Frauen verkleiden sich als Männer

Von Claudia Kühner, Jerusalem. Aktualisiert am 23.11.2009

Israel ist das einzige westliche Land, in dem Frauen Militärdienst leisten müssen. Doch immer mehr Schülerinnen weigern sich einzurücken. Vor allem wegen der Einsätze in der Westbank.

Israelische Soldatinnen auf einem Marsch. «Es ist so leicht, etwas zu werden, was man nicht ist», sagt rückblickend eine israelische Veteranin.

Israelische Soldatinnen auf einem Marsch. «Es ist so leicht, etwas zu werden, was man nicht ist», sagt rückblickend eine israelische Veteranin.
Bild: Keystone

Frauen von Anfang an dabei

Frühe Vorläufer der Israel Defense Force (IDF) waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts Wächtertruppen, welche die neuen jüdischen Siedlungen bewachten. Während der britischen Mandatszeit entwickelten sich daraus die Untergrundarmee Haganah (Verteidigung) und deren Elitetruppe, der Palmach. Zu beiden gehörten auch Frauen. Leah Rabin, die spätere Frau von Yitzhak Rabin, war eine von ihnen. Nach der Staatsgründung 1948 wurden Haganah und Palmach zum Kern der IDF. Die Frauen wurden zunächst mit sehr «traditionellen» Aufgaben betraut. Heute hat sich ihr Aufgabenbereich erheblich ausgeweitet. In Kämpfen werden sie aber nicht eingesetzt. (ckr)

Am 29. Oktober wurde die 19-jährige Or Ben-David zu 20 Tagen Haft im Militärgefängnis verurteilt. Sie weigert sich, den zweijährigen Militärdienst zu leisten und hat das in einem Brief so begründet: «Verweigern heisst, Nein zu sagen. Nein zur Militärherrschaft in der Westbank, Nein zur Gewalt als Mittel der Verteidigung, Nein zum Patriarchat, Nein zur Gewalt gegen unschuldige Menschen, Nein zum Missbrauch von Soldaten, Nein zum Krieg und zu einer Gesellschaft, die behauptet, demokratisch zu sein, aber junge Menschen an die Waffe zwingt, zu töten und getötet zu werden.» Or Ben-David gehört zur Gruppe der «Shministim», benannt nach der achten Schulklasse, der Maturklasse. Ihr gehören rund 3000 Schüler und immer mehr Schülerinnen an, die bald einrücken müssten, den Dienst aber verweigern.

Verzerrtes Bild

Gerne vermittelt Israels Militär, die Israel Defense Force (IDF), ein anderes Bild seiner Soldatinnen. Bildhübsch, keck das Käppi auf dem Haar, vielleicht noch lässig die Maschinenpistole umgehängt. Klischee und Männertraum in einem. Es gibt auch weniger schöne Bilder, näher an der Wirklichkeit. Die 18-Jährige, die eben noch auf der Schulbank sass, jetzt an einem Checkpoint in der Westbank Dienst tut und die wartenden Menschen nach Belieben ihre Macht spüren lässt. Oder die gelangweilt in einem Büro Papiere hin und her schiebt. Israel ist das einzige westliche Land, das den obligatorischen Militärdienst auch für Frauen kennt. Ausgenommen sind Verheiratete, Schwangere oder religiöse Frauen. Der Rest nimmt den Dienst auf sich, weil es selbstverständlich ist, oder geht voller Überzeugung in diese «RS».

Aber eben nicht alle. Schon 1970 hatten Schüler in einem Brief an die damalige Premierministerin Golda Meir ihre Vorbehalte gegen die Besatzung formuliert. Dass heute auch junge Frauen verweigern, hat damit zu tun, dass sie seit den 90er-Jahren in den besetzten Gebieten eingesetzt werden. Im Libanonfeldzug von 2006 kam die erste Frau in einem Krieg um. Sie war Bordingenieurin in einem Helikopter gewesen, der abstürzte.

Keine Gleichberechtigung

Frauen am Gewehr gab es schon vor der Staatsgründung, und sie haben den Mythos um die israelische Armee mitbegründet (vgl. Kasten). So wie Frauen am Aufbau der jüdischen Gemeinschaft beteiligt waren, wie es die sozialistische Gründerideologie verlangte. Was aber nicht zu verwechseln ist mit Gleichberechtigung. Daran hat sich bis heute nur wenig geändert, auch wenn es an der Oberfläche anders aussehen mag.

«Wir unterscheiden drei Perioden, wenn wir von Frauen in der IDF sprechen», sagt Uri Ben-Eliezer, Soziologe an der Universität Haifa. «Von 1948 bis in die 70er-Jahre verstanden wir uns als eine Nation in Waffen. Die Armee stand im Mittelpunkt der Gesellschaft, und Frauen hatten hier wie ausserhalb der Armee ihre traditionellen Rollen als Lehrerinnen, in der Küche, im Büro, als Krankenschwestern. Phase zwei folgte in den 70er-Jahren. Weil die Frauen zunehmend enttäuscht waren von ihrer Rolle und alles Prestige bei den Männern aus den Kampfeinheiten lag, entstand Druck von unten. So liess man Frauen wenigstens in technischen Einheiten dienen und setzte sie auch als Instruktorinnen ein.» Heute sind sie auch mit Aufgaben im Geheimdienst oder in Kommunikationseinheiten betraut. Ein Drittel aber arbeitet im Büro. Von Kampfhandlungen hält die Armee sie bis heute fern, auch um zu vermeiden, dass sie dem Feind in die Hände fallen.

Frauen imitieren Männer

Ist eine Frau aber in den besetzten Gebieten stationiert, gilt sie deswegen als Mitglied einer Kampfeinheit. Damit wollte man ihr Selbstwertgefühl heben. Mit einer merkwürdigen Wirkung. Uri Ben-Eliezer: «Auch wenn die Frauen nicht schiessen, fangen sie an, männliche Verhaltensweisen zu imitieren, sich rüde zu geben, wüste Witze zu reissen, grobe Sprache zu benutzen, die männliche Körpersprache nachzuahmen, wie man es bei einem bestimmten Typus von Lesbierinnen findet.»

Inbar bestätigt es. Die heute 28 Jahre alte Studentin hat ihren Dienst einst am Checkpoint Erez an der Grenze zum Gazastreifen absolviert. «Wenn ich es in einem Satz zusammenfassen müsste: Die Frauen verkleiden sich als Männer, aber keiner hinterfragt das. Die IDF kann Frauen nicht akzeptieren. Das System ist männlich, die Frauen stören nur.» Und die Frauen wissen, dass ihnen keine umgehängte Waffe etwas nützt. «Frauen suchen Prestige», so Ben-Eliezer, «aber den Status des kämpfenden Soldaten werden sie nie erreichen.»

«Armee des Volkes»

Was Wissenschaftler oder Ex-Soldatinnen berichten, passt nicht zum Selbst- und Leitbild der Armee. Die sieht sich als «Armee des Volkes» und von Gleichberechtigten. Und ob im Innern oder gegen den äusseren Feind, man will «universellen moralischen Werten» und den «historischen Traditionen des jüdischen Volkes folgen».

Längst aber hat die persönliche Erfahrung vieler Soldaten und Soldatinnen den Glauben daran widerlegt. Vor allem, wenn es um den Mythos von der «Reinheit der Waffen» geht. Den hat Golda Meir einst so in Worte gefasst: «Wir werden es den Arabern nie verzeihen, dass sie uns zwingen, auf ihre Kinder zu schiessen.» «Shoot and cry», Schiessen und Weinen, ist die modernere Version; die IDF als «die moralischste Armee der Welt» zu bezeichnen, wie zuletzt nach dem Gazakrieg, ist unter Politikern ein Allgemeinplatz.

Eine andere Wirklichkeit bezeugen die heute über 700 Berichte von Ex-Soldaten und -soldatinnen über ihre Dienstzeit während der zweiten Intifada und des Gazakriegs. Die Soldatenorganisation «Breaking the Silence» publiziert diese Aussagen. Neu ist, dass sich auch Soldatinnen melden. Bis heute sind es bereits fünfzig, und «Breaking the Silence» hat über sie eine Dokumentation gedreht.

Araber als Tiere

Darin schildern sie – die einen betont cool, die andern den Tränen nahe – die spezifische Problematik von Frauen, zerrissen zwischen Macht und Unterlegenheit. Macht gegenüber den Palästinensern, Unterlegenheit gegenüber den männlichen Soldaten an ihrer Seite. Die weiblichen Strategien, das zu überstehen, rangieren von der beschriebenen Hyper-Männlichkeit bis zum ohnmächtigen Mitmachen, mit teilweise schlimmen psychischen Spätfolgen.

Die 28-jährige Dana war einst in Hebron stationiert und arbeitet heute für «Breaking the Silence». Mit 18 zog sie nichts in Zweifel, auch nicht ihren Armee-Einsatz. «Ich wurde ohne Vorbereitung zu einer Hausdurchsuchung mitgenommen und sollte die Frauen bis in die intimsten Stellen durchsuchen, unter ihnen eine, die meine Grossmutter hätte sein können. Ich habe mich geweigert. Was aber keine disziplinarischen Folgen hatte.» Dana war schockiert und wurde sich dennoch bewusst, «dass ich es nach dem zehnten Mal völlig automatisch getan hätte». Für sie aber war es der politische «Weckruf». Warum so viele mitmachen? Dana: «Man ist erst 18 und will nur Teil der Gruppe sein. Es ist so leicht, etwas zu werden, was man nicht ist.»

Allein gelassen

Auch Inbar, die beim Gazastreifen stationiert war, sieht mit Schrecken zurück. Wie Dana zog sie voller Idealismus ins Militär und wurde ebenso allein gelassen. «Ohne Vorbereitung wurde ich auf meinen Posten am Checkpoint platziert. Dort hat man uns im Grunde beigebracht, Araber als Tiere zu sehen und dass wir hart sein müssen, um sie zu brechen.»

Dazu kommt die zwischengeschlechtliche Spannung, die mit Hierarchie, Dominanz und Macht einhergeht. «Man ist stolz, als Frau Teil des Ganzen zu sein, aber bekommt dann doch bedeutet, dass man nicht dazugehört», sagt Inbar. Formale Gleichberechtigung etwa in Offiziersrängen gibt es nur in nicht kämpfenden Einheiten.

Überall gilt maskuline Ideologie

Das Machtgefälle fördert auch gewaltgeprägte «Beziehungen» zwischen den Geschlechtern. Sexuelle Belästigung bis zur Vergewaltigung gehören zum Alltag. Das ergeben Untersuchungen der IDF wie wissenschaftliche Forschungen. Dritte verarbeiten solche Erfahrungen in literarischer Form wie Michal Zamir in ihrem aufsehenerregenden Roman «Das Mädchenschiff».

Die Tel Aviver Soziologin Orna Sasson-Levy sieht darin die Begleiterscheinung einer Gesellschaft, die männerdominiert ist und wo Gewalt dazugehört. Sie hat festgestellt, dass Frauen im Militär dazu neigen, sich von traditionellen Formen der Weiblichkeit zu distanzieren und sexuelle Belästigung zu trivialisieren. Die Armee transportiert gemäss Sasson-Levy «maskuline Ideologie, Werte und die patriarchale Ordnung», die auch im Staat gilt. Wenn Frauen sich aber anpassen, so die Soziologin, stützen sie das Ganze, statt es herauszufordern. Wenn es heute für Frauen mehr Funktionen gibt, die früher Männern vorbehalten waren, richtet sich das meist nach den Bedürfnissen der Armee, etwa wenn Personal fehlt.

Frauen haben das Nachsehen

Dass die Prestigepositionen Männern vorbehalten sind, wirkt im Zivilleben nach. Wer an der «richtigen» Stelle gedient hat, darf mit Vergünstigungen und Vorteilen für das berufliche Fortkommen rechnen, ob in der Wirtschaft oder in der Politik. Solche Netzwerke werden im Militär aufgebaut, und Frauen haben auch hier das Nachsehen.

Yaara, die 17-Jährige aus Jerusalem, will das alles nicht auf sich nehmen. Auch sie gehört den «Shministim» an. Sie beschreibt den Druck, dem sie widerstehen muss: «Wir werden schon als Kleinkinder zu den Schlachtfeldern gebracht, und Offiziere kommen in die Schule, um uns zu indoktrinieren». Yaara hat die Befragung durch eine Kommission zu ihrer Verweigerung noch vor sich. Illusionen macht sie sich nicht über das Ergebnis.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.11.2009, 06:20 Uhr

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