«Ich befürchte, dass es in Spanien soziale Konflikte geben wird»
Von Oliver Meiler. Aktualisiert am 18.11.2011 53 Kommentare
Kopf des linksliberalen Weltblatts
Javier Moreno (48) ist seit 2006 Chefredaktor von «El País», mit einer Auflage von 470 000 Exemplaren Spaniens grösste Tageszeitung aus dem Medienhaus Prisa. Der studierte Chemiker arbeitete lange als Wirtschaftsjournalist, leitete unter anderem die verlagseigene Wirtschaftszeitung «Cinco Días». «El País» erschien erstmals 1976, sechs Monate nach Francos Tod. Die linksliberale Zeitung ist auch ein Forum für bekannte spanische und lateinamerikanische Autoren und gehört zum kleinen Kreis der sogenannten Weltblätter.
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5 Millionen Arbeitslose, davon 1,3 Millionen ohne Recht auf Arbeitslosengelder, 45 Prozent Arbeitslose unter Spaniens Jungen – wie lebt ein Land mit solch dramatischen Zahlen?
Schlecht, die Situation zehrt an den Abwehrkräften des Landes. Doch zunächst muss man einige Dinge klarstellen. Die effektive Anzahl der Menschen ohne Einkommen ist in Wahrheit kleiner als in der Statistik. Spanien hat nicht 5 Millionen Arbeitslose, die zu Hause sitzen und nichts tun. 5 Millionen ist die Zahl jener, die auf dem Arbeitslosenamt gemeldet sind. Viele von ihnen arbeiten schwarz oder schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch, wir sagen dem «chapuza». Ausserdem ist die soziale Decke für Härtefälle gross. Jeder hat eine Hilfsquelle. Dennoch: So dramatisch waren die Zahlen in der ganzen Geschichte Spaniens noch nie.
Woran merkt man das im Alltag?
Zum Beispiel daran, dass auch sehr viele 30- und 40-Jährige wieder zurück zu ihren Eltern ziehen. Und Jüngere, die vor kurzem noch, mit 27, 28 Jahren, die Unabhängigkeit gesucht hätten, sobald sie ein bisschen was verdienten, ziehen schon gar nicht mehr aus. Die Familie, wie wir sie im Süden Europas kennen, spielt also eine enorm wichtige Rolle in der Krise – sie ist wirklich ein Überlebensfaktor.
Doch auf Dauer kann das nicht gut gehen.
Nein, wenn die Wirtschaftskrise anhält, die Rezession einsetzt und der harte Sparkurs des Staates das Klima weiter anheizt, dann befürchte ich, dass es grosse soziale Konflikte geben wird und dass sich die auch gewaltsam in den Strassen entladen könnten. Wir erleben gerade gesellschaftliche Spannungen und Ausgrenzungen, wie wir sie in der demokratischen Geschichte Spaniens (seit 1975, Anm. der Red.) noch nicht erlebt haben. Nur ein Beispiel: 300'000 Familien verloren in den letzten drei Jahren ihr Zuhause, weil sie ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen konnten. Die soziale Verkrampfung im Land ist riesig und explosiv, nahe der Hysterie. Schauen Sie doch, wie gross die Unterstützung für das Volk der «indignados» (der Empörten) ist: 75 Prozent der spanischen Bevölkerung sympathisieren mit der Bewegung.
Viele Tausend Spanier verlassen das Land. Der Saldo zwischen Einwanderung und Auswanderung ist zum ersten Mal seit langem negativ. Bildet sich Spanien wieder zurück zum Emigrationsland?
Ja, die Tendenz stimmt, mit einem Unterschied: Früher emigrierten spanische Fabrikarbeiter – nach Deutschland, Frankreich, in die Schweiz. Ich selber kam in Paris zur Welt, weil meine Eltern dorthin ausgewandert waren. Nun sind es junge Spanier mit hohem Bildungsgrad, denen es in ihrer Heimat an Perspektiven und an Zukunft fehlt.
Plötzlich. Dabei galt Spanien in den letzten Jahrzehnten als Europas Aufsteiger, als «Cool Hispania». Und der sozialistische Premier José Luis Rodríguez Zapatero verkörperte dieses Bild, als er 2004 an die Macht kam, geradezu idealtypisch: jung, modern, selbstbewusst. Er bot dem Vatikan die Stirn, trotzte dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush, förderte Frauen und Homosexuelle. Nun tritt er klanglos ab, die Sozialisten werden die Wahlen wahrscheinlich hoch verlieren. Was ist schiefgelaufen?
Spanien hat grossartige Jahre erlebt, das stimmt, und zwar schon in der Zeit vor Zapatero. Es war auch für uns Spanier selbst wie im Traum, irgendwie irreal. Mit Zapatero bekam das wirtschaftliche Wachstum endlich auch eine gesellschaftliche Entsprechung. Spanien war zum ersten Mal ein Modell. Doch das alles passierte in einer grossen Immobilienblase, die kurz vor dem Platzen stand. Zapatero wusste das ganz genau. Er hatte schon in seinem Wahlprogramm von 2004 davor gewarnt. Dann aber gewann er überraschend die Wahlen. Und wenn du erst einmal an der Macht bist, sieht alles anders aus. Das viele Steuergeld floss in Infrastrukturen, in Schnellzüge, in die Sozialwerke, in noch mehr schöne Sportzentren, noch mehr Kulturzentren, noch mehr Theater ...
... obschon man sie sich nicht wirklich leisten konnte.
Das war Zapateros erster Fehler: Der Geldsegen konnte nicht ewig währen. Der zweite Fehler, der ihn schliesslich zum Rücktritt zwang, war, dass er die Krise lange nicht eingestehen wollte, sie während neun oder zehn Monaten wider alle Anzeichen negierte, sie schönredete. So verspielte er viel wertvolle Zeit, und er brockte den Sozialisten obendrein ein nachhaltiges Glaubwürdigkeitsproblem ein. Die eigenen Wähler fragen sich heute, ob Zapatero die Leute anlog oder ob er ihnen aus politischen Motiven etwas vortäuschte. Ich persönlich glaube, dass er sich des Ausmasses der Krise nicht bewusst war. Zum Teil überfordert diese Krise ja alle. Doch ich habe ihm in privaten Gesprächen oft gesagt, wie die Unternehmer und die Banker denken, was unsere Reporter im Land so alles hören. Die Situation war eigentlich unmissverständlich. Doch er hielt es für unmöglich, dass Spanien so tief fallen könnte.
Was hätte Zapatero gegen die Krise tun können?
Er hätte viel früher reagieren müssen. Er hätte ein Sparprogramm einleiten und den Arbeitsmarkt liberalisieren können – ohne Druck von aussen, in kleinen Schritten. Später musste er es dennoch tun, und noch viel radikaler.
Ihre Zeitung, die ideologisch der Linken nahesteht, war sehr kritisch mit dem linken Zapatero. Sie haben ihn in einem Leitartikel im Sommer zum Rücktritt aufgefordert.
Zapatero regte sich fürchterlich auf über uns. Er hielt «El País» vor, wir würden die Leute mit einer Krise aufhetzen, die es gar nicht gebe. Bis wir sagten: Das wars, er muss gehen.
Immerhin: Zapatero ging dann doch noch rechtzeitig. Und so können die Spanier ein neues Parlament wählen, was den Griechen und den Italienern nicht gegönnt ist. Die wurden sozusagen aus Paris und Berlin fremdbestimmt und haben nun Techniker an der Regierung.
Genau. Wenn Regierungschef Zapatero zugewartet hätte, wären wir nun in derselben Lage.
Was bleibt sonst noch von Zapatero?
Natürlich das Ende der ETA, der baskischen Terrororganisation. Und dieser Geist der Moderne und des Fortschritts, den er dem Land eingehaucht hat. Ich glaube, mit etwas zeitlichem Abstand wird sich die Sicht auf seine Regierung mildern, ähnlich wie das bei Felipe González auch der Fall war.
Bei den Wahlen stehen sich nun zwei Spitzenkandidaten gegenüber, der Linke Alfredo Pérez Rubalcaba und der Rechte Mariano Rajoy, von denen keiner eine Vision Spaniens zu haben scheint – graue Figuren, die lange im Schatten anderer standen. Premierminister dürfte Rajoy werden, der davor zweimal verloren hatte. Spiegelt sich in ihren Gesichtern auch die Ernüchterung Spaniens?
Es ist jedenfalls so, dass zum ersten Mal seit dem Übergang zur Demokratie nicht ein jüngerer Premier auf einen älteren folgt. Beide, Rubalcaba und Rajoy, sind Produkte der Vergangenheit und einiges älter als Vorgänger Zapatero. Erstmals schaut Spanien also zurück und nicht nach vorn ...
... nach Jahren des euphorischen Aufbruchs mit zahllosen Innovationen, weil nach der Diktatur von Franco auch viel nachzuholen war. Und nun stoppt die Krise diesen historischen Elan.
Dieses Gefühl ist sehr weit verbreitet, besonders unter jungen Spaniern. Sie sind überzeugt, dass sie schlechter leben werden als ihre Eltern: mit weniger Wohlstand, mit schlechteren Aussichten auf einen festen Job und auf eine Eigentumswohnung. Dieses Gefühl lastet wie eine Glocke der Tristesse auf dem Land. Es ist, als ende eine Sequenz: In den 60er-Jahren begann das Wirtschaftswunder, in den 70ern wurden wir Franco los, in den 80ern fanden wir unseren Platz in Europa und in der Moderne, in den 90ern hatten wir die Olympischen Spiele und das Wohlstandswachstum unter Regierungschef José María Aznar, dann folgten die ersten schönen Jahre mit Zapatero und mit noch mehr sozialem Fortschritt.
Und nun?
Jetzt fühlt es sich so an, als würden wir zurückfallen. Zum ersten Mal. Die Enttäuschung ist gross, und mit ihr die Verunsicherung. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.11.2011, 17:48 Uhr
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Einem Flugzeug geht der Treibstoff aus. beim folgenden Manöver brechen auch noch die Tragflächen wegen überbelastung ab. Die Piloten springen mit falschirmen ab, das Flugzeugnähert sich im steilen Sturzflug dem Boden.
Da kommt ein EXPERTE und sagt
O-Ton
"Ich befürchte, dass es einen Aufschlag geben wird"
Antworten
In Spanien wird es soziale Unruhen geben. Aber auch in den USA und vielleicht sogar in Kanada. Das ist nicht nur eine Krise der EU, vielmehr eine des Casinokapitalismus. Die globale Wirtschaft, insbesondere die westliche, ist stark vernetzt und extrem labil. Nun beobachten wir, dass wirtschaftliche Schwierigkeiten in zwei, drei Staaten genügen, um das Ganze ins Rutschen zu bringen. Antworten
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