Ausland
Endet Berlusconis steile Karriere unverhofft?
Von Kordula Doerfler, Rom. Aktualisiert am 11.09.2009 19 Kommentare
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Es war eine Warnung, die Silvio Berlusconi stärker beunruhigen muss als mancher Leitartikel. «Italien steht vor einer De-Berlusconisierung der Centrodestra», der bürgerlichen Mitte also, sagte Clemente Mastella. Das ist der Mann aus der Nähe von Neapel, der im Januar vergangenen Jahres Geschichte schrieb. Der schillernde Zentrumspolitiker scherte aus Romano Prodis Mitte-links-Koalition aus – und brachte ihn damit zu Fall. Seine Hoffnung, von Berlusconi für den Königsmord noch einmal mit einem Ministeramt bedacht zu werden, ging allerdings nicht auf. Zu sehr kompromittiert war Mastella wegen seiner Verwicklung in einen riesigen Korruptionsskandal.
In den letzten Monaten war es recht ruhig geworden um Mastella und seinesgleichen – jene Politiker aus der Erbmasse der untergegangenen Democrazia Cristiana, die ein Traum eint: dass in der politischen Mitte doch noch eine neue katholische Zentrumspartei entstehen könnte, die mehr wäre als eine Machtbeschaffungsmaschine für Berlusconi.
30 Prostituierte für 18 Partys
Jetzt, da die Enthüllungen um dessen private Ausschweifungen einen neuen Höhepunkt erreicht haben, wittert Mastella seine Chance. «Im Kolosseum ist die Stunde der Gladiatoren gekommen», glaubt er. Zu Hilfe kommt ihm dabei nicht nur das Verhalten des Regierungschefs, der mit seiner sogenannten Herbstattacke selbst Anhänger in den eigenen Reihen verstört.
Dass ausgerechnet das Flaggschiff von Italiens bürgerlichem Establishment, die Zeitung «Corriere della Sera», neue belastende Verhörprotokolle veröffentlichte, muss Berlusconi nervös machen. Gegenüber der Justiz plauderte der Bauunternehmer Gianpaolo Tarantini aus, dass er im vergangenen Herbst für 18 Partys in den Privatresidenzen des Ministerpräsidenten mindestens 30 Edelprostituierte organisiert hat. Berlusconis Beteuerungen, nie gegen Bezahlung Sex in Anspruch genommen zu haben, wirken damit noch unglaubwürdiger.
Zwar weist er nach wie vor jeden Ruf der Opposition nach einem Rücktritt brüsk von sich. Diese, geschwächt und mit den Diadochenkämpfen um die Nachfolge Walter Veltronis beschäftigt, wäre ohnehin nicht in der Lage, einen Wahlkampf durchzustehen oder gar die Regierung zu übernehmen. Doch für Berlusconi steigt die Gefahr, dass seine steile politische Karriere ein unverhofftes Ende nehmen könnte: dass er über sich selbst stürzt, auch wenn er sich am Donnerstag brüstete, «der beste Ministerpräsident in 150 Jahren italienischer Geschichte» zu sein.
Fini, der gefährlichste Gegner
Schon geht das Gespenst von der Spaltung des Volks der Freiheit um. Dabei wurde sie doch erst vor wenigen Monaten offiziell gegründet, indem Berlusconis Forza Italia und die postfaschistische Alleanza nazionale miteinander verschmolzen. Deren starken Mann, Gianfranco Fini, wollte Berlusconi zwar auf dem Posten des Parlamentspräsidenten ruhig stellen. Doch Fini blieb sein gefährlichster innerparteilicher Gegner. Dass er sich Hoffnungen macht, Berlusconi eines Tages zu beerben, und auch Ambitionen hat, Staatspräsident zu werden, ist allgemein bekannt.
Fini ist so mächtig, dass er es wagen kann, Berlusconi unverblümt zu kritisieren. Immer wieder wirft er ihm vor, die Prinzipien der Gewaltenteilung zu missachten und mit seinem harten Vorgehen gegen illegale Einwanderer ein Klima von Angst und Rassismus zu schüren. Auch Berlusconis jüngsten Versuch, die Spannungen schönzureden, wehrte Fini kühl ab. «Es gibt schwerwiegende Differenzen», liess er ausrichten. «In der PdL ist eine Wende nötig», setzte er am Donnerstag nach.
Kein Bündnis von Gleichgesinnten
Deutlicher liess es sich kaum sagen. Die neue Sammelpartei ist ohnehin kein Bündnis von Gleichgesinnten, sondern ein Vehikel, um möglichst viel von der Macht abzubekommen. Sollte Fini den Bruch wagen und gar eine Partei gründen, wäre das der Anfang vom Ende Berlusconis.
Seine Mehrheit gründet ohnehin nur auf den Stimmen, die die Lega Nord bringt – ein höchst unsicherer Kantonist. Seit in Süditalien und auf Sizilien eine Gruppe von PdL-Politikern droht, eine Lega des Südens zu gründen, werden die Zentrifugalkräfte noch stärker. In der Mitte wartet zudem der Christdemokrat Pierferdinando Casini auf die Stunde der Gladiatoren – und mit ihm andere Katholiken, denen die Demokratische Partei zu links ist.
Kirche geht auf Distanz
Unberechenbarer wird für Berlusconi auch seine bisher mächtigste Verbündete. Die Kirche geht auf Distanz zur rigiden Ausländerpolitik der Regierung – und zu einem Regierungschef, dessen Lebenswandel nicht gerade dem entspricht, was man sich unter einem vorbildlichen Familienvater vorstellt. Zu was Berlusconi fähig ist, illustrierte auch die Schmutzkampagne aus seinem Medienimperium gegen «Avvenire», die Zeitung der Bischöfe.
In den Hinterzimmern der Macht werden bereits Optionen und Szenarien für den Tag X durchgespielt. Sollte Berlusconi fallen, würden viele aus seinem Hofstaat mit ihm fallen, und dagegen gilt es schliesslich, Vorsichtsmassnahmen zu treffen. Erst in einer Ära nach Berlusconi wäre die Zeit reif für neue Konstellationen und Bündnisse in dem Vakuum, das der Zerfall des alten Parteiensystems hinterlassen hat. Erst dann wäre der Weg frei für die Dritte Republik. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.09.2009, 11:06 Uhr
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19 Kommentare
@Peter Schneider hat offensichtlich keine Ahnung wie es in Italien aussieht, er soll mir mal den Widerspruch erklaeren, warum die Italiener nicht richtig informiert sind, wenn Berlusconi 90% aller TV's kontrolliert. Das Gegenteil sollte der Fall sein. Ueber Fascismus sollte er einmal ein Geschichtsbuch konsultieren bevor er diese Wort in den Mund nimmt.. Antworten
Jedesmal, wenn ich lange in Asien, oder auch in deutschen Landen mich aufgehalten habe, habe ich das Bedürfnis, italienische Luft einzuatmen. Es ist tatsächlich keine Friedhofsluft. Es läuft etwas und Langeweile gibt es nicht. Bitte jetzt nicht allzulange über diesen Kommenar nachgrübeln und dabei einschlafen. Antworten
Viele Italiener bewundern Berlusconi, weil er genau das tut was sie auch gerne möchten. Er ist reich, pfeift auf die Justiz und nutzt die Schwäche des Systems aus. Verblüffend ist, dass nur wenigen klar geworden ist, dass B. trotz komfortabler Mehrheiten, nichts, aber auch gar nichts für Italien erreicht hat. Alles was er wirklich mit Nachdruck verfolgte er für seine eigenen Intressen. Antworten
ich verstehe Hr Meyers Kommentar nun gar nicht. In der CH kann man sich artikulieren bis zum geht nicht mehr in mindestens 4 Sprachen aber im Rahmen des Gesetzes. Dabei steht nicht zur Diskussion ob jedes Gesetz Sinn macht. Die Printmedien sind auch gar nicht so limitiert und mit der Informationsfreiheit und die Moeglichkeiten die heute gegeben sind, was will mann noch mehr, realistisch? Antworten
berlusconi wird insgeheim von den italienern geliebt. die sogenannten kritischen medien belustigen sich gerne. scharfe töne gegen berlusconi sind nur ausserhalb italiens zu vernehmen. nicht berlusconi ist das problem, sondern die frivolität der italiener. Antworten
@peter.baumann. Italien kann der CH in einigen Sachen, nicht zuletzt Meingungsfreiheit einiges vormachen. Wie steht es hier bei uns? Bei den Printmedien gibt es Tages-Anzeger und NZZ und dann lange nichts. Die Regierung wird von den Banken kontrolliert und bei der Iustiz? In kleinen Kt wie Glarus, Appenzell, Thurgau kennt jeder. Von Unabhängigkeit der Instanzen und Staatsanwaltschaft keine Spur! Antworten
Marcello Ruppi kennt sich trotz seines Namens in der italienischen Politlandschaft nicht aus: 90 % aller TV-Stationen werden von Berlusconi kontrolliert (Mediaset in seinem Besitz, RAI mit seinen Getreuen besetzt). Die Mehrheit der Zeitungen versuchte bisher, das faschistische Verhalten des Premiers herunterzuspielen. Fazit: die Mehreit der Italiener waehlte B. weil sie nie richtig informiert war Antworten
So schön Italien sein mag, politisch kann ich dieses EU-Land trotzdem nicht ernst nehmen. Berlusconi wird auch dies überstehen, schliesslich beherrst er immer noch am besten was so viele Italiener insgeheim selber gerne möchten: alles nicht zu ernst nehmen (inkl. Gesetze), das Leben als Show zu inszenieren (siehe TV-Programm), tadelloses, stilvolles Auftreten gepaart mit Playboy-Gehabe usw. Tja... Antworten
@ Marcello Ruppi. Das stimmt so nicht ganz. Alle Medienuntersuchungen zeigen auf, dass in Italien die Printmedien ein starkes Gegengewicht zu den übrigen Massenmedien darstellen. Die Zeitungen kritisieren die Regierung wesentlich stärker und stellen sich gar gegen Berlusconi. Dies gilt natürlich nur für jene Blätter, die nicht in Berlusconis Hand sind, deren es zahlreiche gibt. Antworten
In Italien sind die Zeitungen, die Justiz, das Fernsehen, die Gewerkschaften, die Opposition, die Intellektuellen, usw. alle gegen Berlusconi. Vom Volk, das in einer Demokratie das letzte Wort hat, spricht niemand. Niemand fragt sich warum die grosse Mehrheit der Italiener fuer Berlusconi sind, fuer Berlusconi stimmen und sich durch das negative Geschwaetz der Gegner nicht beeinflussen lassen. Antworten
Ich habe rund 20 Jahre in Italien gelebt und liebe dieses Land. Das Übel liegt möglicherweise darin, dass die Eltern Ihre Kinder in die Richtung erziehen, sich dieser Situation anzupassen. Ihre KInder müssen sich in diesem System der "Favoritismi" egal ob von rechts oder von links durchgesetzt haben. Die Inhalte spielen keine Rolle. Antworten



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Dieter Wundrig
@Marcello Ruppi-Zeitungen,Justiz & TV gegen Berlusconi?Wenn von ihm fast alles gleichgeschaltet ist,mit Seifenopern und banaler Unterhaltung das Volk verblödet wird.Der Rechtsstaat ausgehebelt wird und die Mafia ihr Unwesen treibt.Das Volk hat keineswegs das letzte Wort, das hat Berlusconi mit seinen markigen Sprüchen.Was aber gefällt dem Bürger noch an Berlusconi,keine Steuererhöhung vorzunehmen. Antworten