Heimgereist – wenn Flüchtlinge dem «Paradies» den Rücken kehren

Ein sich häufendes Phänomen: Flüchtlinge aus Kriegsgebieten, die freiwillig die Rückreise antreten. Was steckt dahinter?

Hier zu warten, bis nach Monaten ein Entscheid fällt, das drückt bei vielen Flüchtlingen auf die Stimmung: Unterkunft für Asylsuchende in Deutschland.

Hier zu warten, bis nach Monaten ein Entscheid fällt, das drückt bei vielen Flüchtlingen auf die Stimmung: Unterkunft für Asylsuchende in Deutschland. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Zahlen lassen aufhorchen: 2600 der insgesamt 3700 geprüften irakischen Asylanträge in Finnland wurden zu den Akten gelegt. Sie hatten sich quasi von selbst erledigt. Denn die Betroffenen hätten die Anträge entweder von selbst zurückgezogen oder seien verschwunden. Sprich: Sie haben die lebensgefährliche und für ihre Verhältnisse oftmals überteuerte Reise aus dem Irak vergebens auf sich genommen. Nur, um danach enttäuscht wieder in ihr Heimatland zurückzukehren.

Ein Verhalten, das Fragezeichen hinterlässt. In den sozialen Medien wurde denn auch sofort die Spekulationsmaschine in Gang gesetzt. Eine beliebte und etwas abstrus anmutende Theorie besagt, dass die Iraker in ihr Heimatland zurückgekehrt seien, weil es ihnen im hohen Norden zu kalt sei. So berichteten es jüngst diverse Medien, darunter auch Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Befeuert wurde die Diskussion durch Juha Simila, Leiter der finnischen Asylabteilung. Er liess verlauten, dass wohl einigen «der dunkle Herbst und der kalte Winter» zu schaffen machten. Sofort machte die Meldung die Runde, ungeachtet dessen, dass Simila den Aspekt lediglich in einem Nebensatz erwähnt hatte. Auf Twitter wurden darauf hämische Kommentare über die angeblich vor der Kälte fliehenden Flüchtlinge gepostet:

Wie so oft sind die Gründe für die Flucht vielfältiger. Vor allem dann, wenn der Migrationsstrom in die umgekehrte Richtung verläuft und Flüchtlinge wieder in ihr Heimatland zurückkehren. Eine Ursache scheint der überforderte Asylapparat Finnlands zu sein:

Zahlreiche Asylbewerber aus dem Irak haben deshalb dem nordischen Land im vergangenen Jahr freiwillig den Rücken gekehrt. 2600 der insgesamt 3700 geprüften Fälle seien 2015 zu den Akten gelegt worden, teilte die finnische Einwanderungsbehörde mit. 32'500 Flüchtlinge hatten im vergangenen Jahr einen Asylantrag gestellt – darunter 25'000 Iraker. Das sind neunmal so viele wie noch 2014. Das heisst, Asylsuchende sitzen monatelang im Ungewissen – ohne Arbeitsmöglichkeit, ohne feste Bleibe. Ein Zustand, der die Psyche belastet. Ein irakischer Flüchtling, der bereits die Rückreise gebucht hat, umschreibt es so: «Ich weiss nicht, welche Gefahren mich im Irak erwarten. Aber hier sterbe ich den mentalen Tod.»

Rückkehrer auch in Deutschland

Flüchtlinge, welche die Rückreise antreten, sind kein neues Phänomen. Und es existiert nicht nur in Finnland. Auch in Deutschland, dem Land mit der viel zitierten Willkommenskultur, häuften sich Ende 2015 entsprechende Fälle – in erster Linie handelt es sich um Iraker, aber auch einige Syrer befinden sich unter den Rückkehrern. «Freiwillige Ausreisen in Krisenländer sind keine Einzelfälle», sagte Johann Ehrnsperger vom deutschen Bundesamt für Migration und Flüchtlinge vor wenigen Tagen.

 «Ich weiss nicht, welche Gefahren mich im Irak erwarten. Aber hier sterbe ich den mentalen Tod.»Irakischer Flüchtling

Genaue Zahlen zu den freiwillig Ausreisenden gibt es nicht. Denn statistisch erfasst werden nur Fälle, in denen Flüchtlinge ein spezielles Förderprogramm zur Rückkehr nutzen. Im vergangenen Jahr waren das rund 200 Iraker.

Tatsächlich dürften es aber weit mehr sein, wie die steigende Zahl der ausgestellten Reisepapiere für Iraker erahnen lässt. 2015 händigten die irakischen Vertretungen in Deutschland 1400 entsprechende Dokumente aus – 1250 davon allein zwischen Oktober und Dezember. «Viele buchen ihre Reise auf eigene Faust», sagt ein Reisebürobesitzer zur Zeitung «Die Welt». Er ermöglichte gemäss eigenen Angaben schon mehr als 400 Flüchtlingen die Rückkehr in ihr Heimatland. Täglich seien es bis 15 Heimreisewillige, die in sein Reisebüro kämen.

Leicht stabilere Lage im Irak

Beliebte Ziele seien etwa die irakische Hauptstadt Bagdad oder die Kurdenhochburg Arbil, wo die Lage nach wie vor gefährlich und die Bedrohung durch den IS allgegenwärtig ist. Dennoch ist die punktuell verbesserte Sicherheitslage im Irak einer der Rückkehrgründe. Zum anderen ist es die Enttäuschung der Flüchtlinge, die sich oftmals mit falschen Vorstellungen auf die beschwerliche Reise in ihr Zielland begeben: «Natürlich fliehen die meisten wegen des Krieges. Doch was sie hier vorfinden, ist nicht das, was sie erwarteten», sagt Hannelore Thoelldte von der Rückkehrberatungsstelle des Landesamtes für Gesundheit und Soziales Berlin zum «Wall Street Journal» .

Die Enttäuschung ergibt sich zumeist aus den folgenden Gründen: keine Jobaussichten, hohe Lebenskosten, niedrige Stellung in der Gesellschaft oder das Vermissen der Familie. Auch kulturelles Unverständnis kann eine Rolle spielen. Ein 51-jähriger Zahnarzt aus Syrien, der kurz vor der Rückkehr zu seinen zehn Kindern steht, umschreibt die Situation wie folgt: Als er auf der Strasse küssende Pubertierende gesehen habe, da habe er gewusst, dass er seine 14-jährige Tochter nicht in Deutschland aufziehen wolle: «Das Problem sind nicht die Deutschen selbst – die Leute hier sind sehr nett», sagt der Zahnarzt zum «Wall Street Journal». Doch die Lebensart unterscheide sich fundamental von derjenigen in seiner Heimat.

Zurück in den Bürgerkrieg?

Während eine Rückreise in den Irak durch die leicht stabilisierte Lage eher nachvollziehbar erscheint, erstaunen die Syrienrückkehrer mehr. Auf die Unterstützung der europäischen Migrationsämter können sie nicht zählen, dennoch gehen offenbar einige das Risiko ein. Sie ziehen dann meist in jene Landesteile, in denen ein normales Leben noch im Ansatz möglich ist: einzelne Stadtteile in Damaskus oder Küstenstriche an der Westküste, die bisher vom Bombardement verschont blieben. Gemäss der Migrationsbeauftragten Thoelldte reisen auch einige Syrer nach Jordanien oder in die Türkei – also in jene Länder, in die sie zuerst geflüchtet waren. (mrs)

(Erstellt: 25.01.2016, 12:09 Uhr)

Artikel zum Thema

Flüchtlinge verlassen das eisige Finnland

Ausreise wegen der Kälte: Tausende Iraker haben ihre Asylanträge in dem skandinavischen Land zurückgezogen. Mehr...

«Europa hat schon wesentlich mehr Flüchtlinge absorbiert»

Interview Österreich schliesst die Grenzen, eine Kettenreaktion droht: IKRK-Präsident Peter Maurer sagt, warum Europa und auch die Schweiz in der Flüchtlingskrise mehr tun müssen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

TA Marktplatz

Werbung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Sch**** Kunst: Eine Mitarbeitern der Tate Britain bestaunt das Werk «Project for a door» von Anthea Hamilton. Die britische Künstlerin ist zusammen mit Michael Dean, Helen Marten und Josephine Pryde auf der Shortlist des Turner Prize 2016. (26. September 2016).
(Bild: Carl Court/Getty Images) Mehr...