«Herr Winkler, ist Putin ein kleiner Hitler?»

Der renommierte Historiker Heinrich August Winkler hält am Freitag die Bundestags-Rede zum Kriegsende. Eine Premiere. Hier spricht er jetzt schon.

Laut Winkler wusste der russische Präsident, dass der Westen auf die Annexion der Krim nicht militärisch reagieren würde: Wladimir Putin.

Laut Winkler wusste der russische Präsident, dass der Westen auf die Annexion der Krim nicht militärisch reagieren würde: Wladimir Putin. Bild: Keystone

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Vor 70 Jahren endete in Europa der Zweite Weltkrieg. Nun sind erstmals seit 1945 wieder völkerrechtswidrig europäische Grenzen verschoben worden, als Russland die Krim annektierte. Ist Putin ein kleiner Hitler?
Ich halte Wladimir Putin für einen Risikopolitiker vielleicht gar wilhelminischen Formats, aber bisher nicht für einen Hasardeur. Er wusste, dass der Westen auf die Annexion der Krim nicht militärisch reagieren würde, hat aber die Reaktionen unterschätzt. Er glaubte, eine so brutale Verletzung des Völkerrechts sowie das aggressive Vorgehen in der Ostukraine würden den Westen spalten. Das ist ihm misslungen. Bisher. Es gibt aber Indizien, dass die Positionen einzelner Staaten der Nato und der EU ins Wanken geraten sind.

An welche EU-Länder denken Sie?
Zunächst an Griechenland. Aber auch – zu meinem Bedauern – an Italien. Und in Ungarn stelle ich bei Ministerpräsident Viktor Orban eine erschreckende Affinität zu Moskau fest. Das ist eine Denkweise, die unvereinbar ist mit dem Selbstverständnis der EU, die sich zum Ziel gesetzt hat, den Nationalismus zu überwinden.

Soll der Westen der Ukraine Waffen liefern für den Kampf gegen die prorussischen Separatisten?
Der Westen muss Moskau signalisieren, dass man bereit ist zu kooperieren, wenn Russland die Vereinbarungen von Minsk 2 konsequent umsetzt. Aber die westlichen Demokratien müssen Putin entschieden entgegentreten, wenn er die aggressive Expansion fortsetzt. Also zum Beispiel, wenn er Mariupol erobern lässt, um eine Landbrücke bis zur Krim, wenn nicht bis nach Transnistrien zu schlagen. Die Ukraine hat ein legitimes Recht der Selbstverteidigung. Russland ist der Aggressor, die Ukraine ist das angegriffene Land. Alle westlichen Demokratien müssen sich fragen, wie man dem Rechnung trägt. Ich glaube nicht, dass Waffenlieferungen besonders wirkungsvoll wären, zumal Russland über die Eskalationsdominanz verfügt. Es gibt aber andere Möglichkeiten, zum Beispiel im Bereich der militärischen Ausbildung. Auch die wirtschaftlichen Sanktionen sind noch längst nicht ausgereizt.

Es gibt in Deutschland aber auch Stimmen, die Verständnis zeigen für Putin. Was entgegnen Sie?
Wenn deutsche Ex-Diplomaten und Ex-Politiker in einem viel beachteten Memorandum dazu aufrufen, deutsch-russische Sonderbeziehungen zu pflegen, führt das zu Kopfschütteln bei unseren Verbündeten, vor allem in Polen. Wenn dort auch nur der Anschein einer Sonderbeziehung Berlin - Moskau auf ihre Kosten entsteht, denkt man in Polen sofort an die polnischen Teilungen zwischen Preussen, Österreich und Russland im 18. Jahrhundert, man denkt an die Zusammenarbeit zwischen der Roten Armee und der Reichswehr während der Weimarer Republik. Und man denkt an den Hitler-Stalin-Pakt. Ich wundere mich über den Mangel an historischer Sensibilität bei manchen «Putin-Verstehern». Jede deutsche Reaktion gegenüber Russland in der Ukrainekrise war international abgesprochen. Es gibt keine legitimen deutschen Interessen, die nicht zugleich europäische Interessen sind. Jede neue Grossmachtpolitik, jede deutsch-russische Verständigung über die Köpfe anderer hinweg, wäre wiederum ein Sonderweg und deshalb kontraproduktiv und gefährlich.

Erstaunlich ist, dass Putin Sympathien geniesst in politisch linken wie auch in rechten Kreisen. Wie erklären Sie sich das?
Bei der äussersten Linken wird Russland immer noch hoch angerechnet, dass es das Mutterland der einzigen erfolgreichen proletarischen Revolution war. Da nimmt man nicht zur Kenntnis, dass Putin seit Amtsantritt eine zutiefst reaktionäre Politik betreibt. Er macht das im Zusammenspiel mit der orthodoxen Kirche, der Gralshüterin des antiwestlichen Ressentiments in Russland. Putin ist antifeministisch, antiliberal und homophob. Er scheint darauf aus zu sein, die ehemalige kommunistische Internationale durch eine reaktionäre Internationale zu ersetzen.

Was macht Putin konkret, um diese reaktionäre Internationale aufzubauen?
Er sammelt Sympathien bei homophoben Autokraten in Afrika, bei reaktionären Regimes im Mittleren Osten und fördert gezielt rechtsradikale, antieuropäisch ausgerichtete Parteien in der EU. Auf der politischen Rechten wird Putin zugutegehalten, ein Mann von Law and Order und ein zutiefst antiliberaler Herrscher zu sein. Deshalb ist der russische Präsident für die Rechten ein Wahlverwandter. Putin ist nach wie vor geprägt durch seine KGB-Vergangenheit. Und der kommunistische KGB hat schon in den 1920er-Jahren faschistische Bewegungen umworben, um gemeinsame Sache zu machen gegen den Westen. Das wirkt nach. Putin steht in der Tradition der sowjetischen Weltpolitik im 20. Jahrhundert.

Auch in der Schweiz haben rechtskonservative Kreise Sympathien für Putin.
Es ist die Faszination einer Macht, die sich frontal gegen die Vormacht des Westens, die USA, stellt. Der Antiamerikanismus ist wohl die stärkste gemeinsame Triebkraft der europäischen Rechten und Putins. Dazu kommt der gegen die EU gerichtete und erstarkte Nationalismus und Rechtspopulismus – denken Sie an das Zusammenspiel zwischen Putin und dem Front National in Frankreich.

Bilder zum Ende des Zweiten Weltkriegs Nazi-Deutschland kapituliert am 8. Mai 1945. In Japan endet der Zweite Weltkrieg drei Monate später.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 05.05.2015, 11:11 Uhr)

«Ich wundere mich über den Mangel an historischer Sensibilität bei manchen ‹Putin-Verstehern›»: Heinrich August Winkler, Historiker.

Heinrich August Winkler

Redner im Bundestag am 8. Mai

Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland wird mit Heinrich August Winkler ein Historiker im Bundestag die Rede zum Gedenken an den Zweiten Weltkrieg halten. Der 76-jährige Winkler ist einer der renommiertesten deutschen Historiker. Bis 2007 lehrte er an der Humboldt-Universität in Berlin. Ende Januar ist der vierte und letzte Band seiner breit angelegten «Geschichte des Westens» erschienen. Bekannt wurde er durch sein Werk «Der lange Weg nach Westen», einer Darstellung der deutschen Geschichte von 1806 bis 1990. (chm)

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