Frankreichs Abstiegsängste
Von Oliver Meiler, Paris. Aktualisiert am 16.01.2012 14 Kommentare
Das Modèle français steht zur Disposition: Präsident Nicolas Sarkozy. (Bild: AFP )
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Geschwächt, abgestraft, deklassiert. In diesen Kategorien sehen viele Franzosen den Ausschluss ihres Landes aus dem erlauchten Club der nun nur noch 16 Staaten der Welt mit Topbonität. Von AAA auf AA+ hat Standard & Poor’s Frankreich herabgestuft. Die Ratingagentur hält das Land als Schuldner also nicht mehr für uneingeschränkt vertrauenswürdig – erstmals seit 1974.
Das hört sich zunächst nach einer geringfügigen Degradierung an, die finanziell womöglich kaum ins Gewicht fallen wird, weil sie von den Märkten schon vorweggenommen worden waren. Und so möchte es auch die französische Regierung und das Elysée interpretiert haben. Über das Wochenende redeten Minister und präsidiale Berater die schlechte Nachricht vom letzten Freitag (dem 13.) klein. Ganz klein, so klein wie nur immer möglich. Aber wohl ohne Illusionen.
Die Furcht vor dem Abstieg
Das Volk lässt sich nicht so leicht täuschen. Allzu salbungsvoll hatte Nicolas Sarkozy das Triple-A vor einigen Monaten noch zur «nationalen Causa» hochstilisiert, als dass man dessen Verlust nun als «kleines Übel» hinnähme. Es geht ja auch nicht so sehr um steigende Zinssätze und Risikoaufschläge auf Staatsanleihen. Es geht um viel mehr: um nationale Psyche, um wankende kulturelle Modelle, um die Furcht vor einem Abstieg aus der ersten Liga, um die Schmach auch, von Deutschland abgehängt zu werden.
Relegation in den Club Med
Die Franzosen umtreibt in der Krise ein denkwürdiges Mass an Gram und Selbstzweifeln, wenn man um das hehre Selbstverständnis dieser stolzen Republik weiss. In einer weltweiten Umfrage stellte sich unlängst heraus, dass das französische von allen sondierten Völkern das pessimistischste überhaupt ist. Und zwar deutlich. Vielleicht bewirkt diese Schuldenkrise nun eine historische und kulturelle Zäsur: Das Modèle français steht zur Disposition, dieses Modell eines starken und zentralistischen Staates, der paternalistisch und omnipräsent auftritt, der jeden fünften Bürger als Beamten beschäftigt, der mit Sozialprogrammen nie geizte, aber immer auf Pump lebte. Seit 1974 war kein Haushalt mehr ausgeglichen. Doch das kümmerte niemanden. Die Nonchalance in Budgetfragen gehörte zur Grandeur, zum Gestus einer Grande Nation.
Nun ist plötzlich alles anders. Und Schulden sind ein Thema, sind real, sie drücken, sie zwingen Frankreich zum Sparen. Es droht eine Relegation in die Kreisklasse der Schuldensünder – in den Club Med also, in die Liga von Europas Südstaaten. Denen diente Paris bisher immer als Quelle der Inspiration. Und Paris spielte sich immer als deren Lobbyist auf. Doch nun riskiert man, in einem Atemzug mit Portugal, Italien, Griechenland und Spanien genannt zu werden – mit den PIGS. Und so war das natürlich nicht gedacht. «Le Monde» schreibt, es gebe nach der Herabstufung jetzt «zwei Europas»: dort das disziplinierte und dynamische Nordeuropa um Deutschland, hier Südeuropa mit seinen Finanzschwierigkeiten und dürftigen Perspektiven um Frankreich. Es ist dies eine doppelte Schmach, wohl auch das Ende von «Merkozy».
Alle Indikatoren sind schlecht: Frankreichs Arbeitslosigkeit ist auf fast 10 Prozent angestiegen; die Armut und das soziale Gefälle wachsen; das Wirtschaftswachstum ist erlahmt; die Staatsschulden sind so hoch wie nie; die drei grössten Banken im Land erfuhren ein Downgrading. Das Made-in-France lässt sich kaum exportieren: Der Schnellzug TGV, einst das Juwel französischer Innovations- und Ingenieurskraft, verliert fast alle internationalen Wettbewerbe; Dassault findet keine ausländischen Abnehmer für seinen Kampfjet Rafale (auch die Schweiz wollte ihn nicht); die Nuklearindustrie baut viel zu teure Zentralen.
Front National profitiert
Ausgerechnet in dieser Phase des Trübsinns wählen die Franzosen im April und Mai ihren Präsidenten und im Juni ein neues Parlament. Uninspiriert verdrossen, ohne Enthusiasmus. Das spürt man schon in diesen ersten Wochen des Wahlkampfs. Amtsinhaber Sarkozy mochte sich im Wissen um seine Unpopularität und bescheidene Bilanz noch immer nicht zum Kandidaten deklarieren. Sein wohl stärkster Widersacher, der Sozialist François Hollande, scheint mehr auf eine Niederlage Sarkozys zu bauen als auf seinen eigenen Sieg. Bisher enthält er den Franzosen jede Art von Vision vor.
Der Zentrist François Bayrou punktet unterdessen mit seinem Appell an die Franzosen, sie möchten doch aus Patriotismus nur noch französische Produkte einkaufen, was in globalisierten Zeiten verzweifelt und einfältig anmutet, jedenfalls nicht selbstbewusst. Marine Le Pen wiederum würde Frankreich am Liebsten ganz aus der Welt, zumindest aber aus der Europäischen Union lösen.
Nie waren die Ideen ihres rechtsextremen Front National populärer als jetzt. Unter Bauern und Fabrikarbeitern liegt der Zuspruch bei über 40 Prozent. Das sagen Studien und Umfragen. Sie sagen auch beklemmend viel aus über den Seelenzustand der Franzosen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.01.2012, 12:43 Uhr
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14 Kommentare
Frankreich hat ein Wahrnehmungsproblem. Man hat ein Pensionsalter das seines gleichen sucht, Kündigungsschutz welcher jenseits der Vernunft liegt, Arbeitszeiten etc. Und wenn dann logischerweise die Wirtschaft erlahmt, ist ganz einfach die EU schuld. Antworten
F ist immer noch ein erfolgreiches, starkes Land. Der Unterschied zwischen AAA und AA+ ist objektiv kaum wahrnehmbar. Die Enttäuschung in F ist fast nur mit seinem Geltungsbedürfnis erklärbar, dem Wunsch, zumindest auf dem europäischen Festland die führende Macht zu sein, und auch der Furcht, den ewigen Wettstreit mit D zu verlieren (was aber im Grunde längst passiert ist). Antworten
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