In Barcelona muss Hollywood katalanisch sprechen

Von Martin Dahms, Madrid. Aktualisiert am 23.01.2010

In katalanischen Kinos laufen Filme auf Spanisch. Das passt der Regionalregierung nicht. Sie will die Verleiher zu mehr Synchronfassungen zwingen.

Soll katalanisch sprechen: Filmheld Sam Worthington in «Avatar».

Soll katalanisch sprechen: Filmheld Sam Worthington in «Avatar». (Bild: Keystone)

«Die Jahre sind vergangen, und es ist praktisch unmöglich, in einem kommerziellen Kino einen Film auf Katalanisch zu sehen. Es gibt keine Kopien. Und wenn es doch welche gibt, wirst du zum Kämpfer, um sie zu sehen. Man muss herausfinden, wo zum Teufel das Kino ist, man muss sich vom Navi durch Stadtviertel führen lassen, die deine Augen noch nie gesehen haben, und wenn der Film nicht schon nach einer Woche abgesetzt worden ist, finden wir dort in dem Saal ganz hinten neben den Toiletten den Streifen auf Katalanisch. Derweil haben wir ganz in der Nähe unserer Wohnung alle Kopien, die wir wollen, auf Kastilisch.»

So beschreibt der bekannte katalanische Journalist Antoni Bassas die Situation des katalanisch synchronisierten Kinos in Katalonien. Mehr als drei Viertel der 7,4 Millionen Katalanen im Nordosten Spaniens sprechen Katalanisch, die allermeisten verstehen Katalanisch, aber wenn sie ins Kino gehen, gucken sie die Filme auf Spanisch (auf «Kastilisch», sagen sie).

Das ist kein Problem für die Katalanen, da fast alle zweisprachig sind. 99,7 Prozent von ihnen sprechen Spanisch, 99,9 Prozent verstehen es. Aber die Regionalregierung will Katalonien katalanisieren. Auch im Kino. Sie hat ein Kinogesetz vorbereitet, das den Verleihern vorschreibt, die Hälfte aller Kopien in katalanisch synchronisierter Fassung in die Kinos zu bringen. Im Sommer soll das Gesetz vom Regionalparlament verabschiedet werden.

Es droht eine Busse

Die Katalanisierung Kataloniens ist die Obsession der katalanischen Politiker. Sie sind schon weit gekommen. In der Schule, an der Universität, in den Behörden wird katalanisch gesprochen. Geschäfte müssen ihre Waren auf Katalanisch anpreisen, und wenn sie es nicht tun, werden sie mit Bussgeld bestraft. Es gibt katalanischsprachige Zeitungen und Bücher, es gibt katalanisches Fernsehen, katalanisches Radio und katalanisches Theater. Aber fast kein katalanisches Kino. Jetzt ist es fällig.

Katalanisch ist eine romanische Sprache wie Italienisch, Französisch oder Spanisch. Aber zum Leidwesen der katalanischen Nationalisten ist Katalonien kein unabhängiger Staat, sondern ein Teil Spaniens, und zwar schon seit 1469, als Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragón die Ehe schlossen und ihre Reiche zusammenlegten – einschliesslich Kataloniens, das damals zu Ferdinands Aragón gehörte.

Doch das Gefühl, nicht wirklich Spanien zu sein, ist in Katalonien nie untergegangen. Genauso wenig wie die katalanische Sprache. Im 20. Jahrhundert versuchte der Diktator Francisco Franco, Schluss mit dem katalanischen Nationalgefühl zu machen. Wer es wagte, weiter seine eigene Sprache zu sprechen, wurde zurechtgewiesen: «Sprich christlich!» – also Spanisch. Franco starb 1975. Spanien wurde demokratisch. Das Katalanische konnte wieder aufblühen.

«Die eigene Sprache Kataloniens ist das Katalanische», steht im Autonomiestatut von 1979. Ganz wahr ist das nie gewesen und ist es auch heute noch nicht. Die Zugehörigkeit zu Spanien, der stete Zuzug von Menschen aus anderen Teilen Spaniens und dem Ausland und zuletzt die Sprachenpolitik des Franco-Regimes sorgten dafür, dass in Katalonien mehr Spanisch als Katalanisch gesprochen wurde. Womit sich die katalanischen Regionalpolitiker nicht abfinden wollten. Sie machten sich daran, Katalonien zu katalanisieren. Sie nannten das «Normalisierung».

Aber was den Sprachgebrauch der Menschen angeht, gibt es keinen Normalzustand. Wir haben eine Muttersprache, die wir von unseren Eltern lernen, aber spätestens in der Schule müssen wir uns anpassen: Dort wird die Sprache gesprochen, die die Schulbehörden für die richtige halten. In Katalonien ist das Katalanisch.

«Im Alltag ist alles einfach»

Die Schulpolitik ist die schärfste Waffe der katalanischen Nationalisten im Kampf für die «Normalisierung». Heute können 78 Prozent der Katalanen Katalanisch sprechen, 82 Prozent können es lesen und 95 Prozent verstehen. Doch immer noch ist nur für 35,6 Prozent von ihnen Katalanisch die «gewöhnliche Sprache» – für 45,9 Prozent ist es Spanisch. Hinzu kommen jene 12 Prozent der Katalanen, die sich im Alltag ebenso auf Katalanisch wie auf Spanisch unterhalten.

Katalonien ist zweisprachig. «Ausserhalb Kataloniens stellen sich das die Leute immer so schwierig vor», sagt die 41-jährige Katalanin María José, deren Eltern einst aus dem kastilischen Burgos nach Barcelona zogen. «Aber im Alltag ist alles ganz einfach. Bei uns zu Hause wird Spanisch gesprochen. Wenn ich mit meinen katalanisch sprechenden Freunden zusammen bin, schalten sie aus Höflichkeit auf Spanisch um. Nur einer nicht, der bleibt aus Prinzip beim Katalanischen. Aber weil ich Katalanisch verstehe, ist es am Ende für niemanden ein Problem.»

Nur ausländische Studenten, die nach Barcelona kommen und glauben, sie könnten sich an der Universität mit einigen Grundkenntnissen Spanisch zurechtfinden, werden enttäuscht. Mehr als die Hälfte der Vorlesungen an katalanischen Hochschulen finden auf Katalanisch statt, und kaum ein Dozent wechselt aus Höflichkeit ins Spanische. Die Protagonisten im französischen Spielfilm «L’Auberge espagnol» von Cédric Klapisch müssen das bitter erfahren. Der Film aus dem Jahr 2002, der die Erlebnisse von Erasmus-Studenten in Barcelona beschreibt, lief natürlich auch in Katalonien: in sechssprachiger Originalversion oder spanisch synchronisiert. Aber nicht in katalanischer Version. Denn es gibt viele katalanisch sprechende Professoren, aber fast keine katalanisch synchronisierten Filme.

Das Publikum soll entscheiden

Aus Sicht der Verleihfirmen besteht keine Notwendigkeit, ausländische Filme katalanisch synchronisieren zu lassen. Fürs cinephile Publikum bieten sie die Filme in spanisch untertitelter Originalversion an, für alle anderen in spanisch synchronisierter Fassung. Es verstehen ja alle Spanisch, auch 99,9 Prozent der Katalanen. Die gehen besonders gern ins Kino, mehr als fast alle anderen Europäer, und lassen sich dabei auch nicht von der spanischen Synchronisation stören. An der stört sich bisher nur die Regionalregierung, die deshalb jedes Jahr die katalanische Synchronisation von ein paar Dutzend Filmen, meist US-Blockbustern, in Auftrag gibt. Doch deren Erfolg beim Publikum ist mässig.

Das soll sich bald ändern. Wenn die Regierung mit ihrem Gesetzesvorhaben durchkommt, werden alle nicht europäischen Produktionen in Zukunft mit ebenso vielen katalanischen wie spanischen Fassungen in den Kinos zu sehen sein. Die Verleiher protestieren und spielen mit dem Gedanken, den katalanischen Markt zu boykottieren – was kümmert es James Cameron, wenn sein «Avatar» ein paar Hunderttausend Zuschauer weniger in der Welt hat? Doch der katalanische Kulturminister Joan Manuel Tresserras will eisern bleiben. «Es ist ein Eingriff zugunsten der Freiheit», verteidigt er sein neues Kinogesetz, «eine Vorschrift, die garantiert, dass das Publikum auswählen kann.»

Die Vorschrift hat historische Vorbilder. 1941 erliess Franco das Verbot der «cinematografischen Projektion in einer anderen Sprache als der spanischen», womit der Diktator die Synchronisation in Spanien zur Norm machte. Ausser in Spanien werden nur noch in Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Ungarn und der Tschechischen Republik Kinofilme regelmässig synchronisiert. Für wahre Filmfreunde ist das ein Frevel am Originalwerk. Doch die katalanischen Nationalisten wollen lieber freveln als in ihrem Kampf um ein katalanischsprachiges Katalonien zurückzuweichen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.01.2010, 07:06 Uhr

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