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«Griechenland würde um Jahrzehnte zurückfallen»

Interview: Michèle Widmer. Aktualisiert am 02.11.2011 28 Kommentare

Der griechische Premier Giorgos Papandreou hat mit seinen Abstimmungsplänen Europa verärgert. Doch was denken die Menschen in Athen, Thessaloniki, Piräus? Der Journalist Nikos Ikonomu hat Antworten.

«Eine Bombe mit verschiedenen Zündschnüren»: Griechen lauschen den jüngsten Plänen ihres Premiers.

«Eine Bombe mit verschiedenen Zündschnüren»: Griechen lauschen den jüngsten Plänen ihres Premiers.
Bild: Reuters

Nikos Ikonomu schreibt im Ressort Politik bei der grössten Zeitung von Thessaloniki, «Aggelioforos». Die Zeitung steht der sozialistischen Regierung von Andreas Papandreou nahe. (Bild: zvg)

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Herr Ikonomu, mit seinem Entscheid, die Beschlüsse des Eurogipfels vors Volk zu bringen, gefährdet Ministerpräsident Giorgos Papandreou die ganze Griechenland-Rettung. Was halten Sie von Papandreous Entscheid?
Papandreou stand in den letzten Wochen nicht nur aussenpolitisch, sondern auch innenpolitisch sehr unter Druck. Fast alle Parteien – die Konservativen sowie die Linke – sind und waren schon immer gegen die Sparpakete der Eurozone. Nun fordern sie, die Wahlen, die für 2013 geplant sind, vorzuziehen. Durch die enormen Budgetkürzungen ist auch das Volk unter Druck geraten. In fast jeder Familie in Griechenland gibt es mindestens einen Beamten. Papandreou musste irgendwie reagieren.

Welchen Rückhalt hat Papandreou in der Bevölkerung?
Zurzeit ist die Bevölkerung über fast alle Politiker verärgert. Treten diese in der Öffentlichkeit auf, werden sie gerne mal mit Eiern oder Joghurt beworfen. Aber viele Griechen machen vor allem Papandreou für ihre schlechte finanzielle Lage verantwortlich. Dem Land ging es lange gut. Viele Griechen konnten sich ein Auto kaufen und Häuser bauen. Und plötzlich kam der Crash. Viele glauben, wenn Papandreou die Krise frühzeitig erkannt und richtig reagiert hätte, wäre die Lage jetzt rosig. Ich bin jedoch der Meinung, dass es Griechenland zwar besser gehen würde, die Welt aber nicht vollkommen in Ordnung wäre. Das Land hat die Misere nicht nur Papandreou zu verdanken. Die beiden grossen Parteien hätten sich frühzeitig zu einer Koalition vereinen müssen, um das Problem gemeinsam anzugehen. Nicht nur Papandreou, sondern auch der Oppositionsführer Antonis Samaras war damals nicht dazu bereit.

Wie wird sich das Volk entscheiden, sollte es wirklich zur Urne gebeten werden?
Im Moment ist das sehr schwierig zu sagen. Die Griechen assoziieren das Referendum mit verschiedenen Aspekten. Für den einen ist es ein Ja oder ein Nein zum Sparpaket. Für den anderen ein Entscheid für oder gegen Papandreou. Und nochmals andere sprechen sich mit der Abstimmung für oder gegen Europa aus. So, wie es aussieht, wird die Abstimmung über das Referendum in wenigen Wochen stattfinden, sollte es im Parlament denn wirklich durchkommen. Heute habe ich in einer griechischen Zeitung sogar das Datum 10. Dezember gelesen. Es bleibt abzuwarten, wie Papandreous Vertrauensvotum am Freitag ausfällt.

Sind sich die Leute bewusst, was ein Ausstieg aus der Eurozone für Griechenland bedeuten würde?
Ganz und gar nicht. Öffentliche Diskussionen über dieses Thema sind schwierig. Die Griechen sind dabei sehr fanatisch. Ich denke, es wird noch etwas dauern, bis sich die Bevölkerung bewusst ist, welche Folgen ein Austritt aus der Eurozone hätte. Und doch gibt es Menschen in Griechenland – rund 10 Prozent –, die sich die Drachme zurückwünschen. Würde das passieren, würde Griechenland um Jahrzehnte zurückfallen.

Papandreou durchläuft momentan harte Zeiten. Wird er bis zu den Wahlen im Jahr 2013 durchhalten?
Mein Eindruck ist, dass Papandreou Griechenland retten will. Er sieht dies als seinen persönlichen Auftrag. Wenn Europa und das Volk ihn lassen, wird er bis 2013 alles daran setzten, Griechenland vorwärtszubringen. Angesichts dessen ist sein Entscheid, die Gipfelbeschlüsse vors Volk zu bringen, nicht so schlecht. Sollte das Volk Ja sagen, kann er sich immer auf den Volksentscheid berufen. Sagt das Volk Nein, wird er zurücktreten. In Griechenland gibt es eine Regel, die besagt, dass ein Referendum eine Wahlbeteiligung von mindestens 40 Prozent haben muss. Sollte dies nicht der Fall sein, wäre das Referendum sowieso hinfällig. Die kommenden Wochen werden für Griechenland sehr intensiv. Das Referendum ist voller Risiken und vereint viele verschiedene Aspekte. Es ist sozusagen wie eine Bombe mit verschiedenen Zündschnüren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.11.2011, 20:33 Uhr

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28 Kommentare

Erich von Brunnen

02.11.2011, 17:20 Uhr
Melden 49 Empfehlung

"Dem Land ging es lange gut. Viele Griechen konnten sich ein Auto kaufen und Häuser bauen. Und plötzlich kam der Crash."
Total naiv und alles auf Pump ohne Leistung !
Antworten


Hermann Kaufmann

02.11.2011, 18:24 Uhr
Melden 36 Empfehlung

«Griechenland würde um Jahrzehnte zurückfallen» Wieso denn? Sie sind ja schon Jahrzehnte zurück. Von Fallen kann also keine Rede sein. Oft ist ein Neubeginn einfacher, als endlos Löcher stopfen. Hier in Spanien wird es genau so kommen! Nur eine Frage der Zeit. Antworten



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