Gut gesagt, Papst – und was bringts?

Franziskus wird 2015 wieder positive Meldungen bewirken. Und wenig verändern.

«Papst der Armen»: Franziskus lebt Bescheidenheit vor.

«Papst der Armen»: Franziskus lebt Bescheidenheit vor. Bild: Keystone

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Den Vermittlungserfolg bei der Annäherung zwischen den USA und Kuba nimmt Franziskus als diplomatischen Schwung mit ins angelaufene neue Jahr. Bereits in einer Woche wird er nach Sri Lanka und in die Philippinen aufbrechen und dort Triumphe feiern.

Auch auf den weiteren Reisen nach Frankreich, Afrika, Südamerika und in die USA wird der argentinische Papst heuer begeistern – das darf man getrost prophezeien. Zumal er statt in der Staatskarosse gern im Gebrauchtwagen an den Gläubigen vorbeifährt und eigens anhält, um Behinderte und Flüchtlinge zu umarmen. Der «Papst der Armen» macht auf dem internationalen Parkett eine gute Figur.

Das überträgt sich auf seine Amtsführung insgesamt. Hoffnungs­träger Franziskus wird auch 2015 für erwartungsfrohe Schlagzeilen sorgen. «Der Papst will den Zölibat abschaffen», könnte eine solche Zeile zum Beispiel lauten. Oder: «Franziskus macht Ernst mit der Kurienreform.» Vorstellbar auch die Zeile: «Der grosse Reformer geht auf die Geschiedenen zu.» Oder: «Für Bergoglio sind auch Homosexuelle Menschen.»

Alles in allem die Fortsetzung der Schlagzeilen, die wir schon hatten.

Diese zeichneten 2014 das Bild eines Papstes, der seine Kirche an Haupt und Gliedern reformiert und der mit eisernem Besen kehrt wie Jesus bei der Tempelreinigung. Man konnte lesen, dass der Papst die Vatikanbank abschaffen wolle sowie die Schweizergarde. Dass er die Homosexuellen integrieren, die Wiederverheirateten zur Kommunion zulassen, den Pflichtzölibat lockern, kurz die Sexualmoral öffnen möchte.

Trugbilder noch und noch

Da hat die Hoffnung ein Trugbild gemalt. Nichts von alledem ist eingetroffen, bis jetzt jedenfalls. Dass Franziskus sagte, Petrus habe «kein Bankkonto», verstand man als Absichtserklärung zur Schliessung der Vatikanbank. Dabei will sie der Papst nur transparenter machen.

Von der Entlassung des Kommandanten Daniel Anrig schloss man auf die baldige Auflösung der Schweizergarde. Ein Wechsel an deren Spitze sei nur normal, konterte Franziskus. Den Soldaten der Garde erlaubt er neuerdings das Heiraten, den Priestern jedoch nicht. Auch der vielfach behauptete Franziskus-Effekt, der die Kirchenaustritte stoppe, hat bisher nicht stattgefunden.

Was wird man alles in das wichtigste Kirchenereignis des Jahres 2015 hineininterpretieren, in die Bischofssynode zu Ehe und Familie im Oktober? Die Vorbereitungssynode im Herbst hatte hohe Wellen geworfen. Es war von «Sensation» und «Revolution» die Rede, von der Aufwertung von Zweitehen und homosexuellen Partnerschaften.

Nichts davon stand später allerdings im Abschlussbericht.

Inzwischen hat der Papst auch klargestellt, dass die Zulassung von Wiederverheirateten zur Kommunion keine Lösung sei. Doch hoffen wider alle Hoffnung ist Christenpflicht. Die Erwartungen an die kommende Synode bleiben riesig. Auch wenn realistischerweise mit einem sehr vagen Fazit zu rechnen ist. In etwa wird dieses dann wohl lauten, dass die Kirche mit den Sündern auf dem Weg sein wolle.

Neuer Stil, alte Lehre

Franziskus verkörpert einen neuen Stil, die Doktrin aber lässt er unverändert. Selbst viele kleine Reformschritte machen keine Revolution. Den Vorwurf kann man ihm nicht ersparen, dass er durch seine vielsagenden Gesten und markigen Reden falsche Hoffnungen schürt. Bei einem Projektionsträger wie dem Heiligen Vater potenzieren sich diese ins Inflationäre. Vom Papst kann man eigentlich nur in Superlativen reden. Was er auch macht, ist historisch, völlig neu, nie da gewesen.

Doch auch in Rom gilt: Nichts Neues unter der Sonne. Zusehends zeigt Franziskus ein ähnliches Profil wie der von ihm heiliggesprochene Johannes Paul II.: innerkirchlich konservativ, politisch und sozialpolitisch offen. Wie einst der Polen-Papst liebt er kapitalismuskritische Brandreden und nutzt Reisen als Missionsinstrument.

Die fette Schlagzeile, für die Papst Bergoglio diesen Januar beim Gottesdienst in Manila sorgen wird, ist absehbar: «Franziskus umschlingt Millionen.» Es sei aber daran erinnert: Schon Johannes Paul II. hatte 1995 in Manila vier Millionen Gläubige um sich geschart. Die Medien schrieben von der «grössten Messe aller Zeiten».

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 05.01.2015, 07:07 Uhr)

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