Erdogan gefährdet mit seinem Auftritt die Vermittlerrolle der Türkei
Von Kai Strittmatter, Istanbul. Aktualisiert am 30.01.2009
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Die hohe Kunst der Diplomatie, eine Brücke schlagen über die Gräben einer uralten Feindschaft, die nüchterne und pragmatische Arbeit an der Lösung eines jahrzehntealten, emotionsbeladenen Konfliktes: Am Donnerstagabend in Davos machte der türkische Präsident Tayyip Erdogan vor, wie das geht. Denn zum ersten Mal haben der türkische und der armenische Präsident, Sersch Sarkisjan, an diesem Abend miteinander gesprochen. Bald, munkelt man, solle die Grenze zwischen beiden Ländern geöffnet werden. Eigentlich eine Sensation.
Istanbuler Machogebaren
Die aber unterging. Weil nur wenige Minuten später der andere Tayyip Erdogan auf die Bühne trat. Der Staatsmann machte Platz für den Mann «aus Kasimpasa», wie die liberale Zeitung «Radikal» schrieb. Kasimpasa ist der Istanbuler Vorort, in dem Erdogan aufwuchs. In Istanbul ist das Viertel ein Synonym für Hitzköpfe und Machotum. Für Männer, die sich nichts gefallen lassen.
Erdogans Istanbuler Anhängern hat gefallen, was sie live aus Davos zu sehen bekamen: einer, der es den Israeli und ihren Freunden im Westen mal gezeigt hat. Sie haben ihren Premier gefeiert bei seiner Wiederkehr, als neuen «Weltführer». Die Hamas schickte ein Glückwunschtelegramm. Und es schien, als genösse Erdogan den Erfolg bei den Seinen zu Hause. Aber es ist ein Triumph, der den Premier und sein Land noch teuer zu stehen kommen könnte.
Die Türkei pflegt als einziges muslimisches Land enge Bande zu Israel, daran änderte auch der aus dem politischen Islam kommende Erdogan nichts, als seine Partei 2002 die Macht übernahm. Seit der Gazaoffensive Israels aber kritisiert er das Land so scharf wie kaum ein anderer. Gründe für seinen Ärger gibt es viele: echte Empörung über das Blutvergiessen. Das Gefühl, die Israeli seien ihm in den Rücken gefallen, im Moment als er zwischen ihnen und Syrien – auch zum Thema Hamas – vermittelt hatte. Und nicht zuletzt der Wahlkampf in der Türkei: Selten war die antiisraelische Stimmung im Volk so stark wie in den letzten Wochen. Wahrscheinlich suchte Erdogan gerade wegen der guten Beziehungen seiner Regierung zu Tel Aviv diese Flanke zu decken. Die Schärfe aber, in der er das tat, überraschte Beobachter genauso wie sein theatralischer Auszug in Davos.
Sauer zu sein, hatte er allen Grund: Der israelische Präsident Shimon Peres bekam für seine Rede, während der er mehrfach Erdogan persönlich anging, alle Zeit, die er wollte. Erdogan hingegen wurde das Wort abgeschnitten. Und dennoch reagierte er für einen Staatsmann dilettantisch und zum Schaden seiner Sache.
Die Regierung Erdogan hat eine eigene Aussenpolitik zum Zentrum ihres Tuns erklärt. Dabei verfolgt Ankara vor allem zwei miteinander verflochtene Ziele: die Türkei zu einer neuen Regionalmacht aufzubauen und das Land zum Mitglied der EU zu machen. Beider Ziele wegen hat die Türkei zuvor nie gesehene diplomatische Aktivitäten entwickelt.
Aus Sicht der Europäer war angesichts des innenpolitischen Stillstands die aktive türkische Diplomatie in den letzten Jahren das einzige Pfund, mit dem Erdogan wuchern konnte. Zum einen bricht er mit alten Tabus, arbeitet an der Aussöhnung mit Feinden wie den Kurden Nordiraks oder den Armeniern. Zum anderen wurde sein Land als Vermittler aktiv und nutzte seine Sonderstellung gerade im Falle Israels: Die Türkei verhandelte insgeheim mit Syrien, aber auch mit dem Libanon gab es Gespräche.
Disqualifiziert
«Ich kann niemandem erlauben, dem Ruf und der Würde meines Landes zu schaden», verteidigte sich Erdogan. Doch geht es auch um die Interessen seines Landes. Als Vermittler hat sich Erdogan fürs Erste jedenfalls disqualifiziert. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.01.2009, 22:11 Uhr
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