Heuchlerische und hysterische Hetzjagd
Von David Nauer. Aktualisiert am 06.01.2012 29 Kommentare
Jetzt geht es um das Telefon-Protokoll
Was genau hat der Bundespräsident dem «Bild»-Chef auf den Anrufbeantworter gesprochen? Diese Frage ist in der gestrigen Fortsetzung der Wulff-Affäre im Mittelpunkt gestanden. Der Grund: «Bild» behauptet, Wulff habe am Telefon versucht, die Veröffentlichung eines Artikels über seinen Hauskredit zu verhindern. Der Bundespräsident sagt hingegen, er habe nur verlangt, die Veröffentlichung zu verschieben.
«Bild» wollte den Widerspruch gestern aufklären. Chefredaktor Kai Diekmann fragte Wulff in einem offenen Brief, ob er ein Protokoll der MailboxNachricht veröffentlichen dürfe. Es gehe darum, «Missverständnisse auszuräumen, was tatsächlich Motiv und Inhalt Ihres Anrufs angeht».
Wenige Stunden später kam eine Antwort aus Schloss Bellevue. Die Worte seien in einer «aussergewöhnlich emotionalen Situation gesprochen» worden, beschied Wulff. Er habe sich aber bei Diekmann kurz drauf entschuldigt. «Sie haben diese Entschuldigung dankenswerterweise angenommen. Damit war die Sache zwischen uns erledigt.»
Es ist sehr wahrscheinlich, dass eine Veröffentlichung des Protokolls Wulff in weitere Schwierigkeiten bringen würde – was wohl das Ziel von «Bild» ist. Mit seiner Weigerung hat der Präsident dieses Ungemach vorerst abgewendet, wobei nicht auszuschliessen ist, dass das Protokoll doch noch durchsickert.
Auch jenseits dieses Schlagabtauschs hat die Wulff-Affäre gestern die Gemüter erhitzt. Kommentiert wurde hauptsächlich das TV-Interview, wobei die Fronten entlang der bekannten Linien verliefen. Das Regierungslager nannte den Auftritt ein «starkes Zeichen der Offenheit und Transparenz», die Opposition dagegen zeigte sich unzufrieden. «Wulff hat nur über seine Gefühle geredet, aber keine der Fragen beantwortet, die das Land beschäftigen», urteilte Grünen-Politikerin Renate Künast. Das Medienecho fiel fast durchgängig negativ aus. Auch in der Bevölkerung schwindet der Rückhalt für Wulff. Einer ARD-Umfrage zufolge ist inzwischen erstmals eine knappe Mehrheit für einen Rücktritt des Staatsoberhauptes. Noch am Montag hatte erst ein Viertel der Befragten diese Auffassung vertreten.
Keine Veröffentlichung: Christian Wulff will seinen Anruf unter Verschluss halten.
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Es gab mal eine Eurokrise, sie hat viele Zeitungsseiten gefüllt. Es gab mal eine Atomkatastrophe in Japan, eine Energiewende. Es gab den Klimawandel, einen Krieg in Afghanistan. Im Moment aber gibt es in Deutschland nur die Causa Wulff. Seite Mitte Dezember beherrscht die Affäre um das deutsche Staatsoberhaupt die mediale Öffentlichkeit.
Auch das TV-Interview von vorgestern, in dem sich der Präsident rechtfertigte, bringt keine Ruhe. «Das war nichts», urteilte das viel gelesene Online-Portal des «Spiegels». Die «Bild»-Zeitung, die seit Beginn an vorderster Front steht bei der «Aufklärung» der Geschehnisse, senkt die Daumen ebenfalls. «Chance vertan!», lautet der Titel des Hauptkommentars von gestern.
Schwierige Verteidigung
Nun ist es nicht einfach, Wulff zu verteidigen. Selbst seine politischen Freunde verspüren dazu nur wenig Lust. Und tatsächlich hat sich der Bundespräsident alles andere als präsidial verhalten. In die unterste Schublade gehört sein Anruf bei «Bild», mit dem er einen Artikel über seinen Haus-Kredit verhindern wollte. Offenbar war es Wulff – wie zahlreiche andere Politiker auch – gewohnt, von dem einflussreichen Boulevard-Blatt bevorzugt behandelt zu werden. Dass die Redaktion inzwischen gegen ihn arbeitet, merkte er zu spät – jetzt hat er den Schaden.
Auch der Kredit an sich ist heikel. Wulff hat sich das Geld von einem Freund geliehen statt zu einer Bank zu gehen. Selbst als er das Darlehen umwandelte, liess er sich von einem Finanzinstitut besonders gute Konditionen geben, solche, von denen andere nur träumen. Dazu kommen zahlreiche Urlaubsreisen zu reichen Freunden, ein Upgrade bei Air Berlin in die Business-Klasse.
Der nette Onkel ist Kleinbürger
In der letzten Woche ist ein Bild von Wulff entstanden, das viele enttäuscht. Der vermeintlich perfekte Schwiegersohn, der nette Onkel-Präsident ist ein Kleinbürger, der sich so manches Mal von Geld und Macht verführen liess. Da ein paar Tausend Euro gespart, dort schick Ferien gemacht. Auch sein Amt als Staatsoberhaupt bestreitet Wulff mit sichtlicher Freude am Glamour, an den Limousinen, dem weitläufigen Schloss Bellevue. Der Zensur-Versuch bei der «Bild» passt dazu. Wulff scheint seine Position etwas in den Kopf gestiegen.
Dennoch ist die mediale Aufregung um Wulff übertrieben. Der letzte Provinzredaktor hat inzwischen schon den Rücktritt des Staatsoberhaupts gefordert. Zwar können ihm keine handfesten Verfehlungen nachgewiesen werden, nichts ist strafrechtlich relevant, ja nicht einmal politisch ein Killer-Argument. Niemand glaubt im Ernst, Wulff sei korrupt oder er gefährde irgendwie die Pressefreiheit. Doch aus der Summe der Vorwürfe lässt sich bestens irgendeine ungefähre Empörung kleistern. Er sei «moralisch» nicht in der Lage, ein so wichtiges Staatsamt auszuüben, heisst es dann; er habe ein «fragwürdiges» Verständnis von Pressefreiheit, er sei in seinem Amt «überfordert».
Was er auch macht, es ist nicht recht
Inzwischen wird schon kritisiert, dass er «nur» dem ZDF und der ARD ein Interview gab, statt allen Journalisten; ihm werden «schaurige Menscheleien» vorgeworfen, weil er erklärte, er wolle auch seine Familie schützen. Es entsteht der Eindruck: Was Wulff auch macht, es ist nicht recht. Die deutschen Medien, und diesmal scheinen es wirklich alle Medien zu sein, haben sich auch auf Wulff eingeschossen. Ganz nach dem Motto: Der Präsident muss weg, egal wie.
Dieses Spektakel ist selbstgerecht und heuchlerisch. Gerade Journalisten in Deutschland geniessen haufenweise Privilegien: Sie fahren günstiger mit der Bahn, sie fliegen günstiger, sie kommen gratis ins Museum, sie werden von Parteien gefüttert und herumkutschiert. Keiner schert sich darum. Alle tun es. Von Wulff dagegen wird eine übermenschliche Sauberkeit verlangt, bei ihm wird wie besessen auch noch nach dem letzten Staubkorn auf der Weste gesucht. Ganz so, als gäbe es keine anderen Themen, keine Eurokrise, keine Energiewende, nix. Langsam nervt die ganze Sache. Lasst also, bitte, endlich den Wulff in Ruhe! (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.01.2012, 09:11 Uhr
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29 Kommentare
Heul, heul.
Das Problem ist nicht, dass Wulff sich mal einen Fehler geleistet hat, sondern dass er jedes Mal beteuert jetzt sei dann aber wirklich alles geklärt und jedesmal wieder neue Unwahrheiten oder Entgleisungen auftauchen.
Jemand der ein so zwiespältiges Verhältnis zur Ehrlichkeit hat, ist dem Amt des Bundespräsidenten (das eben was anderes ist als z.B. Journalist!) nicht gewachsen.
Antworten
Man sollte die Bedeutung des Themas nicht unterschätzen. Immerhin ist Wulff nur deshalb Präsident, weil vor gar nicht allzu langer Zeit sein Vorgänger wegen Medienschelte zurückgetreten ist. Nun testet man die Medien-Härte des Nachfolgers. Und der erweist sich als stümperhaft. Sein selbst inszenierter Auftritt in den Fernsehprogrammen hatte absolut kein präsidiales Format. Antworten
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