Eine App für Stalker und Diktatoren

Eine russische App zur Gesichtserkennung lässt Datenschützer erschaudern. Wie sie funktioniert und welche Gefahren sie birgt.

Wildfremde Personen fotografieren und auf Social Media finden: Die Idee von Find Face. (Bild: Screenshot Youtube)

Wildfremde Personen fotografieren und auf Social Media finden: Die Idee von Find Face. (Bild: Screenshot Youtube)

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Find Face erobert Russland derzeit im Sturm: Vor gerade einmal zwei Monaten gegründet, zählt die App heute schon über eine halbe Million Benutzer. Sie vergleicht Fotografien mit Profilbildern auf der Social-Media-Plattform Vkontakte, dem russischen Pendant zu Facebook. Anwender der App können wildfremde Personen auf der Strasse fotografieren und so an deren Identitäten gelangen.

In erster Linie eine Dating-App

«Mit unserem Algorithmus kannst du eine Milliarde Fotografien in nur einer Sekunde durchsuchen», sagte einer der beiden russischen Entwickler dem «Guardian» in einem Interview. Die App liefert das Profil, das dem hochgeladenen Gesicht am ehesten entspricht sowie zehn Personen, die ähnlich aussehen. Find Face verspricht eine Verlässlichkeit von 70 Prozent bei der Suche.

Die Gründer des Start-ups haben die Anwendung in erster Linie entwickelt, um das Dating zu revolutionieren. Mit der App könne man nicht nur Personen aufspüren, die einem sympathisch, aber unbekannt seien. Es sei auch möglich, mit dem Bild einer oder eines Verflossenen jemanden auf Social Media zu finden, der ähnlich aussehe, so die Gründer über die Möglichkeiten von Find Face.

Polizei nutzt Gesichtserkennung

Längst haben Firmen und die Werbebranche das Potenzial der App auch für Zwecke jenseits des Datings erkannt. Die Gründer haben ihr Produkt schon Unternehmen in den USA und einer chinesischen Casinokette vorgestellt. Zudem wurden sie von der Polizei in verschiedenen russischen Regionen kontaktiert, die anscheinend Fälle lösen konnte, nachdem sie Bilder von Verdächtigen hochgeladen hatte.

Das Start-up ist kurz vor dem Abschluss eines Vertrages mit der Moskauer Regierung, der die Arbeit mit den 150'000 Überwachungskameras der Stadt ermöglichen würde. Bei einem Verbrechen könnten Gesichtsaufnahmen künftig seriell mit Social-Media-Profilen, Fotografien von Fahndungslisten und Gerichtsakten abgeglichen werden.

Facebook geht (noch) nicht

Kritiker weisen auf die unzähligen Möglichkeiten hin, wie die App für unlautere Zwecke missbraucht werden kann. So ermögliche sie zum Beispiel autoritären Regimes, Teilnehmer einer Demonstrationen leichter zu identifizieren und dingfest zu machen. Die Anwendung öffne zudem dem Stalking Tür und Tor und sei eine Bedrohung der Privatsphäre. Erste negative Auswirkungen wurden bereits publik: Eine unbekannte Organisation nutzte Find Face, um die Social-Media-Profile weiblicher Pornodarstellerinnen aufzudecken und diese zu belästigen.

Die Technologie funktioniert mit verschiedenen Fotodatenbanken. Es ist also wahrscheinlich, dass sie bald nicht mehr auf die Plattform Vkontakte beschränkt ist. Auf Facebook kann die App derzeit noch nicht zurückgreifen, weil die Bilder hier anders abgespeichert sind. Hält der Erfolg von Find Face an, ist es aber wohl nur eine Frage der Zeit, bis ähnliche Anwendungen den hiesigen Markt erobern. Die Anonymität im öffentlichen Raum dürfte dann endgültig der Vergangenheit angehören. (wig.)

Erstellt: 18.05.2016, 11:33 Uhr

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