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Ein Sünder bringt die Bischöfe gegen sich auf

Eine Tageszeitung aus dem Haus Berlusconi hat einen Exponenten der Kirche angegriffen. Seither ist das Verhältnis des Vatikans zur italienischen Regierung auf dem Tiefpunkt.

Die Kirche geht mit Berlusconis Lebenswandel derzeit hart ins Gericht.

Die Kirche geht mit Berlusconis Lebenswandel derzeit hart ins Gericht.
Bild: Keystone

Dino Boffo ist Chefredaktor von «Avvenire», einer einflussreichen Zeitschrift der katholischen Bischöfe.

Dino Boffo ist Chefredaktor von «Avvenire», einer einflussreichen Zeitschrift der katholischen Bischöfe.

«Oltretevere», jenseits des Tibers, nennen die Römer jene zweite Zentrale der Macht in der italienischen Hauptstadt, an der bis heute kein weltlicher Herrscher Italiens ungestraft vorbei regiert. Auch Silvio Berlusconi bemüht sich stets - aus Rücksicht auf die katholische Wählerschaft - um gute Beziehungen zum Vatikan und gab beispielsweise dessen Drängen im Fall der Komapatientin Eluana Englaro nach. In den vergangenen Monaten aber waren die Beziehungen höchst angespannt, denn die Kirche ist die schärfste Kritikerin von deren harter Einwanderungspolitik. Auch zeigt sie wenig Verständnis für Silvio Berlusconis ausschweifendes Privatleben.

Vorwurf der Bigotterie

Ächzte die Hauptstadt Rom in diesen Tagen nicht immer noch unter der sommerlichen Hitze, man müsste jetzt von einer Eiszeit zwischen dem Regierungspalast im Zentrum und Oltretevere sprechen: Eine Tageszeitung aus dem Familienimperium des Ministerpräsidenten hat einen Angriff auf einen Exponenten der Kirche geritten, der unter die Gürtellinie ging. Als homosexuellen «Supermoralisten», der selbst einmal wegen Belästigung verurteilt worden sei, hatte die Mailänder Tageszeitung «Il Giornale» am Freitag Dino Boffo bezeichnet.

Der 57-jährige Boffo ist Chefredaktor von «Avvenire», der einflussreichen Zeitschrift der katholischen Bischöfe Italiens. Boffo, so schrieb «Il Giornale», sei im Jahr 2002 von einer Frau wegen Nötigung angezeigt worden - während er mit deren Mann eine Beziehung unterhalten habe. Deshalb, so «Il Giornale»-Chefredaktor Vittorio Feltri in einem Leitartikel, sei Boffo völlig ungeeignet, Ministerpräsident Berlusconi wegen seines Privatlebens anzugreifen.

Das sass. Ein für den gleichen Abend anberaumtes Wohltätigkeitsdinner von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, nach dem Papst der zweitmächtigste Mann im Vatikan, mit Berlusconi in der vom Erdbeben zerstörten Stadt L’Aquila wurde kurzerhand abgesagt - ein diplomatischer Affront nach wochenlanger Vorbereitung. Berlusconi schickte stattdessen seine rechte Hand, Staatssekretär Gianni Letta, und distanzierte sich eilends von den Artikeln. Gestern beteuerte der Regierungschef auch, in den letzten Tagen keinerlei Kontakt zu Feltri gehabt zu haben.

Berlusconi verklagt Zeitungen

Doch der Schaden war angerichtet, die schmuddelige Causa füllt Zeitungen und Nachrichtensendungen und hat das Zeug zu einer Staatsaffäre. Zumal kurz zuvor bekannt geworden war, dass Berlusconi nicht nur die italienische Tageszeitung «La Repubblica» auf Schadenersatz in Höhe von einer Million Euro verklagen will, sondern auch eine Reihe von europäischen Zeitungen wegen ihrer Berichterstattung über seine privaten Eskapaden.

Zwar schwieg der Vatikan selbst wie üblich in solchen Fällen, hohe Geistliche aber stellten sich unisono auf die Seite des Beschuldigten, einem der einflussreichsten Publizisten Italiens. Als «widerlich und sehr schwerwiegend» bezeichnete Kardinal Angelo Bagnasco, Präsident der Katholischen Bischofskonferenz, die Vorwürfe von «Il Giornale». Die Zeitung selbst hingegen steht unter Verdacht, ohne Recherche eine Rufmordkampagne gestartet zu haben. Boffo selbst wies die Anschuldigungen zurück.

Immer wieder hatte er in den vergangenen Monaten in Leitartikeln die Einwanderungspolitik der Regierung scharf verurteilt und vor allem die Lega Nord, Koalitionspartner von Berlusconi, dafür verantwortlich gemacht, dass illegale Immigration in Italien jetzt strafbar ist. Die Partei von Umberto Bossi schlug prompt zurück und drohte jüngst damit, das Konkordat zwischen dem italienischen Staat und dem Vatikan aufzukündigen. Doch auch dem Westen hatte Boffo zuletzt vorgeworfen, angesichts der Flüchtlingstragödien auf dem Mittelmeer so wegzusehen wie beim Holocaust. Er war auch mit Berlusconis Lebenswandel ins Gericht gegangen. «Il Giornale» wiederum, im Besitz von Berlusconis Bruder, gehört zu den Medien, die solcherart Kritik ihrerseits verurteilen, vor Angriffen auf die Kirche allerdings war man bislang zurückgeschreckt.

D. Boffo.

S. Berlusconi. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.09.2009, 11:22 Uhr

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