«G-20? Sie haben keine Macht»
Von Jacqueline Hénard. Aktualisiert am 30.03.2009 11 Kommentare
Luc Ferry
Der viel gelesene Philosoph Luc Ferry, 56 Jahre, berät den französischen Premierminister in gesellschaftspolitischen Fragen. Von 2002 bis 2004 war er Minister für Schule, Bildung und Forschung. Ferry hat zwei Dutzend Bücher zur politischen Philosophie veröffentlicht, darunter eine Kritik am Niedergang des Denkens seit 1968.
Die ganze Welt lebt mit der Wirtschaftskrise, und in Frankreich gehen Hunderttausende auf die Strasse, obwohl sie sich kaum Hoffnungen auf mehr Geld oder mehr Sicherheit machen dürfen. Was ist los?
Jahrhundertelang hat man Angst und Wut für kindliche Gefühle gehalten. Das hat sich grundlegend geändert. Wenn Angestellte wütend sind oder junge Leute Angst haben - dann ist das nicht mehr unreif oder beschämend, sondern eine Tatsache, die von der Politik zur Kenntnis genommen werden muss.
Immer häufiger wird die gute alte Familie als Rückzugsgebiet in der Krise gepriesen. Steht Frankreich vor einer moralischen Wende rückwärts?
Kommen Sie mir bitte nicht mit der guten alten Familie! Im Mittelalter war ein Kindstod weniger schlimm als der Tod eines Pferdes. Danach kam die bürgerliche Familie, ein hassenswerter Ort, wo man an der Verlogenheit erstickte. Bordell ja, Scheidung nein. Grauenhaft. Heute erleben wir ein gewisses Cocooning, mit der «guten alten Familie» hat das aber wahrlich nichts zu tun.
Deutschland und Frankreich sind in der Krise bedenklich weit auseinandergedriftet. Wie sehen Sie die Zukunft?
Die Krise wird uns stärker zusammenführen, als wir glauben. Wir sind Kinder der Aufklärung und des Glaubens an eine Zukunft, in der die Menschen freier und glücklicher werden. Dem hat die Globalisierung ein Ende gesetzt. Wir bewegen uns nicht mehr voran, weil wir ein grandioses Objekt vor Augen haben, sondern weil wir dazu gezwungen sind, sonst bleiben wir am Wegesrand zurück. Die Geschichte hat ihren Sinn verloren. Hier ist die Wurzel aller Angst zu finden: Wir bewegen uns sehr schnell voran, und niemand weiss, wohin. Das hat nichts mit mangelnder Intelligenz der Politiker zu tun, sondern mit den Eigenheiten der Finanzmärkte.
Wie kommt es, dass man im Allgemeinen trotz Krise so wenig nationalistische Töne vernimmt?
Die Nation spielt nicht mehr dieselbe Rolle wie früher. In unserer Erfahrungswelt tritt die Nation als Wohlfahrtsstaat in Erscheinung, das schafft wenig affektive Bindungskraft.
Das Misstrauen in die Politik ist enorm. Wie kann sie sich das nötige Gehör verschaffen, um die Menschen zu mobilisieren?
Bei der letzten Präsidentschaftswahl in Frankreich lag die Stimmbeteiligung bei 83 Prozent! Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Leute bei persönlichen Begegnungen sehr herzlich sind. In zwei Jahren als Minister unter Jacques Chirac hatte ich nur ein richtiges Gespräch mit ihm. Mir war beim Sozialgipfel in Porto Alegre klar geworden, in welchem Mass uns die Welt entglitten ist. Die Finanzmärkte haben uns entmachtet, sagte Chirac. Die Leute glauben nicht, dass die Politiker allesamt faule, korrupte Hunde sind - und sie sind es nicht -, es ist viel schlimmer: Sie wissen, dass die Politik aufgrund der Globalisierung keinen Einfluss mehr hat auf den Lauf der Welt.
Das sagen Sie als Franzose, dessen Staatspräsident bei der Neuordnung der Welt in der ersten Reihe mitmachen will?
De Gaulle konnte noch sagen: Wir machen Industriepolitik und resorbieren damit die Arbeitslosigkeit. Das geht heute nicht mehr. Frau Merkel, Herr Brown und Herr Sarkozy stehen vor derselben Aufgabe - wie steuern wir unseren Wohlfahrtsstaat ohne allzu viel Sozialdumping durch die Globalisierung? G-20? Alles sehr schön, in Wahrheit geschieht dort aber doch nur ein Bruchteil dessen, was geschehen würde, wenn sie Macht hätten. Sie haben keine.
Wenn der einzelne Politiker keine Macht hat, woher soll dann die Leadership kommen?
Ich bin neulich mit Sarkozy zum EU-Asien-Gipfel gereist. Es war faszinierend, die Staats- und Regierungschefs unter sich zu beobachten. Ideologische Fragen, rechts und links, spielen überhaupt keine Rolle. Die einzige Frage, die auf dieser Ebene zählt, lautet: Wie können wir Handlungsspielraum wiedergewinnen in einer globalisierten Welt? Hier liegt das Problem Europas. Die negativen EU-Referenden in Irland und in Frankreich sind ein Drama für den Kontinent. Mit dem Verfassungsvertrag hätten wir zum ersten Mal ein wenig supranationale Entscheidungsmacht bekommen. Es ist doch offensichtlich, dass wir den Lauf der Welt nicht auf nationaler Ebene unter Kontrolle bekommen werden.
Glauben Sie, dass solche Überlegungen für die Teilnehmer an den Massenkundgebungen eine Rolle spielen?
Aber sicher. Sie erleben die Globalisierung, und sie sehen, dass die Flucht nach vorn in neue Märkte, neue Schulden keine Lösung bringt, sondern das Problem nur vertagt. Wir stehen vor einer Zivilisationsfrage. Der Massenkonsum hat keinen Sinn, und die Forderung, die Menschen müssten sich der Globalisierung anpassen, auch nicht. In Deutschland leben zehn, in Frankreich sieben oder acht Millionen Menschen mit weniger als 800 Euro im Monat. Für sie ist das alles nur obszön. In Paris reicht auch das Doppelte kaum zum Leben. Wir leben in einem Zeitalter des unglücklichen Bewusstseins. Wir sehen, was zusammenbricht, aber wir können nicht erkennen, was entsteht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.03.2009, 16:39 Uhr
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11 Kommentare
Reiche werden reicher -Arme werden ärmer?! Das ist die Realität einer sogenannten Rechtsortnung der Globalisierung. Nur die grossen Volksmassen können etwas verändern. Die Wirtschaft ist ja sowieso am Boden. Nur in einer solchen Zeit haben Veränderungen eine Chance. Verieren können die Benachteiligten ja nicht mehr viel. Antworten
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