Ein Rebell für die Ruhmeshalle
Der französische Philosoph und Schriftsteller Albert Camus soll seine letzte Ruhe im Panthéon finden. Die sterblichen Überreste des Nobelpreisträgers sollen zu seinem 50. Todestag am 4. Januar in die nationale Gedenkstätte in Paris übergeführt werden. Der Autor des Romans «Die Pest» wurde nur 46 Jahre alt.
Er kann es niemandem recht machen, Nicolas Sarkozy. Was immer Frankreichs Präsident in diesem eher düsteren Herbst zur Halbzeit seiner Amtszeit auch vorschlägt – es steht im Verdacht, allein der Aufbesserung seiner lädierten Popularität zu dienen. Unter dem Eindruck von nepotistischen Affären, unklaren Reformen und unerfüllten Versprechen halten nur knapp 40 Prozent der Franzosen Sarkozy für einen guten oder passablen Präsidenten. So wenige wie noch nie. Und so gilt jede Initiative als suspekt, jede Geste mutet wie eine Strategie an, den Trend umzudrehen.
Nun hat Sarkozy vorgeschlagen – wie das sein Vorrecht ist als Präsident –, die sterblichen Überreste von Albert Camus ins Panthéon zu überführen, in die Hallen des Ruhms der Republik also – wo schon jene von Voltaire, Zola, Rousseau, Marie Curie und Victor Hugo liegen. Die Nekropole, ein Monumentalbau im Quartier Latin, dient Frankreich als Altar der nationalen Sinnstifter aus Kultur, Wissenschaft und Politik. Sogenannte Väter (und einige Mütter) der Nation. Ist auch Camus einer? Am kommenden 4. Januar jährt sich der tragische Tod des Schriftstellers («Die Pest»), Philosophen und Literaturnobelpreisträgers zum 50. Mal. Camus war 47, als er bei einem Autounfall starb.
Die Skepsis der Kinder
Der runde Todestag scheint Sarkozy ein opportuner Moment zu sein für die Ehrung, die die Franzosen eine Konsekration nennen, sozusagen eine säkulare Heiligsprechung: «Dieses Vorhaben liegt mir ausserordentlich am Herzen», sagte er. Er hoffe, die Familie stimme zu. Sicher ist das nicht. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Nachfahren einem Präsidenten eine Ehrerweisung verwehren würden, weil sie glauben, der Geehrte hätte die Ehre nicht geschätzt, oder weil sie den Ehrerweisenden verdächtigen, er suche den Glanz der Ehre für sich selbst.
Sohn Jean Camus gehört laut «Le Monde» zur zweiten Kategorie. Er glaubt, Sarkozy wolle seinen Vater für sich vereinnahmen. Und spricht von einer «Sinnwidrigkeit». Die Geschichte von Albert Camus, eines rebellischen und libertären Geistes, kontrovers und provokant, stehe quer zur Politik des Präsidenten. Plötzlich stünde Camus gewissermassen in Sarkozys Schuld. Tochter Catherine dagegen, die Verwalterin des Nachlasses, will es sich noch überlegen.
Warum ausgerechnet Camus?
Doch warum wählte der konservative Politiker Sarkozy für die erste «Panthéonisierung» seiner Amtszeit ausgerechnet Camus aus, einen linken Denker, ehemaligen Kommunisten und Weggefährten Jean-Paul Sartres? Gehört die Initiative etwa zu seiner vielbeschworenen, zuletzt etwas eingeschlafenen Öffnung hin zur Linken, zur Überwindung ideologischer Gräben? Es gibt nun viele Deutungsversuche. Die meisten sind politischer Natur und kommen aus dem linken Lager. Die wenigsten halten Sarkozys Wunsch für echt.
Niemand aber zweifelt daran, dass Camus die nötige intellektuelle und moralische Statur hatte, um sich für einen Platz in den hehren Hallen zu qualifizieren. Ausser Jean-Marie Le Pen, dem fremdenfeindlichen Kämpen des Front national, der findet, dass ein Pied-noir wie Camus, geboren in Algerien, nichts verloren habe im Panthéon. Aber auch das ist nicht wirklich verwunderlich.
Vielleicht aber tut man Sarkozy, wie ein linker Kommentator auf dem Radiosender France Inter einräumte, in dieser Sache auch Unrecht. Vielleicht ist die Verneigung vor Camus keine opportunistische, sondern eine echte und empfundene, auch eine couragierte. Und vielleicht sieht er im Gedenken an Camus eine Brücke nach Nordafrika, vor allem nach Algerien, und die Panthéonisierung als historischen Brückenschlag. Die linke «Libération» fragte mit etwas gar viel Gourmandise und einer Spitze Ironie: «Warum nicht auch Sartre?»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.11.2009, 10:58 Uhr






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