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Homosexuellen-Führer riskiert Prügel

Von Stefan Scholl, Moskau. Aktualisiert am 16.05.2009 27 Kommentare

Nikolaj Alexejew ist der Führer der bekennenden Homosexuellen in Moskau. Er will das Eurovisionsfinale von heute dafür nutzen, für die Rechte der Schwulen zu demonstrieren.

Nikolai Alexejew, Organisator der «Gay Parade», wird von einem Milizionär bei einer früheren Kundgebung abgeführt.

Nikolai Alexejew, Organisator der «Gay Parade», wird von einem Milizionär bei einer früheren Kundgebung abgeführt.

Polizei löst Schwulen-Demo

Die Moskauer Polizei hat vor dem Finale des Eurovision Song Contest eine Kundgebung von Homosexuellen gewaltsam aufgelöst. Teilweise im Würgegriff wurden heute mindestens 20 Männer und Frauen aus Russland und Weissrussland vor der staatlichen Lomonossow-Universität abgeführt.

Auch ein US-Bürger wurde festgenommen. Die Demonstranten hatten bei der nicht genehmigten Kundgebung Plakate entrollt, auf denen die Einhaltung der Menschenrechte für Schwule und Lesben gefordert wurde. Augenzeugen berichteten, dass Polizisten der Spezialeinheit OMON die Demonstranten jagten und sie in Gefängniswagen sperrten.

Auch der Vorsitzende des russischen Homosexuellen-Verbands, Nikolai Alexejew, wurde an Händen und Füssen in ein Polizei-Fahrzeug gezerrt. Die Geschehnisse wurden von zahlreichen Journalisten, darunter auch mehreren Fernsehteams, verfolgt.

Die Polizei versuchte, die Medien mit Gewalt vom Ort der Auseinandersetzung zu vertreiben. Die festgenommenen Demonstranten beriefen sich immer wieder auf ihre Grundrechte. «Wir sind friedliche Menschen und wollen so leben wie andere auch», rief eine Russin.

Der europäische Musik-Grand-Prix ist vor allem bei Homosexuellen beliebt. Es gehört zur Tradition des alljährlichen Wettbewerbs, dass am Austragungsort Schwule und Lesben in der Öffentlichkeit feiern. In Russland wurden bereits in der Vergangenheit Kundgebungen von Homosexuellen von der Polizei mit Gewalt gestoppt.

Wieder summt Nikolajs Handy. «Hallo», er hört einen Augenblick zu. «Ach, Sie sind es!», seine Stimme ist jetzt in leicht ironischen Samt gehüllt. «Das war die Stadtverwaltung, die Sicherheitsabteilung», hinterher nippt Nikolaj an seinem Bierglas. «Die haben mir ihre Hochachtung ausgedrückt. Sie würden alles hören und sehen. Und leider müssten sie unsere Demonstration verbieten.»

Auf den Wandbildschirmen in der Moskauer Sushi-Bar Japoschka kämpfen Tom gegen Jerry und Spartak gegen Saturn. Dazwischen sitzt Nikolaj Alexejew (32) und wirkt gar nicht wie ein Krieger. Grau karierter Anzug, die Hosen bügelgefaltet, violetter Schlips, slawische Stupsnase, so sitzen jetzt Tausende Moskauer Yuppies beim Business-Lunch.

Aber auch beim Lunch kommuniziert Nikolaj mit rasendem Tempo. «Wir gehen unter allen Umständen auf die Strasse», tippt er mit sechs Fingern in sein Macbook. «Die gesamte Verantwortung liegt bei den Behörden.» Dann summt wieder sein Handy.

Nikolaj und seine Mitstreiter wollen sich am Samstag zwischen Gummiknüppel und Gitterstäbe wagen. Wieder mal. Seit 2006 beantragen sie alljährlich eine Schwulendemo. Die wird verboten, 50 oder 100 Mutige gehen trotzdem hin, werden von Einsatzpolizisten festgenommen. Und vorher von Neonazis angegriffen. Viele Teilnehmer, auch der deutsche Bundestagsabgeordnete Volker Beck, sind schon blutig geprügelt geworden. Aber jetzt wollen die Schwulenrechtler am Samstag demonstrieren, wenn in Moskau das Eurovisionsfinale steigt. Sie hoffen auf Publicity, auf die westlichen Schlagerfans, auf Europa. Die Rechnung könnte aufgehen. Schon droht die niederländische Band The Toppers, sie werde aus dem Wettbewerb aussteigen, wenn wieder Jagd auf Gays gemacht werde.

«So laufen bei uns nur Schwule rum»

Dabei sind hier Homos von Heteros kaum zu unterscheiden. Auf der Twerskaja Uliza, Moskaus Prachtstrasse, führen schöne Jünglinge durchtrainierte Pobacken in italienischen Markenjeans spazieren, streichen sich die Strähnen aus sonnenstudiogebräunten Stirnen – und werfen nicht minder hübschen Mädchen glühende Blicke zu. «So laufen bei uns nur Schwule rum», staunt ein Wiener Fotograf. «Auf der Twerskaja ist jeden Tag Gay-Parade», räsoniert Nikolaj.

Aber wag es nicht, schwul zu sein und öffentlich Händchen zu halten. Öffentlich ist Moskau verklemmt und unduldsam wie vor 150 Jahren. «Eine Gay-Parade ist nichts anderes als satanisches Treiben», wettert Bürgermeister Juri Luschkow. Der Volksmund schimpft Schwule «Päderasten», selbst die demokratische Opposition bleibt auf Distanz: «Die haben Angst, auch als schwul zu gelten», ärgert sich Nikolaj. Die Szene selbst ist gespalten. Die Site www.gay.ru und die Schwulenzeitschrift «Kwir» sind gegen jede Demo. «Alexejew, der wohnt doch in Paris», sagt ein schwuler Journalist. «Der hat doch längst einen französischen Pass. Und kommt nur her, um auf unser aller Kosten seine Show abzuziehen. Wir brauchen hier keinen Krieg mit den Behörden.»

«Das ist meine Stadt»

Nikolaj winkt mit seinem weinroten russischen Reisepass. «Im Gegensatz zu Luschkow bin ich in Moskau geboren. Und ich bin hier gross geworden. Das ist meine Stadt.» Er erbost sich seinerseits über die schweigende schwule Mehrheit: «Unter den Nazis gab es ja auch Juden, die gesagt haben: Bloss keinen Widerstand, damit machen wir alles nur noch schlimmer.»

Er trinkt jetzt an seinem zweiten Bier. Erzählt von seiner ersten Klage, als die Moskauer Staatsuniversität ihm nach dem Jurastudium verweigerte, eine Doktorarbeit über die Rechte sexueller Minderheiten zu schreiben. Er erzählt von anderen Klagen und von Rechtsbeugung. Und dass er weitermachen wolle bis zum logischen Ende: «Bis der Europäische Gerichtshof die Stadt Moskau verpflichtet, Schwulenparaden zu genehmigen.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.05.2009, 11:17 Uhr

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27 Kommentare

Thomas Schallenberger

16.05.2009, 13:38 Uhr
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@ Alexander Dominguez: Sie verwechseln da etwas in ihrem seltsamen kommentar. Schwule können auch christen sein, den schwul ist keine religion. ihre meinung ist leider auch nicht sehr christlich und tolerant und solche aussagen führen zu intolleranz und rassismus. ich bin sicher sie können eine jesusparade abhalten, aber kommen auch 10'000 leute wie zur europride? Antworten


Kurt Hauser

16.05.2009, 11:15 Uhr
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Die Schwulen sind ja die grössten Fans dieses dubiosen Anlasses und erhalten oder dürfen dafür noch Prügel erwarten......irgendwie grenzt dies sehr an Masochismus! Antworten




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