«Eine einmalige Chance für Steinbrück, Merkel zu packen»

Kanzlerin Angela Merkel und ihr Rivale Peer Steinbrück duellieren sich zum ersten und einzigen Mal vor der Wahl im Fernsehen. Zu Ausgangslage und Bedeutung des TV-Duells äussert sich Korrespondent David Nauer.

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Herr Nauer, Umfragen zufolge liegt die SPD deutlich hinter der Union, und in der Kanzlerfrage ist der Rückstand von Peer Steinbrück auf Angela Merkel noch grösser (siehe Infobox). Ist das TV-Duell die letzte Chance Steinbrücks, die politische Stimmung in Deutschland zu drehen?
Das kann man so sehen. Für Steinbrück ist es jedenfalls eine einmalige Chance, Merkel zu packen und in Verlegenheit zu bringen. Die direkte Konfrontation mit dem politischen Gegner ist eine grosse Stärke von Steinbrück. Er ist schlagfertig, witzig und angriffig. Das alles ist Merkel weniger, sie agiert eher zurückhaltend und abwartend. Im bisherigen Wahlkampf scheute die Kanzlerin die direkte Konfrontation mit Steinbrück. Sie erwähnte nicht einmal seinen Namen, als ob es ihn gar nicht gäbe. Im TV-Duell hat Steinbrück die Chance, die Unterschiede zwischen SPD und CDU aufzuzeigen.

Mit welchen Themen wird der SPD-Kanzlerkandidat zu punkten versuchen?
Ein zentrales Thema des SPD-Wahlprogramms ist die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns von 8,50 Euro pro Stunde. Dabei wird Steinbrück betonen, dass der je nach Region und Branche unterschiedliche Mindestlohn, wie ihn die CDU vorschlägt, schlechter sei als das Original der SPD. Ausserdem wird Steinbrück für moderate Steuererhöhungen für gut und sehr gut Verdienende plädieren. Trotz der relativ guten Finanzlage mit bereits hohen Steuereinnahmen sind höhere Steuern laut Steinbrück notwendig, um Investitionen in Infrastrukturen und in die Bildung finanzieren zu können. Ein weiteres Thema, das die SPD stark forciert, ist die Mietpreisbremse für Bestandsmieten sowie bei Neuvermietungen. Damit sollen insbesondere Mieter in Grossstädten vor allzu hohen Mieterhöhungen geschützt werden.

Und wie wird sich Kanzlerin Merkel im TV-Duell präsentieren? Welche Erfolge dürfte sie betonen? Und welchen Themen könnte sie ausweichen?
Merkel wird bestimmt sagen, dass es Deutschland gut gehe. Hinweisen wird die Kanzlerin auf die tiefe Arbeitslosigkeit, die hohen Staatseinnahmen und die solide Konjunktur. Dies alles sei das Resultat einer umsichtigen Politik der schwarz-gelben Regierung. Es kann sein, dass Steinbrück der Kanzlerin vorwerfen wird, in der Eurokrise gelogen zu haben, weil die deutsche Regierung entgegen ihren eigenen Verlautbarungen die europäischen Rettungspakete für Griechenland unterstützt habe. In einem solchen Fall wird Merkel sagen, dass in solchen Krisen die Probleme nur schrittweise gelöst werden könnten.

Steinbrück ist zweifellos ein begnadeter Debattierer. Er neigt aber auch zu Aggressivität und Besserwisserei, was beim Publikum nicht gut ankommt. Welchen Steinbrück werden wir heute Abend erleben?
In den letzten Monaten absolvierte Steinbrück zahlreiche Wahlkampfauftritte, sogenannte Klartext-Veranstaltungen, bei denen er mit den Bürgern diskutierte. Dabei hat er seine Argumentationslinien immer wieder geübt und eine Balance gefunden zwischen Aggressivität und Kontrolliertheit. Im TV-Duell erwarte ich einen Steinbrück, der nicht nur schlagfertig und witzig ist, sondern auch seriös wirkt. Die Befürchtung seiner Anhänger ist sicher, dass er vor der Kamera aus irgendeinem Grund die Nerven verliert. Das wäre ein Desaster.

Welchen Effekt kann ein TV-Duell überhaupt haben, wenn es bis zum Wahltag am 22. September noch drei Wochen dauert?
Denkbar ist, dass das Fernsehduell eine Dynamik in Gang setzt, die den Wahlausgang beeinflussen kann. Zum Beispiel wenn Steinbrück in der Direktkonfrontation deutlich besser war als Merkel, sodass die SPD Selbstvertrauen schöpft und die CDU verunsichert wird. Ein solches Szenario ist aber eher unwahrscheinlich. Ich gehe davon aus, dass sich beide ganz gut schlagen werden.

Selbst wenn Steinbrück das TV-Duell gewinnen sollte, muss er, realistisch gesehen, die Kanzlerschaft vergessen. Oder doch nicht?
Je länger der Wahlkampf dauert, umso schwieriger wird es, sich einen Wahlsieg von Steinbrück vorzustellen. Die deutschen Wähler waren allerdings in den letzten Jahren immer wieder flatterhaft. So hatten die Grünen nach Fukushima in Umfragen einen Wähleranteil von 28 Prozent, inzwischen sind sie bei 11 Prozent. Die Piratenpartei war vor gut einem Jahr bei 13 Prozent, jetzt bringt sie es gerade noch auf 3 Prozent. Für markante Verschiebungen bei den Wähleranteilen gibt es aber im Moment keine Anhaltspunkte. Gemäss den Umfragen sieht es nach einer Neuauflage der schwarz-gelben Regierung aus.

Aus der Ferne hat man den Eindruck eines eher langweiligen Wahlkampfs in Deutschland: Es fehlen die grossen Themen und die grossen Emotionen. Trifft dieser Eindruck zu?
Es gibt zurzeit keinen gesellschaftlichen Grosskonflikt, an dem sich ein emotionaler politischer Disput entzünden könnte. Das liegt auch an der integrierenden Politik von Kanzlerin Merkel. Die CDU nimmt immer wieder Themen der Opposition auf. Der Fall ist dies beispielsweise bei den Mindestlöhnen und bei der Mietpreisbremse. Merkel gelingt es, Konfliktpotenzial aus der Politik zu nehmen. Darum fehlen die ganz grossen Debatten.

Kann der geplante Militärschlag der USA gegen Syrien noch eine Rolle spielen im Wahlkampf? So fordert die SPD die Merkel-Regierung auf, aktiv zu werden, indem sie zwischen den USA und Russland vermitteln soll.
Der Syrien-Konflikt wird keinen Einfluss haben, da sich die deutschen Parteien in der Grundsatzfrage einig sind, das heisst eine militärische Intervention des Westens sehr kritisch sehen. Es lässt sich also kein aussenpolitischer Gegensatz konstruieren, der innenpolitisch bedeutsam werden könnte.

Beim TV-Duell gibt es zwei Moderatorenteams: Maybrit Illner und Peter Kloeppel sowie Anne Will und Stefan Raab, also drei Profis des Politjournalismus und ein Trash-TV-Entertainer. Was ist von Raab zu erwarten?
Dass Raab einer der Moderatoren des TV-Duells sein wird, hat in Deutschland teilweise Unverständnis und Kritik ausgelöst. Mit seiner Teilnahme ist jedoch die Hoffnung verbunden, dass mehr junge Menschen das TV-Duell verfolgen werden. Gemäss eigenen Aussagen will sich Raab nicht persönlich profilieren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 01.09.2013, 14:42 Uhr)

TV-Duell Steinbrück vs. Merkel

Liveticker und Analyse

Das heutige TV-Duell zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück beginnt um 20.30 Uhr. Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet mit Web TV und Liveticker über die mit Spannung erwartete Debatte der Kanzlerkandidaten. Nach dem TV-Duell folgt eine Analyse von Deutschland-Korrespondent David Nauer. (vin)

«Je länger der Wahlkampf dauert, umso schwieriger wird es, sich einen Wahlsieg von Peer Steinbrück vorzustellen»: David Nauer, Deutschland-Korrespondent von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Wahlen in Deutschland

Umfragen sprechen für Merkel

Gut drei Wochen vor der Bundestagswahl verfügt Schwarz-Gelb neuen Umfragen zufolge über eine knappe Mehrheit. Das geht übereinstimmend aus dem ZDF-«Politbarometer» und dem ARD-«Deutschlandtrend» hervor. Vor dem TV-Duell der Kanzlerkandidaten am heutigen Sonntagabend
geben die Deutschen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) die besseren Chancen. 30 Prozent erwarten laut «Politbarometer», dass Merkel ihren Herausforderer Peer Steinbrück (SPD) schlagen wird, beim «Deutschlandtrend» sind es sogar 48 Prozent. Einen Sieg Steinbrücks erwarten im «Politbarometer» 15 Prozent und im «Deutschlandtrend» 26 Prozent.

Knappe Mehrheit für Schwarz-Gelb

Im «Politbarometer» kommt die CDU/CSU weiterhin auf 41 Prozent. Die SPD verbessert sich um einen Punkt auf 26 Prozent. Die Grünen verlieren einen Punkt auf zwölf Prozent. Die Linke verliert ebenfalls einen Punkt auf sieben Prozent. Die FDP erreicht unverändert sechs Prozent.

Im «Deutschlandtrend» erreicht die CDU/CSU ebenfalls 41 Prozent, verliert aber einen Punkt im Vergleich zur Vorwoche. Die SPD gewinnt einen Punkt auf 26 Prozent. Die Grünen verlieren einen Punkt auf elf Prozent. Die Linke bleibt bei acht Prozent. Die FDP erreicht unverändert fünf Prozent.

Union und FDP kämen damit zusammen auf eine knappe Mehrheit von 46 beziehungsweise 47 Prozent. Dies würde für eine Mehrheit im Bundestag reichen. Die übrigen im Bundestag vertretenen Parteien erreichen jeweils 45 Prozent.

30 Prozent Rückstand für Steinbrück

Bei der Kanzlerfrage holt Steinbrück jeweils leicht auf, liegt aber weiterhin weit hinter Merkel zurück. Für Merkel würden sich laut «Politbarometer» in einer Direktwahl 60 Prozent der Deutschen entscheiden (minus drei Punkte), laut «Deutschlandtrend» 54 Prozent (minus ein Punkt). Steinbrück wollen laut «Politbarometer» 31 Prozent lieber als Kanzler sehen (plus zwei Punkte), laut «Deutschlandtrend» 28 Prozent (plus sechs Punkte). (vin/afp)

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