Ausland
«Ghadhafi war kein Krimineller»
Interview: Nina Merli. Aktualisiert am 27.10.2011 94 Kommentare
Italienisch-libysche Freundschaft: Der römische Geschäftsmann Alessandro Londero und seine Frau Yvonne di Vito führen gemeinsam Hostessweb, eine der grössten Promotionsagenturen Italiens. Für einen Vortrag Ghadhafis im libyschen Kulturzentrum in Rom liess Ghadhafi rund 200 Frauen aufbieten. Es handelte sich dabei um Hostessen von Hostessweb. Das Paar freundete sich bei dieser Gelegenheit mit Ghadhafi an und reiste in den letzten zwei Jahren rund ein Dutzend Mal nach Libyen. Im August dieses Jahres überbrachte Londero Silvio Berlusconi einen schriftlichen Hilferuf Ghadhafis.
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Herr Londero, es heisst, Muammar al-Ghadhafi habe Sie nach Tripolis kommen lassen, damit Sie Berlusconi eine Nachricht überbringen. Wieso gerade Sie?
Das wurde so geschrieben, ist aber nicht ganz korrekt, denn Ghadhafi hat mich nicht auserwählt, es war eher ein Zufall, dass ich als Bote bestimmt wurde. Ich und meine Frau hatten mit vier Freunden eine Reise nach Libyen organisiert, um uns über die tatsächliche Situation vor Ort ein Bild zu machen. Dabei begleiteten uns zwei italienische Journalisten. Am 29. Juli sind wir von Tunis über Djerba nach Tripolis angereist. Dort hätten wir bei Freunden leben sollen, doch als wir sahen, dass viele Häuser von Zivilisten zerstört worden waren, entschieden wir uns, im Hotel Radisson zu logieren. Doch vom Zimmer aus sah ich, dass nur wenige Meter vom Hotel entfernt, ein Gebäude dem Erdboden gleichgemacht worden war. Vermutlich, weil es neben einer militärischen Residenz gestanden hatte. Offensichtlich hatte die Nato ihr Ziel verfehlt. Das Radisson war uns zu riskant, also checkten wir im Rixos-Hotel ein, wo Journalisten aus aller Welt stationiert waren – dieses Gebäude würde bestimmt nicht aus Versehen bombardiert werden.
Sie haben Ghadhafis letzte Botschaft an den Westen überbracht. Was stand im Brief an Silvio Berlusconi?
Ghadhafi appellierte darin an seinen Freund, an Berlusconi, zeigte sogar Verständnis dafür, dass dieser ihn hatte fallen lassen, und versicherte ihm, dass er dieses düstere Kapitel vergessen und die Freundschaft zwischen den beiden Ländern weiterhin aufrechterhalten würde. Er bat Berlusconi, ihm zu helfen, indem er seine Beziehungen nutzte, um diese schrecklichen Bombardements, die viele Libyer das Leben kosteten, zu stoppen. Er wollte, dass die Aggression gegen sein Land und sein Volk aufhört.
Dies war nicht Ihre erste Reise nach Tripolis. Aus welchem Grund haben Sie und Ihre Frau Libyen so oft besucht?
Wir hatten bereits 2009 gemeinsam mit Ghadhafi ein Projekt gestartet, das die Realisation eines kulturellen Austausches von jungen Menschen aus Italien und Libyen vorsah. Ghadhafi wollte die zwischen ihm und Berlusconi besiegelte Freundschaft vertiefen. Und zwar wollte er dort ansetzen, wo er den starken Teil der beiden Länder sah: bei den Jungen und vor allem den Frauen. Er wollte die Freundschaft zwischen Italien und Libyen zementieren, weil er der Meinung war, dass Freundschaften erhalten bleiben, während Verträge mit der Zeit verblassen.
Wie kam dieses Projekt zustande?
Wir haben Ghadhafi bei seinem ersten Italien-Besuch kennengelernt. Wenige Monate später führten wir in Rom ein erstes Treffen durch, an dem über 500 junge Menschen teilnahmen. Es waren zwar deutlich mehr Frauen als Männer anwesend, denn Ghadhafi wollte, dass vor allem die Frauen seinen Standpunkt gegenüber der weiblichen Welt kennenlernen. Darauf organisierten wir mehrere Reisen mit italienischen Libyen-Interessierten. Bei jeder dieser Reisen hat Ghadhafi diese jungen Menschen persönlich empfangen und hat jeden Einzelnen gefragt, was er von seinem Land, den sozialen Strukturen und der Politik halte. Ghadhafi war auch immer sehr daran interessiert, wie seine Äusserungen in Italien aufgenommen werden, und war dann jedes Mal erstaunt, dass seine Aussagen als Provokation verstanden wurden. Während eines Treffens riet einer der Teilnehmer Ghadhafi, er solle sich doch, wie andere Politiker auch, von Kommunikationsstrategen beraten lassen. Worauf Ghadhafi im Spass meinte, dass ja vielleicht einer der Teilnehmer diese Aufgaben übernehmen könnte. Im März hätte die erste Gruppe von Libyern Italien besuchen sollen, doch der Krieg kam dazwischen und beendete unser Projekt.
Während Ihrer Treffen haben Sie Ghadhafi von seiner persönlichen Seite kennengelernt. Wie haben Sie ihn erlebt?
Bevor ich ihn persönlich kennenlernte, gefiel mir Ghadhafi überhaupt nicht. Ich hielt ihn für einen Angeber, einen blutrünstigen Diktator, einen Kriminellen. Und dann, wie es halt manchmal geschieht, wenn man die Leute persönlich kennenlernt, wird dir plötzlich klar, dass dein Bild falsch war.
Yvonne di Vito: Bei unserer ersten Reise nach Libyen sind wir in seinem Zelt empfangen worden, wo er uns als Erstes mit einer sehr speziellen Geste überraschte. Er hat seinen grossen Sessel durch einen einfachen Plastikstuhl, wie wir ihn hatten, ersetzt, um uns auf diese Weise zu signalisieren, dass wir Gäste genauso wichtig waren wie er. Solche Momente hat es immer wieder gegeben. Er hatte nichts Arrogantes an sich.
Haben Sie Ihre Meinung inzwischen geändert?
Londero: Ich bin Ghadhafi gegenüber immer noch sehr kritisch eingestellt, aber das bin ich vielen Politikern gegenüber. Aber ich habe persönlich erleben können, dass Ghadhafi trotz schlechter Eigenschaften auch gute Seiten hatte: Er war bescheiden. Er lebte nicht in Reichtum, war viel eher ein Beduine, der immer ein offenes Ohr für andere hatte. Immer, wenn wir bei Ghadhafi waren, besuchten ihn Bedürftige in seinem Zelt – und er nahm sich Zeit für sie. Er war mit Sicherheit kein Heiliger, das steht fest, aber meiner Ansicht nach war er auch kein Krimineller und hätte ein anderes Ende verdient.
Di Vito: Die dramatischen Bilder über seinen Tod haben mich sehr traurig gemacht. Es handelt sich um einen brutalen Mord und hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Am meisten ärgern mich die Verleumdungen seiner ehemaligen Mitarbeiter und all der opportunistischen Politiker, die bis vor kurzem noch ihren Kopf vor der libyschen Regierung, also auch vor Ghadhafi, gesenkt haben.
Zurück zu Ihrem letzten Aufenthalt in Tripolis. Wie kam es dazu, dass ausgerechnet Sie zur Übergabe des Briefes an Berlusconi bestimmt wurden?
Londero: Wir waren ja wie gesagt, bereits mehrere Male in Tripolis wegen unseres Austauschprojekts und haben uns jedes Mal mit den libyschen Verantwortlichen getroffen. Sie – und ich ziehe es vor, keine Namen zu nennen, weil ihre Nähe zu Ghadhafi sie nun das Leben kosten könnte – kontaktierten mich. Wir hatten ja bereits bei früheren Treffen mit Ghadhafi das Thema Kommunikation und vor allem die interkulturellen Missverständnisse besprochen. Wir überarbeiteten Ghadhafis erste Version komplett, weil sie unserer Meinung nach völlig falsch verstanden würde. Doch auch er war mit unseren Anmerkungen nicht zufrieden und korrigierte die von uns vorgeschlagenen Textstellen – insgesamt zweimal. Wobei zwischen jeder Korrektur einige Tage verstrichen, weil ja Ghadhafi Tripolis bereits verlassen und sich an einem geheimen Ort in Sicherheit gebracht hatte. Seine Leute mussten also jedes Mal das überarbeitete Schreiben zu Ghadhafi bringen und wieder zurück.
Trotzdem konnten Sie Silvio Berlusconi nur den Entwurf mit Ghadhafis persönlichen Korrekturvorschlägen überbringen. Wieso?
Es herrschte Krieg in Libyen. Jeden Tag wurden weitere Teile Tripolis' bombardiert. Am 6. August beschloss ich, meine Frau und den Rest der Gruppe zurück nach Italien zu schicken. Ich wollte noch einige Tage abwarten in der Hoffnung, das offizielle Schreiben mit Ghadhafis Unterschrift doch noch zu erhalten. Aber ich wartete vergebens und konnte auch niemanden mehr kontaktieren. Es gab keinen Strom, kein Wasser, und das Telefonnetz brach auch die ganze Zeit zusammen. Am 9. August gab ich auf und entschied mich, ebenfalls die Zelte abzubrechen. Doch zu diesem Zeitpunkt war es unmöglich, ein Transportmittel zu finden, das mich an die Grenze gefahren hätte. Ein Journalist der «New York Times» bot mir an, in zwei Tagen mit ihm abzureisen. Aber das war mir zu spät, ich wollte sofort weg. Ich war doch noch nie in einem Kriegsgebiet gewesen. Am Ende gelang es einem Mitglied des Austauschprojekts, mir einen privaten Fahrer zu organisieren, der mich bis zur Grenze nach Tunesien fuhr. Diese Kriegswirren waren für mich ein schreckliches Erlebnis.
Zurück in Rom haben Sie Ghadhafis Schreiben Berlusconi überbracht. Wie wurde der Appell aufgenommen?
Zurück in Rom habe ich sofort den Palazzo Chigi (Italiens Regierungssitz, Anm. d. Red.) kontaktiert, worauf ich von zwei Beratern Berlusconis empfangen wurde. Ich übergab ihnen den Briefentwurf, der zwar nicht die offizielle Unterschrift Ghadhafis trug, aber seine von Hand gemachten Notizen und schilderte ihnen die Situation in Tripolis. Sie schienen sehr interessiert, weil sie keine Ahnung über den Ernst der Lage hatten. Ich erklärte ihnen, dass humanitäre Hilfe dringend nötig war, zeigte Fotos von verletzten Zivilisten, Kindern, von vielen bombardierten Privathäusern und von Krankenhäusern ohne Strom und ohne Wasser. Sie versprachen mir, sich bald bei mir zu melden, doch natürlich hörte ich nichts. Warum hätten sie sich auch bei mir melden sollen? Als ich anrief, um mich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen, hiess es, dass sie nichts unternehmen könnten, da es sich um kein offizielles Schreiben handelte. Mir war klar, dass ich nichts mehr tun konnte.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.10.2011, 15:45 Uhr
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94 Kommentare
Geblendete Touristen!
Ghadafi hat der Schweiz offiziell den Krieg erklärt!
Man hat nachweislich Massengräber gefunden!
Er hat zugegeben die Terroristen von Lockerbie bezahlt zu haben!
Es ist bewiesen, dass er Gegner getötet und ins Gefängnis geworfen hat!
und so weiter....
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