Ausland

«Immerhin haben sie über die richtigen Themen gesprochen»

Interview: Vincenzo Capodici. Aktualisiert am 27.10.2011 75 Kommentare

Der Euro-Gipfel zur Schuldenkrise war nicht der grosse Durchbruch, und er wirft neue Fragen auf. Dies sagt der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann im Interview.

1/6 Müde nach erfolgreichen Verhandlungen: Der französische Präsident Nicolas Sarkozy äussert sich zum Massnahmenpaket.
Bild: Keystone

   

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«Erst in einigen Tagen wird klar werden, was die Politiker tatsächlich beschlossen haben»: Tobias Straumann, Wirtschaftshistoriker und Privatdozent an der Universität Zürich.

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Der Euro-Krisengipfel hat letzte Nacht ein Massnahmenpaket gegen die Schulden- und Bankenkrise beschlossen. Hat er die richtigen Beschlüsse gefasst?
Das war nicht der grosse Durchbruch. Wichtige Details sind noch nicht geregelt und werfen neue Fragen auf. Die Unklarheiten betreffen insbesondere den Euro-Rettungsfonds (EFSF) und den Schuldenerlass für Griechenland. Ich vermute, dass erst in einigen Tagen klar werden wird, was die Politiker tatsächlich beschlossen haben.

Wo sehen Sie das Problem beim Schuldenschnitt für Griechenland?
Banken und andere Gläubiger sollen 50 Prozent der Schulden erlassen. Sie können allerdings nicht dazu gezwungen werden. Dazu kommt, dass am Euro-Krisengipfel nicht genau festgelegt worden ist, wie der Schuldenerlass technisch geschehen soll. Und schliesslich sind 50 Prozent Schuldenreduktion zu wenig. Griechenland wird gemäss EU 2020 immer noch Schulden in der Höhe von 120 Prozent des Bruttoinlandprodukts haben.

Was kritisieren Sie am EFSF, dessen Wirkung durch eine sogenannte Hebelung deutlich erhöht worden ist?
Der EFSF wird in eine Versicherung umfunktioniert, indem er teilweise das Risiko eines Zahlungsausfalls für Schuldtitel gefährdeter Euro-Staaten übernimmt. Diese Hebelung ist sehr riskant und erst noch zu wenig effektiv. Falls Italien Zahlungsprobleme bekommt, bricht die ganze Konstruktion zusammen, ja sie erhöht noch die Kosten. Die einzige Lösung wäre, wenn die Europäische Zentralbank (EZB) mitspielen würde, indem sie den Aufkauf aller Staatsanleihen garantierte. Nur schon die Ankündigung würde die Märkte stark beruhigen.

Im Weiteren hat sich der Euro-Gipfel auf die Rekapitalisierung der Banken in der Höhe von 106 Milliarden Euro und die Erhöhung der harten Kernkapitalquote auf neun Prozent geeinigt. Was halten Sie von diesen Beschlüssen?
Das geht in die richtige Richtung. Diese Erhöhung des Eigenkapitalpuffers wird allerdings nicht genügen, wenn sich die Finanzkrise weiter verschärft. Und bei der Bankenkapitalisierung müsste ein höherer Finanzbedarf festgesetzt werden, als die EU bisher bekannt gegeben hat.

Sie haben gesagt, dass der Euro-Krisengipfel kein Durchbruch war. Von einem Debakel kann aber auch nicht die Rede sein...
…immerhin haben die Politiker endlich über die richtigen Themen gesprochen. Und sie haben erkannt, dass die Schulden Griechenlands derart gravierend sind, dass diese drastisch gesenkt werden müssen.

Wie werden die Finanzmärkte auf die Beschlüsse des Euro-Krisengipfels reagieren?
Zunächst positiv – wie immer in solchen Fällen. Dieser Effekt wird nach ein paar Tagen der Ernüchterung weichen, weil die Probleme der Eurozone nicht wirklich gelöst sind. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.10.2011, 09:31 Uhr

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75 Kommentare

Gerard Goldmann

27.10.2011, 09:44 Uhr
Melden 41 Empfehlung

Das freut alle anderen Pleiteländer. Wieso sollen die denn ihre Schulden bezahlen und ihre Bevölkerung ärgern mit Sparmassnahmen. Die wollen alle auch einen Schuldenschnitt. Wenn mein Nachbar nicht alle Schulden bezahlen muss dann will ich auch nicht. Antworten


Susanne Lüscher

27.10.2011, 10:21 Uhr
Melden 38 Empfehlung

Die Probleme der Eurozone und will ja auch niemand öffentlich aussprechen. Dies sind zum einen die Unterschiede in der Wirtschaftlichkeit, zum anderen die verschiedenen Mentalitäten ganz zu schweigen von der geschichtlichen Prägung der einzelnen Länder. Die Verschiedenheit hat Europa ausgemacht, dem sollte Rechnung getragen werden ansonsten kommt es schlecht heraus. Antworten




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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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