Ausland
«Es ist beim ersten Mal genauso gefährlich wie beim tausendsten»
Interview Olivia Kühni. Aktualisiert am 02.06.2010
25 Jahre Erfahrung als Entschärfer: Volker Scherff, Geschäftsführer des «Bund Deutscher Feuerwerker und Wehrtechniker».
Der Unfall
Die genaue Ursache der tödlichen Explosion eines Blindgängers aus dem Zweiten Weltkrieg am Dienstagabend in Göttingen ist bislang unklar. Die Bombe explodierte beim Aufbau der Technik zur Entschärfung, wie Feuerwehrsprecher Frank Gloth sagte.
Bei der Entschärfung der 65 Jahre alten Bombe kamen drei Mitarbeiter des Kampfmittelräumdienstes ums Leben. Zwei weitere wurden schwer und vier leicht verletzt.(dapd)
Stellungnahme Berufsfeuerwehr Göttingen
Die Detonation der Bombe hat nach Angaben der Berufsfeuerwehr Göttingen nichts mit dem neuen Verfahren der Entschärfung zu tun. Der Sprengkörper sei explodiert, bevor die Räumer überhaupt mit ihrer Arbeit anfangen konnten, sagte eine Sprecherin am Mittwochmorgen gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.
Das Verfahren sei bereits letzten Donnerstag an anderer Stelle in Göttingen erfolgreich eingesetzt worden. Der Kampfmittelräumdienst ist Teil der Berufsfeuerwehr Göttingen.
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Nach der Explosion in Göttingen liessen die Behörden verlauten, es habe sich um eine «Routine-Bombenentschärfung» gehandelt. Was ist darunter zu verstehen?
Volker Scherff: Nun, wir sprechen nicht gerne von Routine. Für den Entschärfer ist das nie Routine – es ist beim ersten Mal genauso gefährlich wie beim 1000. Mal. Was die Behörden damit meinen, ist, dass der Ablauf so war, wie er normalerweise ist.
Und wie ist er normalerweise?
Zunächst informieren die Finder die Polizei. Die Polizei orientiert dann die Entschärfer, die in den meisten Bundesländern auch bei der Polizei oder bei der Feuerwehr angesiedelt sind. Der Kampfmittelräumer kommt dann vor Ort, analysiert die Bombe und entscheidet, ob und wie evakuiert werden muss. Später beginnt er mit seiner Arbeit. So ist es auch in Göttingen abgelaufen.
Mit was für einer Art Bombe hatten es die Entschärfer zu tun?
Das war eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg, britisch oder amerikanisch. Sie hatte einen Langzeitzünder. Das heisst, dass er mit einem chemischen Mittel versehen ist, das langsam reagiert und dann eine Explosion auslöst. Das müsste eigentlich bereits nach ein paar Tagen geschehen. Der Zünder hat in diesem Fall versagt.
Warum geht eine Bombe plötzlich, nach über 60 Jahren, hoch?
Das bleibt uns immer ein Rätsel. Man weiss es einfach nicht, warum sie genau zu diesem bestimmten Zeitpunkt explodiert. Ein Blindgänger, der 1944 abgeworfen wurde, ist auch nach Jahren genau so scharf wie damals.
Wie viele Bomben sind Blindgänger?
Heute geht man davon aus, dass 20 bis 30 Prozent aller Bomben nicht detonieren. Das ist eine Quote, wie sie die Amerikaner im Irak haben. Und im Zweiten Weltkrieg war sie vergleichbar hoch.
Zurück zum Fundort. Wenn Sie als Entschärfer vor Ort kommen, wie fühlen Sie sich?
Da ist ein gewisses Lampenfieber, Nervosität. Man darf keine Angst haben. Aber ich habe grossen Respekt vor der Aufgabe. Wenn eine Bombe detoniert, hat der Entschärfer keine Chance.
Gibt es Rituale, die bei der Konzentration helfen?
Die Bombe hat man ja schon beim ersten Besuch identifiziert. Das ist das Allerwichtigste: Dass man sie systematisch betrachtet, sie klar kategorisiert. Dass man den Zünder kennt.
Wie gehen Sie dann vor?
Im Normalfall nähert sich nur einer der Bombe. Es sei denn, er braucht Hilfe, weil der Sprengkörper in einer Grube liegt und jemand ihm Werkzeug reichen muss. Grundsätzlich arbeitet der Entschärfer aber alleine.
Wegen des Risikos?
Ja, um möglichst wenig Menschen in Gefahr zu bringen. Und auch, damit man nicht abgelenkt wird.
Eine sehr einsame Arbeit.
Ja.
Darf ein Entschärfer auf einen Einsatz verzichten, wenn er sich an einem Tag nicht bereit fühlt dazu?
Nein. Diese Möglichkeit gibt es nicht. Das gehört zur beruflichen Pflicht. Vor Ort weiss man, dass man das kann. Und wenn nicht, holt man einen Kollegen zu Hilfe.
Trainieren Sie während der Ausbildung den Umgang mit der psychischen Stress-Situation?
Wir versuchen, das einzubinden und anzusprechen. Lernen aber kann es jeder erst selber vor Ort. Das ist wie Autofahren: Der Fahrlehrer kann dem Schüler dieses und jenes sagen, trotzdem ist es ganz anders, wenn er dann mitten im Verkehr steht.
Mit welchen technischen Hilfsmitteln arbeiten Sie?
Das unterscheidet sich je nach Sprengkörper. Zunächst versuchen die Entschärfer, den Zünder mit einem ferngesteuerten Zünderausdrehgerät herauszuschrauben. Wo dies nicht möglich ist, wird mit einer gewöhnlichen Rohrzange gearbeitet. Der Zünder wird zuerst entrostet, dann von Hand mit der Zange rausgeschraubt.
Gibt es nicht die Möglichkeit, nur noch Roboter zur Entschärfung einzusetzen?
Die werden durchaus eingesetzt, allerdings für kleinere Bomben wie Kofferbomben oder Briefbomben. Für Grossbomben wie jene aus dem Zweiten Weltkrieg sind sie nicht geeignet, da wirken schlicht zu grosse Kräfte. Gerade jetzt in Göttingen aber wurde ein neues Verfahren mit einem Roboter eingesetzt. Er sollte mit einem Wasserstrahlschneider den Zünder von der Bombe abtrennen.
Wurde das in Göttingen erstmals versucht?
Das Verfahren ist schon zehn Jahre alt, ist aber erst in den letzten zwei Jahren gebrauchsfertig entwickelt worden. In Göttingen hat man es meines Wissens jetzt nach dem Januar zum zweiten Mal eingesetzt.
Welche Eigenschaften braucht ein Mensch, um ein guter Entschärfer zu werden?
Er darf nicht gerne mit Sprengstoff umgehen.
Wie bitte?
Ja, er darf kein Pyromane sein, sonst wird es gefährlich. Er sollte den gehörigen Respekt vor der Munition haben. Bevor man das Training zum Entschärfer macht, muss man drei Jahre lang als Munitionshelfer arbeiten, da wird das geprüft. Ausserdem braucht man ein gewisses technisches Verständnis. Die Ruhe bei der Arbeit, das lernt man mit der Zeit. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.06.2010, 11:26 Uhr

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