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Frankreichs dunkle Stunde

Ein neuer Film bewegt die Franzosen. «La rafle» handelt von der Grossrazzia der französischen Polizei gegen Juden am 16. Juli 1942 in Paris. Sie war ein Tabu.

Szene aus «La rafle»: Pariser Juden werden im Juli 1942 zur Deportation ins Vélodrome d’Hiver gebracht.

PD

Es gibt Momente in diesem erschütternden Film, da glaubt man die Fassungslosigkeit im Saal mit Händen fassen zu können. Obwohl die Geschichte ja bekannt ist, zumindest als Chiffre des Grauens. Diese Bilder von Kindern, die ihren Müttern entrissen werden. Diese Totale des Vélodrome d'Hiver, kurz Vél d'Hiv, der Radsporthalle im XV. Arrondissement, dem Ort des Schreckens, Durchgangslager für 8000 Pariser Juden. Und diese Bilder plombierter Züge nach Auschwitz. Eine dunkle und schlecht dokumentierte Stunde der neueren Geschichte Frankreichs erhält eine eindrückliche Bebilderung. Erstmals, 68 Jahre danach. Die Zeitung «Le Figaro» titelte am Mittwoch, dem Premierentag, auf der Frontseite ganz gross: «Die Wahrheit». Es ist eine verdrängte, beschämende Wahrheit.

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«La rafle» von Rose Bosch erzählt die Geschichte jenes 16. Juli 1942 im besetzten Paris, als französische Polizisten und Gendarmen im Morgengrauen, um 4 Uhr früh, Juden «gerafft» haben, Haus um Haus, 13 152 insgesamt. 3118 Männer. 5919 Frauen. Und 4115 Kinder. Ja, Kinder ab vier Jahren. Bosch hat drei Jahre lang geforscht für den Film, hat sich mit Historikern getroffen, liess die wenigen Überlebenden reden. Vor allem Jo Weismann, heute 80. Er war damals elf Jahre alt. Als Jo Weismann während der Dreharbeiten das Set des Vél d'Hiv besuchte, wo sie 1942 in brütender Hitze fünf Tage lang eingesperrt gewesen waren, ohne Toiletten und fast ohne Wasser, beklagte er sich über den horrenden Gestank. Nur er roch ihn, ein Reflex der Erinnerung.

Die Nazis hatten von ihren Alliierten, dem Regime von Vichy, für ihre «Endlösung» 25'000 Juden gefordert. Frauen und Männer, keine Kinder. Weil sie nicht wussten, was sie mit den Kindern anfangen sollten. Weil es für Kinder keinen Platz gab in den Vernichtungslagern. Doch die französische Regierung beschloss, auch Kinder zu deportieren, damit sie auf die geforderte Quote kam. Und weil der greise Vichy-Staatschef Marschall Philippe Pétain nicht wusste, was er mit so vielen Waisen anfangen sollte. Wenn an jenem Juli-Morgen dennoch nur die Hälfte der geforderten Anzahl verhaftet wurde, dann lag das an den «justes», den Gerechten – jenen Franzosen, Polizisten und Zivilisten, die von der «rafle» wussten, der Gefahr trotzten und Juden vor der grossen Razzia retteten.

Das übereifrige Vichy-Regime

Für den Historiker Max Gallo ist dieser Film «notwendig», weil er die aktive und zuweilen übereifrige Rolle des Vichy-Regimes zeige: «Alles ist wahr in diesem Film», sagte Gallo diese Woche in einer abendfüllenden Sondersendung des französischen Staatsfernsehens, «er zeigt die kriminelle Politik des Regimes.» In der Nachkriegszeit versuchte das offizielle Frankreich, Pétain als passiven, unter Gewalt genötigten Handlanger der Nazis darzustellen. Die vielen Razzien gegen Juden im ganzen Land wurden tabuisiert. Die Durchgangslager im Loiret, wo geflüchtete, staatenlose und französische Juden interniert waren, bevor sie deportiert wurden in die Konzentrationslager in Polen und Deutschland, verschwanden bald. Auch die Bilder. Von der «rafle du Vél d'Hiv» blieben nur wenige Fotos übrig, mehr nicht.

Auch den ersten Präsidenten der V. Republik lag wenig daran, Verantwortlichkeiten zu erörtern. Charles de Gaulle erschien wichtig, den Franzosen das Selbstvertrauen zu stärken, Wunden zu nähen. Erst François Mitterrand, Präsident von 1981 bis 1995, ehrte die Opfer des Vél d'Hiv. Am 16. Juli 1992 war das. Er legte einen Kranz nieder an der Gedenkstätte, die an der Stelle der abgebrochenen Halle eingerichtet wurde – wortlos, ohne Entschuldigung. Und wurde dafür ausgepfiffen. Mitterrand taugte nicht zum Versöhner in dieser Angelegenheit. Er war ein Freund von René Bousquet, dem Polizeichef von 1942, dem Organisator der Razzia, der nach dem Krieg eine Karriere als Banker und Politiker machte. Es war Jacques Chirac, der das Schweigen brach, kaum war er 1995 zum Präsidenten gewählt worden, und er sagte diesen viel beachteten Satz: «Frankreich, das Vaterland der Aufklärung und der Menschenrechte, Heimat der Gastfreundschaft und des Asyls, hat an jenem 16. Juli 1942 das Irreparable begangen.»

Rose Boschs Film soll nun in allen Gymnasien Frankreichs gezeigt werden. Der Kritiker der Wochenzeitung «Canard enchaîné» schreibt, der Film sei «mutig, fesselnd, schrecklich pädagogisch». Er werde echtes historisches Bewusstsein schaffen. 68 Jahre danach. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2010, 04:00 Uhr

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1 Kommentar

Hartmut Rosshoff

12.03.2010, 12:22 Uhr
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Die beklemmende Stimmung der Konzentration der Verhafteten schilderte bereits der Film von Joseph Losey 1976: >Monsieur Klein<. Woraus der deutsche Irrsinn erwuchs, und auch der französische, sollte sich noch einmal den Film von Stanley Kubrick >Paths of Glory<, Wege zum Ruhm, 1957, ansehen. Die Justes de la France wurden in der Ste.Geneviève noch zuletzt von Chirac, Simone Veil u.a. 2007 geehrt. Antworten



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