«Er sieht sich als Halbgott, als Genie»
Interview: Michèle Widmer. Aktualisiert am 27.02.2012 43 Kommentare
Christian Weisflog war von 2004 bis 2011 freier Korrespondent in Moskau. (Bild: zvg)
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Wladimir Putin in Moskau im Wahlkampf um das Präsidentenamt. (Video: Reuters )
«Das explosive Erbe der Sowjets»
Der ehemalige Einflussbereich der Sowjetunion steht vor dem Umbruch: Russland kämpft mit brachialen Mitteln um verlorenes Territorium, der Islam und pantürkische Ideen erleben eine Wiedergeburt, und der Westen stützt skrupellos rohstoffreiche und geopolitisch bedeutsame Diktaturen.
Welche Gefahren gehen von den postsowjetischen Republiken aus? Christian Weisflogs Bericht ist eine aufschlussreiche Bestandsaufnahme der politischen Minenfelder, die die ehemalige Sowjetunion hinterlässt.In Form von Interviews, Analysen und Reportagen schildert der Moskau-Korrespondent die aktuelle Lage in den ehemaligen Kolonien Russlands. Die Bilanz ist ernüchternd: Das Erbe der Sowjets ist ein schlafender Vulkan. Mit enormen Magma-Kammern, die jederzeit in eine neue Welle von Revolutionen und Kriegen ausbrechen können.
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Heute haben sich in Moskau 130'000 Menschen zu einer gross angelegten Kundgebung für Wladimir Putin versammelt. Sind alle diese Menschen gekauft?
Zumindest wurde wahrscheinlich ein grosser Teil davon dazu gebracht, an der Veranstaltung teilzunehmen – auf den einen oder anderen Weg. Viele Russen arbeiten bei Staatskonzernen und haben Angst, ihren Job zu verlieren, wenn sie Putin die Unterstützung verweigern. Andere werden mit Cars aus den Regionen in die Hauptstadt befördert. Für diejenigen, die Putin eigentlich nicht unterstützen, ist ein Ausflug aus der Provinz auch eine nette Abwechslung.
Wie gross ist der Anteil der Russen, die wirklich hinter Putin stehen?
Es gibt noch viele in Russland, die Putin unterstützen. Dies aber nicht, weil sie sich mit seiner Politik identifizieren, sondern weil sie Angst davor haben, was sonst kommt. Viele haben lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach.
Woher kommen denn die Rufe der Opposition?
Die kommen hauptsächlich aus der neuen, aber noch kleinen Mittelschicht. Es ist die jüngere Generation, Menschen, die selbstständig sind und in den Städten wohnen.
Auch Putin selbst zeigte sich heute in der Öffentlichkeit. Lange Zeit schien er sich für den Wahlkampf gar nicht zu interessieren.
Das ist keine Überraschung. In Russland nimmt eine Person in seiner Position nicht an öffentlichen Debatten teil. Er sieht sich als Halbgott. Als Genie. Und dieses lässt sich nicht darauf herab, mit dem Volk zu diskutieren. Putin hat seine ausgewählten Leute, die ihn bei Diskussionen vertreten.
Auch an einer kürzlichen Fernsehdebatte mit den vier anderen Präsidentschaftskandidaten hat Putin nicht teilgenommen. Sind seine Konkurrenten wirklich so chancenlos?
Ja, das sind sie. Das Regime hat die vier Kandidaten gut ausgewählt. Und zwar so, dass das Volk in keinem eine gute Alternative sieht. Da wäre Wladimir Schirinowsky, der als Politiker gar nicht ernst genommen werden kann. Michail Prochorow ist vor allem durch seine ausgeprägte Feierlaune und Partys bekannt. Sergei Mironow gilt als enger Putin-Vertrauter und auch Gennady Zyuganow ist als alter Kommunist für viele nicht wählbar.
Was geschieht in Russland, wird Putin am 4. März wirklich zum neuen Präsidenten gewählt?
Das ist schwierig einzuschätzen. Fraglich ist, wie klar Putin gewählt wird. Viele glauben, dass es seiner Glaubwürdigkeit guttun würde, wenn er erst im zweiten Wahlgang als Sieger dastehen würde. Ich denke allerdings, dass Putin dieses Theater nicht mitmachen wird und bereits im ersten Wahlgang gewählt wird. Danach wird es am 5. März mit grösster Wahrscheinlichkeit Proteste gegen das Wahlergebnis geben. Hält der Gegenstrom an, wird Putin die Proteste einzudämmen versuchen. Dies könnte über Einschränkungen im Internet oder bei den Medien geschehen.
Welche Folgen hätte dies für die restliche Welt?
Wenn die Proteste fruchten und es wirklich dazu kommen sollte, dass in Russland eine demokratische Regierung an die Macht kommt, wäre es für Russland und die Region erst der erste Schritt. Für die umliegenden Staaten hätte dies grosse, aber grösstenteils noch unklare Auswirkungen. Fraglich wäre, was mit dem von Putin eingesetzten tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow passieren würde, ob sich der weissrussische Präsident Alexander Lukaschenko halten könnte oder wie sich der Territorialkonflikt in Armenien und Georgien entwickeln würde.
Ist das russische Volk bereit für eine Revolution?
Da gibt es verschiedene Ansichten. Ich zweifle daran, dass ein solcher Konflikt in Russland zurzeit friedlich und geordnet ablaufen würde. Ein bekannter russischer Blogger der Opposition, Alexei Nawalny, hat kürzlich geschrieben, dass es gut ist, dass die Regime-Gegner noch nicht durchstrukturiert sind. Hätten sie ein Büro in Moskau, wäre dies einfach zu eliminieren. Nach den Wahlen wird sich aber vieles zeigen. Was in nächster Zeit in Russland passiert, hängt zum grossen Teil davon ab, wie lange sich die Proteste nach der Putin-Wahl halten können. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.02.2012, 16:18 Uhr
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43 Kommentare
Was Herr Weisflog da zum besten gibt, ist ziemlich weit von der russischen Realität entfernt, aber leider typisch für westliche Korrespondenten. Und es ist eine Frechheit gegenüber der Mehrheit der Russen. Tatsache ist, dass die einfachen Russen, und das ist die Mehrheit im Land, nicht so denken. Sie wählen Putin, weil er sie überzeugt als Politiker und nicht, weil irgendwer Druck auf sie ausübt. Antworten
So wie Herr Weisflog schreibt unterhält er sich in Moskau wohl nur mit pro-westlichen Linken und Netten oder er weiss ganz genau, dass das was er mit diesem Bericht sugerieren möchten, nicht ganz den wahren Tatsachen im heutigen Russland entspricht. Putin hat wohl mehr Ruckhalt in der Bevölkerung als die zersplitterte Opposition und wohl auch mehr als manche der westeuropäischen Regierungen. Antworten
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