Hintergrund

Gross, grösser, Hamburg

Investoren-Himmel, Tourismus-Magnet, Boom-Stadt: Hamburg unter der CDU will im Wettbewerb der Metropolen mitmischen. Am nächsten Wochenende wird gewählt – die SPD hofft auf ein Comeback.

Hier wird nicht gespart: Die Elbphilharmonie kostet die Hamburger Steuerzahler 300 Millionen Euro.

Hier wird nicht gespart: Die Elbphilharmonie kostet die Hamburger Steuerzahler 300 Millionen Euro. Bild: AP

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Für Christine Ebeling ist Globalisierung nicht ein abstrakter Begriff, der durch chinesische Fabriken oder indische Software-Schmieden spukt. Die Globalisierung hat sich bis vor ihre Haustür gefressen, bis ans Gängeviertel, diesen bunten Flecken Hamburg, wo die meisten Häuser besetzt sind und baufällig, wo Künstler ihre Ateliers haben, wo sie Theater spielen, Tee umsonst servieren oder einfach nur faulenzen.

Ebeling sitzt in einem ungeheizten Atelier. «Da», sagt sie und zeigt aus dem Fenster. Man sieht Arbeiter, die ein Betonskelett hochziehen. Hier entsteht einer dieser Bürotürme, wie sie in Shanghai glänzen, in Moskau, in New York. «Menschenunwürdig, kalt», sagt Ebeling. Hamburg sei drauf und dran, das zu verlieren, was den Kern dieser Stadt ausmache. Wie das Gallier-Dorf bei Asterix und Obelix wirkt das alternative Gängeviertel mitten in dem Meer von Stahl- und Glasarchitektur. Dabei hätte, wenn es nach der Stadtregierung gegangen wäre, auch dieses Überbleibsel des alten Hamburg verschwinden sollen. Verträge mit einem holländischen Investor waren schon unterschrieben, da haben Ebeling und andere Künstler die Bruchbuden besetzt. Nach viel medialem Druck gaben die Stadtväter nach. Der Farbklecks darf vorerst bleiben.

Rotes Comeback

Hamburg wählt am 20. Februar ein neues Parlament, und allem Anschein nach kommt es zu einem Machtwechsel. In Umfragen liegt die SPD vorn. Es dürfte ihr zusammen mit den Grünen für eine komfortable Mehrheit reichen. Die vergangenen neun Jahre hat die CDU den Bürgermeister gestellt. Noch trotzt Amtsinhaber Christoph Ahlhaus den schlechten Prognosen: «Wir können stolz sein auf das, was wir geleistet haben», muntert er seine Parteifreunde auf. «Wir haben die Stadt aus dem Dornröschenschlaf geholt.»

Das ist nicht ganz aus der Luft gegriffen. Die altehrwürdige Hansestadt hat sich zu etwas wie einer Metropole gemausert. Sie ist internationaler geworden, grösser. «Wachsende Stadt» heisst das Leitbild, das die CDU nach der Machtübernahme erarbeiten liess. Parteistrategen lasen eifrig die Bücher des amerikanischen Soziologen Richard Florida, der sagt, im Wettbewerb der Standorte müsse eine Stadt möglichst attraktiv werden für die «kreative Klasse». Der Begriff ist weit, er umfasst Architekten, Unternehmensberater, Publizisten, Menschen also, die mit Ideen Geld verdienen. Den Planern im Rathaus schwebte vor, dass ihre Stadt, einst dank des Hafens ein Tor zur Welt, ein bisschen zum Zentrum der Welt werde.

Kaum Hamburger in der Hafencity

Einen Spaziergang vom Gängeviertel entfernt lässt sich dieser Anspruch in Stein besichtigen: die Hafencity, das grösste und modernste Städtebauprojekt Europas. Konzernzentralen reihen sich hier an mondäne Mietshäuser und Cafés im globalen Selbstbedienungschic. Darüber thront, noch im Bau, die Elbphilharmonie, dieses grandiose Konzerthaus der Basler Stararchitekten Herzog & de Meuron. Wie ein Leuchtturm soll es einst in die Welt hinausstrahlen, den Namen Hamburg mit Eleganz und Grossartigkeit verbinden. Das Architekturwunder ist jetzt schon eine Sehenswürdigkeit.

Doch Hamburger trifft man in der Hafencity kaum. Die Stadt fremdelt noch mit ihrem neusten Teil, der gleichsam in der Retorte entstand. Und: Allein der Bau der Elbphilharmonie kostet den Steuerzahler über 300 Millionen Euro – viel Geld für eine Gemeinde, die ohnehin schwer verschuldet ist.

Sparen bei der Kultur

Umso grösser war der Zorn, als der Senat, wie die Stadtregierung heisst, ein Sparprogramm vorlegte, das unter anderem tiefe Einschnitte beim Kulturetat vorsah. So sollten etwa zahlreiche Quartierbibliotheken geschlossen und die Gebühren in den verbleibenden erhöht werden. Auch das Stadtteil-Museum Altona stand auf der Streichliste, das Schauspielhaus hätte Nebenbühnen schliessen müssen. Der Aufschrei war gross – und hallt bis heute nach.

«Warum ist es möglich, so viel Geld für die Elbphilharmonie auszugeben?», fragt Olaf Scholz rhetorisch vor Hunderten Zuhörern. Der SPD-Spitzenkandidat hat zum Wahlkampf in einen Saal beim St.-Pauli-Fussballstadion geladen. «Aber beim Museum Altona soll gespart werden, beim Schauspielhaus. Und im Winter sind die Strassen nicht gestreut.» Die Menge applaudiert laut.

Scholz, der Hoffnungsträger

Scholz ist der neue Hoffnungsträger der Hamburger SPD, welche die Stadt jahrzehntelang regiert hatte – bevor sie 2001 die Mehrheit an die CDU verlor. Jetzt soll die Partei wieder an die Macht. Die Jahre unter der CDU hätten Spuren hinterlassen, sagt Scholz. Überall fänden Verdrängungsprozesse statt. «Gentrifizierung», beklagt er, «ist für viele von uns kein Fremdwort mehr.»

Die Mechanismen sind dieselben wie anderswo: Steigende Mieten locken Investoren an. Die treiben die Preise weiter – eine Spirale. Am Ende ist ein grosser Teil der ursprünglichen Bevölkerung vertrieben. So verliert Strassenzug um Strassenzug seinen Charakter. SPD-Mann Scholz verspricht, er wolle den Bau günstiger Wohnungen fördern, den «Aufwertungsdruck» in der Innenstadt stoppen. So leicht wie im Wahlkampf versprochen ist es freilich nicht, den Wandel aufzuhalten. Schliesslich gibt es Verträge, Baubewilligungen, Gesetze, investierte Gelder. Auch Scholz kann an diesem Abend nur vage Zusagen machen. Was erschwerend hinzukommt: Die Fronten im Kampf um die Zukunft der Stadt sind undeutlich.

Verdrehte Welt

Beispiel Gängeviertel: Die streng genommen rechtswidrige Besetzung der Abbruchhäuser hat inzwischen Fans bis tief ins bürgerliche Lager. «Das ist ein Glücksfall für das Image unserer Stadt», schwärmt ein CDU-Mann. Das Viertel locke Touristen an, es gebe Hamburg einen jungen, frischen Touch. Verbissene Gegner des Projekts sitzen derweil in der linken Ecke. Autonome halten das Gängeviertel für eine Spielwiese von Möchtegern-Achtundsechzigern, die sich erst noch von der Stadt hätten korrumpieren lassen.

Es ist eine verdrehte Welt in Hamburg. Ein bisschen scheint es, als wäre die Stadt an sich selbst vorbeigewachsen. Diese stolze, edle Stadt der Kaufleute, die über Jahrhunderte Reichtum anhäufte, grösser und mächtiger wurde, ist plötzlich überfordert mit dem Tempo, das sie angeschlagen hat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2011, 21:01 Uhr

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