«Im Untergrund bestünde die Gefahr des Märtyrertums»
Sekten-Experte: Hugo Stamm.
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Das Urteil
Scientology wurde gestern in Frankreich wegen Betrugs zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Der Strafgerichtshof von Paris folgte aber nicht dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die «Eglise de Scientologie» zu verbieten. Der französische Zweig der 1954 in den USA gegründeten Organisation muss nach dem Urteil des Gerichts 400.000 Euro zahlen, die Scientology-Bibliothek SEL 200.000 Euro. Ausserdem wurden vier angeklagte Führungsmitglieder zu Bewährungsstrafen von zehn Monaten bis zwei Jahren verurteilt. Gegen zwei weitere Angeklagte wurden Geldstrafen von 1000 und 2000 Euro verhängt. Scientology kündigte an, Berufung gegen das Urteil einzulegen. Das Urteil sei «moderne Inquisition», sagte Scientology-Sprecherin Agnes Bron. In dem Verfahren ging es um die Anklage wegen organisierten Betrugs. Die Ermittler warfen Scientology vor, aus finanziellen Interessen von ihren Mitgliedern hohe Geldbeträge verlangt und neu eingetretene Mitglieder eingeschüchtert zu haben.
Herr Stamm, falls die letzte Instanz das jetzt gesprochene Urteil bestätigt, ist Scientology in Frankreich dann am Ende?
Scientology wird vermutlich Mitglieder verlieren und geschwächt werden, aber nicht am Ende sein. Die hohen Bussen werden den Aktionsradius einschränken, voraussichtlich würde aber die Mutterorganisation in den USA Geld einschiessen, um den französischen Ableger vor dem Konkurs zu retten.
Wieso kam es gerade in Frankreich zum gross angelegten Prozess gegen Scientology?
In Frankreich war die Toleranz gegenüber Sekten immer schon kleiner als in anderen europäischen Staaten. Seit dem Sektendrama um die Sonnentempler zwischen 1994 und 1997 gehen Justiz und Politik die Sektenproblematik noch seriöser an. Beispielsweise wurden Gesetze angepasst.
Die Anklage hat das Urteil als «historisch» bezeichnet. Warum?
In der jüngeren Zeit gab es keine vergleichbaren Urteile. Obwohl das Gericht unter den Anträgen der Staatsanwaltschaft geblieben ist, sind die Strafen hoch ausgefallen. Ausserdem wurden erstmals Unterorganisationen wie das Celebrity Center, das sich um Promis kümmert, belangt. Bisher sind vor allem die Sektenbosse gerichtlich verfolgt worden, nicht aber Scientology als Organisation oder ihre Tarngruppen.
Wird es in anderen Ländern Europas zu Prozessen gegen Scientology kommen?
Das Urteil wird kaum auf andere Staaten ausstrahlen. Das Verfahren hat neun Jahre gedauert, ein Ende ist noch nicht in Sicht. So viel Durchhaltewillen kann man von anderen Ländern kaum erwarten, zumal Scientology in vielen Staaten juristisch als Glaubensgemeinschaft eingestuft wird.
Wie sieht es in der Schweiz oder etwa in Deutschland aus?
In der Schweiz fehlt den Behörden der Biss, sich mit der Sekte anzulegen. Diese müssten meines Erachtens wie in Frankreich untersuchen, unter welchen Bedingungen die Mitarbeiter arbeiten müssen und wie die Mitglieder indoktriniert und abgezockt werden. In Deutschland beobachtet zumindest der Staatsschutz Scientology, die Sekte ist aber kaum eine Gefahr für den Staat, dazu ist sie zu klein und die Exponenten sind zu wenig raffiniert.
Das Pariser Gericht begründete sein Nein zum Verbot mit der Angst, Scientology würde aus dem Untergrund arbeiten. Wäre die Organisation so gefährlicher?
Verschwinden würde Scientology nicht. Im Untergrund bestünde die Gefahr des Märtyrertums und der Radikalisierung. Ausserdem würde der Druck auf die Anhänger noch grösser. Gewonnen wäre also nichts.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)
Erstellt: 28.10.2009, 15:53 Uhr





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