Hotel Europa

Der griechische Staat hat nicht genug Geld, um sich angemessen um die Flüchtlinge im Land zu kümmern. Aktivisten lassen sie deshalb in einem besetzten Hotel wohnen.

In den 126 Zimmern des ehemaligen Hotels City Plaza leben Flüchtlinge und Aktivisten Tür an Tür. Foto: Zoltan Balogh (EPA, Keystone)

In den 126 Zimmern des ehemaligen Hotels City Plaza leben Flüchtlinge und Aktivisten Tür an Tür. Foto: Zoltan Balogh (EPA, Keystone)

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Abendessenszeit. Für ein Hotel fallen die Regeln streng aus. «Bitte beschwere dich nicht über das Essen!», steht auf einem Zettel neben dem Eingang zur ­Küche. Weiter heisst es: «Nimm nicht mehr, als du brauchst.» Und: «Bring Teller, Gläser und Besteck in die Küche zurück.» Zied humpelt in die Küche. Der 30-Jährige, der sich wie die meisten hier nur mit seinem Vornamen vorstellt, hat sich beim Fussballspielen den Fuss verdreht. Aber er hat Dienst. Schicht ist Schicht. Wenn er nicht funktioniert, wie sollen sich dann die anderen zusammenreissen, die Flüchtlinge?

Die Qualität des City Plaza Hotels in der Athener Innenstadt ist in Sternen nicht zu messen. Erst recht nicht, seitdem linke Aktivisten wie Zied das Haus im April 2016 besetzt und es dann für Flüchtlinge geöffnet haben. Was zählt, ist, ob genügend Brote fürs Abendessen geschmiert sind, der Medikamentenschrank gefüllt ist und ob sich genügend Kinder für den Klavierunterricht finden. In dieser «Mikrogesellschaft», wie Zied sie nennt, leben sie zusammen: die Aktivisten und die Flüchtlinge, Tür an Tür. Und draussen, da sei der Staat, sagt Zied. Flüchtlinge seien drinnen willkommen. Der Staat ist es nicht.

Das City Plaza, 126 Zimmer und 236 Betten, ist zum Kontrapunkt in der griechischen Flüchtlingspolitik geworden. Wenn man einmal davon absieht, dass sich die Aktivisten dieses Gebäude widerrechtlich angeeignet haben, dann lässt sich festhalten: Endlich scheint mal etwas zu funktionieren. Als sich die Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien 2015 zu Hunderttausenden nach Europa aufmachten, war kein Land so überfordert wie Griechenland, das schon seit sieben Jahren mit der Schuldenkrise zu kämpfen hat. Es fehlte lange an fast allem, Menschen lebten zu Hunderten auf viel zu wenig Platz. Das wilde Lager in Idomeni an der Grenze zu Mazedonien war nicht nur zum Sinnbild für Europas Politik der Abschottung geworden, sondern auch für das Versagen Griechenlands.

Dem Staat die Tür gewiesen

Im City Plaza Hotel haben Freiwillige dem Staat diese Aufgabe aus der Hand genommen und ihm die Tür gewiesen. Im Rest des Landes hat sich die Lage zwar entspannt, seitdem die EU mit der Türkei ein Abkommen über die Rückführung von Migranten abgeschlossen hat. Doch noch immer stellt sich vielerorts die Frage: Wo bleibt der Staat?

Vor allem für Aliki Papachela stellt sie sich. Ihr gehört das Gebäude; dieses Hotel, das jahrzehntelang Geld abwarf – bis der letzte Pächter 2010 in Konkurs ging. Damals war die Schuldenkrise gerade ausgebrochen. Sie fand über Jahre niemanden, der das Hotel betreiben, es mieten oder kaufen wollte. In der Krise ist es zur Last geworden. «Als die Besetzer kamen, begann mein Albtraum», sagt Papachela. Kurz vor der Aktion habe sie selbst den Plan gehabt, das Haus über eine Nichtregierungsorganisation an Flüchtlinge zu vermieten. «Ich wollte nicht reich werden», sagt sie. «Ich wollte raus aus der Misere.» Jetzt steckt sie tiefer drin als zuvor: Wer kauft schon ein besetztes Haus? Sie ist sauer auf die Aktivisten. Und sie ist sauer auf den Staat: «Seit einem Jahr tut er nichts.»

Nach Angaben der Stadtverwaltung leben zwischen 2500 und 3000 Flüchtlinge in besetzten Häusern, das prominenteste Beispiel ist das City Plaza ­Hotel. Olga Lafazani war eine der Aktivistinnen, die das Gebäude besetzten. Sie hatten sich lange darauf vorbereitet. Als Europa im Frühjahr 2016 die Grenzen dichtmachte und das Abkommen mit der Türkei schloss, steckten 60 000 Flüchtlinge in Griechenland fest. Wie ihr Land mit ihnen umging, empörte Lafazani: «Wir wollten eine radikale Antwort geben.» Als sie in das Gebäude eindrang, hatte sie Sachen für zwei Wochen gepackt. Die Aktivisten räumten auf und putzten. Als Lafazani später wieder vor die Tür schaute, standen dort 100 Flüchtlinge und baten um Einlass; es hatte sich herumgesprochen, dass es hier Zimmer mit Bädern und Betten gab.

Hamid, ein Flüchtling aus dem Irak, war einer der Ersten, die kamen; bis heute wohnt er im obersten Stockwerk. Zuvor hatte er in einer der überfüllten Massenunterkünfte am alten Flughafen gelebt. «Ich bin aus der Hölle ins Paradies gekommen», sagt Hamid. Er hat jetzt einen Schlüssel für das Zimmer, das er mit drei anderen teilt. Papiere will niemand von ihm sehen. Er sagt, er habe Asyl beantragt. Das Verfahren läuft.

Tsipras tut sich schwer

Jeder muss mithelfen, putzen, Dienste übernehmen. Die Flure sehen aufgeräumt aus, die Küche ist sauber. Eine Kerngruppe von 15 Aktivisten steuert den Betrieb. Kleinere Verletzungen können im Krankenzimmer behandelt werden, mehrmals die Woche kommen Ärzte. Wenn es Ärger gibt, klären das die Flüchtlingshelfer. Mit der Idee, etwas Besseres zu sein, macht das Flüchtlingshotel sogar Werbung: «Kein Pool, keine Minibar, kein Roomservice und trotzdem das beste Hotel Europas», steht in einem Spendenaufruf. Wer will, kann in der Lobby T-Shirts als Souvenir kaufen.

Die Regierung, angeführt vom Linkspolitiker Alexis Tsipras, tut sich schwer mit den besetzten Häusern. Wer den Migrationsminister Yannis Mouzalas besucht, merkt, wie es in ihm arbeitet, ständig auf das City Plaza angesprochen zu werden. «Der Staat ist verantwortlich für die Flüchtlinge», sagt er. «Er muss eine Lösung für sie finden.» Und trotzdem lässt die Regierung die Besetzer weitermachen. Auch wenn sich die Lage allmählich bessert, fehlt es an adäquaten Unterkünften. Mouzalas scheint froh über jeden zu sein, der mehr als nur ein Dach über dem Kopf hat. Aber es gefällt ihm nicht, sich von den Aktivisten vorhalten zu lassen, wie man Flüchtlinge behandelt. Sich in einem ehemaligen Hotel um 200 oder 300 Flüchtlinge zu kümmern, sei etwas anderes, als mit einer Massenflucht von Zehntausenden fertigzuwerden, sagt er: «Es ist wie der Unterschied zwischen einer Privatklinik und einem öffentlichen Krankenhaus.»

Es sieht nicht danach aus, dass die Aktivisten rasch zu einer Einigung mit dem Staat oder der Eigentümerin kommen wollen. Olga Lafazani sagt, erst müsse Griechenland seine Politik grundsätzlich ändern, Flüchtlinge integrieren, anstatt sie in Lagern wie Fremdkörper zu isolieren. Den Flüchtlingsdeal beenden. Sie wünscht sich mehr City Plaza fürs ganze Land.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2017, 23:15 Uhr

Schuldenkrise

Griechenland stimmt
hartem Sparpaket zu

Das griechische Parlament hat in der Nacht auf Freitag ein weiteres Sparpaket verabschiedet. Auf die Griechen kommen Kürzungen der Renten sowie höhere Steuern zu. Mit den Sparmassnahmen reagiert die Regierung auf die Forderungen der Geldgeber: Sie waren Voraussetzung dafür, dass die nächste, milliardenschwere Tranche aus dem Hilfspaket ausgezahlt wird.

Regierungschef Alexis Tsipras von der linken Syriza-Partei nannte die Sparmassnahmen «schwierig». Sie würden jedoch helfen, dass sich das Land stabilisiere und erhole. Für das Sparpaket, das einen Umfang von 4,9 Milliarden Euro hat, stimmten alle Abgeordneten von Tsipras’ Koalition. Die Stimmung im Land ist jedoch angespannt: Vor dem Parlament protestierten mehr als zehntausend Menschen.

Griechenland braucht bis Juli neues Geld. Dann stehen Rückzahlungen an, die es aus eigener Kraft nicht leisten kann. Die nächste Auszahlungstranche soll sieben Milliarden Euro betragen. Athen hofft, dass die Finanzminister der Eurozone die Auszahlung dieses Betrags bereits bei ihrem Treffen am Montag beschliessen. Die Verhandlungen mit den Geldgebern seien gerade «in der Schlussphase». Die griechische Regierung hofft zudem darauf, dass die Länder der Eurozone noch vor der Sommerpause Schuldenerleichterungen zusagen. Auch der Geldgeber IWF, der Internationale Währungsfonds, fordert einen solchen Schritt. Er hält die griechische Schuldenlast für nicht tragbar.

Ein Beschluss über die griechischen Schulden müsse den Zugeständnissen gerecht werden, die das griechische Volk erbracht habe, heisst es in einer Erklärung von Tsipras. Noch ist aber vor allem Deutschland gegen Schuldenerleichterungen. (msz)

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