Er sagt, er habe aus Pflichtgefühl getötet

Von Hannes Nussbaumer. Aktualisiert am 22.03.2010

Heinrich Boere ermordete als SS-Mitglied 1944 drei Menschen. Morgen Dienstag folgt das Gerichtsurteil gegen den Rentner.

Führte bis anhin ein beschauliches Rentnerleben: Heinrich Boere, mutmasslicher NS-Kriegsverbrecher.

Führte bis anhin ein beschauliches Rentnerleben: Heinrich Boere, mutmasslicher NS-Kriegsverbrecher.
Bild: Keystone

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Der Mann, dem die Richter morgen ihren Urteilsspruch eröffnen, ist 89-jährig, schwerhörig und sitzt im Rollstuhl. Jahrelang hatte Heinrich Boere zusammen mit seinen zwei Yorkshireterriern ein beschauliches Rentnerleben geführt. Seit dem 28. Oktober muss er sich vor dem Landgericht Aachen verantworten. Für das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem gehört sein Fall zu den wichtigsten noch pendenten Dossiers mutmasslicher NS-Kriegsverbrecher.

Boere, Sohn eines niederländischen Vaters, kam in Deutschland zur Welt, wuchs aber in Holland auf. Dort gehörte er zur kleinen Minderheit, die den 10. Mai 1940 – den Einmarsch von Hitlers Wehrmacht– als Jubeltag empfand. Wenige Monate später meldete sich der damals 19-Jährige als Freiwilliger zur Waffen-SS. Boere kämpfte zuerst an der Ostfront in Russland, dann wurde er dem SS-Sonderkommando «Feldmeijer» in den Niederlanden zugeteilt. Dieses hatte den Auftrag, Anschläge von holländischen Widerstandskämpfern auf Deutsche zu vergelten. Opfer der Vergeltungsaktionen waren holländische Zivilisten.

Wenig Schuldbewusstsein

Boere ist wegen dreier Morde im Sommer 1944 angeklagt. Diese hatte er bereits 1946 gestanden und wurde deswegen drei Jahre später von einem holländischen Sondergericht zum Tod verurteilt. Doch Boere war noch vor dem Urteil aus der Gefangenschaft entwichen und nach Deutschland geflohen. Dort liess er sich nieder, arbeitete im Bergbau und wurde 1976 pensioniert.

Boere zeigte auch im fortgeschrittenen Alter wenig Schuldbewusstsein. Die «Süddeutsche Zeitung» schilderte, wie der Ex-SS-Mann vor einigen Jahren einem niederländischen Fernsehjournalisten in gemütlichem holländischem Singsang vom ersten seiner drei Morde erzählte; das Opfer war der Apotheker Fritz Bicknese. Boere: «Ich sage, bist du Bicknese, er sagt Ja, peng, peng, peng, dann war es passiert.» Dass der Journalist nicht verstehen konnte, wie man bei einem Fremden an der Tür klingeln und ihn einfach erschiessen konnte, verwunderte Boere: «Ich fühlte mich doch als Deutscher; ich fühlte mich verpflichtet zu kämpfen.» Dann begann er, von den Kämpfen an der Ostfront zu berichten. Auf den Einwand des Journalisten, es sei doch etwas anderes, ob man im Krieg an der Front einen Gegner töte oder als Killer in der Heimat, antwortete Boere: «Nee, nee, das macht nicht viel aus, ob an der Front oder zu Hause. Das waren doch Terroristen, Partisanen, das war doch der Feind.»

Boere musste sich nie verstecken

Der Fall Boere ist auch deshalb bemerkenswert, weil er beispielhaft zeigt, wie sich der Umgang der deutschen Justiz mit NS-Kriegsverbrechern gewandelt hat. Boere hatte sich in Deutschland über all die Jahre nicht versteckt. Musste er auch nicht – er konnte davon profitieren, dass sich Deutschland mit der juristischen Aufarbeitung der Kriegsverbrechen lange Zeit schwer tat. Als Holland 1980 Boeres Auslieferung beantragte, stellte sich Deutschland schützend vor den ExNazi. Ein innerdeutsches Ermittlungsverfahren wurde 1984 mit einer merkwürdigen Begründung eingestellt: Die Erschiessung von Zivilisten sei als «völkerrechtlich zulässige Repressalie» anzusehen.

Erst in jüngerer Zeit hat die deutsche Justiz ihren Kurs korrigiert und sich entschlossen der Vergangenheit angenommen. Mit der Folge, dass derzeit gleich mehrere Verfahren gegen einstige Kriegsverbrecher laufen, darunter der Prozess in München gegen den ebenfalls 89-jährigen mutmasslichen KZ-Wachmann John Demjanjuk.

Im Fall Boere beantragt der Staatsanwalt lebenslange Haft; der Täter habe «heimtückisch und meuchlerisch» gehandelt. Boere argumentiert, ihm seien die Morde befohlen worden. Er habe schiessen müssen – andernfalls wäre er selbst erschossen worden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2010, 12:54 Uhr

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