? In Spaniens Tageszeitungen liest man nun Meinungsbeiträge dazu, dass es das Land noch immer geschafft habe, sich nach schweren Prüfungen wieder aufzurichten, dass die Familie, der Kern der mediterranen Gesellschaft, einmal mehr den Katalysator in der Krise spiele, dass man nun halt auch den Preis für eine überdrehte, allzu sorglose Euphorie bezahle. Es sind Zeugnisse der Ernüchterung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.11.2011, 22:43 Uhr

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47 Kommentare

Bruno Schnider

21.11.2011, 09:34 Uhr
Melden 42 Empfehlung

Endlich Artikel, die der Ursache auf den Grund gehen! Diese LINKS/RECHTS Beschuldigungen bringen nichts! Man muss sich ganz einfach ausdrücken: Die Gier im blasengetriebenen Boom umfasste ALLE Schichten! Wir wissen heute genug von der Gier der Banker. Aber zu wenig von der Konsumgier der einfachen Leute und auch von den Politikern, die Wahlen gewinnen wollen. Sparen, dann konsumieren. ganz einfach Antworten


Simon Koller

21.11.2011, 08:41 Uhr
Melden 21 Empfehlung

Interessant und beängstigend, dass eine ganze Gesellschaft nach "zwei grossartigen Dekaden des Wachstums und des Fortschritts" auf einmal wieder mit leeren Händen dasteht. Waren die Leute wirklich so naiv zu glauben, der Aufschwung dauere ewig an? Antworten




Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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