In der Atom-Sackgasse

Während der grösste deutsche Stromkonzern EON aus der Atomenergie aussteigt, investiert Frankreich weiterhin Milliarden in seine Nuklearindustrie. Die Rechnung bezahlen die Steuerzahler.

Der Bau des zweiten Druckwasserreaktors in Flamanville in der Normandie stockt weiter. Foto: Charly Triballeau (AFP)

Der Bau des zweiten Druckwasserreaktors in Flamanville in der Normandie stockt weiter. Foto: Charly Triballeau (AFP)

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«Der französische Staat wird seine Verantwortung wahrnehmen und ist entschlossen, die Konsolidierung des Unternehmens und seine Zukunft zu sichern»: Diese hehren Worte sprach Emmanuel Macron, der neue, erst 36-jährige Wirtschaftsminister und Hoffnungsträger der Regierung, nachdem der Nuklearkonzern Areva, der zu 87 Prozent dem französischen Staat gehört, Ende November einmal mehr desaströse Zahlen vorlegte. Im ersten Semester 2014 resultierte beim nationalen Prestigeunternehmen ein Verlust von 694 Millionen Euro. Bis Ende Jahr werden die roten Zahlen die Milliardengrenze überschreiten. Dies bei einem Jahresumsatz von zuletzt noch 9,2 Milliarden.

Von einem Albtraum schrieb die bürgerliche Tageszeitung «Le Figaro», von einem «finan­ziellen Tschernobyl» spricht die ­atomkritische Organisation «Sortir du Nucléaire»: Der einst stolze Konzern mit seinen weltweit 45'000 Mitarbeitern, der die ganze Palette der Atomindustrie von der Uranförderung in Westafrika über den Bau von Reaktoren bis zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstäben abdeckt, steht finanziell am Abgrund.

Staat hilft mit zwei Milliarden

Einzig die finanzielle Absicherung durch den französischen Staat habe verhindert, dass die Ratingagentur Standard & Poors die Areva-Papiere endgültig als Ramsch eingestuft habe, schrieb das Wirtschaftsmagazin «Challenges». Doch im Gegensatz zum ehemaligen Atompartner Siemens und zum deutschen Stromriesen EON, der Anfang Dezember seinen Rückzug aus der Atom-, Kohle- und Gasproduktion bekannt gab, setzt man in Frankreich weiter auf den Atompfad. Was der sonst sehr offen kommunizierende Jungstar unter den Ministern nämlich noch nicht sagte: Aller Voraussicht nach wird der Staat als Hauptaktionär von Areva den Konzern Anfang 2015 mit weiteren 2 Milliarden Euro Steuergeld vor der Pleite retten müssen. Und das in einer Zeit, da auch in der Staatskasse ein Riesenloch klafft und Macron eigentlich angetreten ist, um Frankreichs Wirtschaft für die globalisierten Märkte fit zu machen.

Schuld am Krebsgang des Atomkonzerns, der sich selber immer noch vollmundig als «Leader mondial» der Atomindustrie bezeichnet und jahrzehntelang als das Paradepferd französischer Ingenieurskunst galt, sind das wirtschaftliche Umfeld und eine Vielzahl eigener Flops. Zum einen nimmt nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima und angesichts der rasanten Fortschritte der erneuerbaren Energien die Nachfrage nach Atomkraftwerken weltweit ab. Absatzmärkte findet Areva deshalb nur noch ausserhalb Europas. In demokratischen, westlichen Ländern mit freien Strommärkten sind neue Atomkraftwerke nicht mehr finanzierbar.

Das finnische Debakel

Zum anderen sorgt der Konzern auch mit hauseigenen Problemen für Negativschlagzeilen: Beim Bau des seiner angeblich grösseren Sicherheit wegen hochgelobten EPR-Reaktors kumulieren sich die Probleme. Der erste «Rolls-Royce du nucléaire», wie der Areva-Druckwasserreaktor auch genannt wird, ist im finnischen Olkiluoto auch zehn Jahre nach Baubeginn immer noch nicht am Netz. 2009 hätte er eigentlich in Betrieb gehen sollen. Jetzt wird daraus wohl 2018. Die Kosten haben sich mittlerweile verdreifacht, und die Riesenbau­stelle erweist sich als Fass ohne Boden. Ein Schiedsgericht der Internationalen Handelskammer ICC beschäftigt sich mittlerweile mit gegenseitigen Milliardenforderungen der Vertragspartner. Sicher ist dabei nur: Einen Teil der teuren Rechnung wird der französische Steuerzahler bezahlen.

Doch auch auf heimischem Boden, in Flamanville in der Normandie, läuft ­vieles schief. Im November wurde die Inbetriebnahme des zweiten EPR einmal mehr offiziell um ein Jahr hinausgeschoben. Erst 2017 soll der Reaktor jetzt ­fertig werden. Die Electricité de France (EDF), Auftraggeberin in Flamanville, mit Areva seit Jahrzehnten geschäftlich verbunden und wie der Atomkonzern ebenfalls grossmehrheitlich in Staatsbesitz (85 Prozent), erklärt die erneute Verzögerung damit, dass Areva den Reaktordeckel nicht rechtzeitig liefern könne und mit der Anpassung an neue Sicherheitsnormen Mühe habe. Kritische Beobachter nennen eine Reihe von weiteren hausgemachten Problemen, darunter etwa den notwendig gewordenen Ersatz von zu schwachen Betonelementen und von qualitativ schlechten, zu einem Tiefpreis in Russland gekauften Stahl­teilen. All das führt dazu, dass auch in Flamanville die Kosten explodieren.

Auswirkungen könnte der Flamanville-Fahrplan auf die von Staatspräsident François Hollande für 2016 versprochene Schliessung des elsässischen AKW Fessenheim haben. Hollandes Umwelt- und Energieministerin Ségolène Royale, die seit dem Ausscheiden der Grünen aus der Regierung noch als letzte im Kabinett die Fahne der Ökologie hochhält, hat darauf verzichtet, das Wahlversprechen explizit ins neue, diesen Herbst vom Parlament verabschiedete Energiewendegesetz zu schreiben. Darin wird zwar die nukleare Stromproduktion Frankreichs verbindlich und stark beschränkt. 2025 sollen statt heute 75 Prozent nur noch 50 Prozent der Elektrizität in Atommeilern produziert werden. Fessenheim – oder Reaktoren anderswo im grossen AKW-Park der EDF – müssen demnach aber erst abgeschaltet werden, wenn Flamanville ans Netz geht, also nach aktuellem Fahrplan frühestens 2017.

Was die Atomstromproduktion Frankreich insgesamt kostet, ist dabei bis heute unklar. Energiepolitik war in der französischen Politik jahrzehntelang kein Thema. Die überliess man den ­Kapitänen der Staatskonzerne EDF und Areva, die einzig ihre Umsatzzahlen im Kopf hatten und so unter anderem noch Elektroheizungen propagierten, als diese in der Schweiz und Deutschland aus ökologischen Gründen längst verpönt waren. Erst im Januar 2012 störte ein Bericht des Rechnungshofes erstmals die Kreise des inneren Zirkels der Elektrizitätswirtschaft und kratzte am Mythos vom billigen Atomstrom. Und erst seither beschäftigen sich auch Parlamentarier mit Frankreichs Energiepolitik. Ende 2013 setzte die Assemblée nationale schliesslich eine Untersuchungskommission ein, welche die Kosten der Atomenergie erstmals kritisch unter die Lupe nahm. Der von der Atomlobby sofort heftig attackierte Parlamentsbericht vom Juni dieses Jahres warnte vor den unabsehbaren finan­ziellen Folgen der französischen Atom­monokultur.

Vor allem die Kosten für die Entsorgung und Stilllegung der 58 in die Jahre gekommenen EDF-Reaktoren wurden bisher nie seriös aufgerechnet. Die eng mit der EDF verbundene nationale Atommüllagentur Andra musste im November 2011 die Entsorgungskosten von 15 Milliarden Euro zwar ein erstes Mal auf 35 Milliarden erhöhen. Unabhängige Experten halten aber auch diesen Betrag für absolut ungenügend. Das Endlagerprojekt der Andra in Bure stösst inzwischen auch im politisch wenig sensibilisierten, wirtschaftlich unterentwickelten ostfranzösischen Departement Meuse auf heftigen Widerstand, sodass die ursprünglich für 2025 geplante Inbetriebnahme in weite Ferne gerückt ist.

Neuer Kurs mit neuen Chefs?

Blind für all die Schwierigkeiten ist die Regierung nicht. Doch im Gegensatz zu Deutschland oder der Schweiz glaubt eine Mehrheit der französischen Sozialisten nach wie vor an die Zukunft der Atomenergie. Die meisten der noch immer stark gewerkschaftlich geprägten Parteimitglieder fürchten den Abbau von Arbeitsplätzen nach wie vor mehr als die Risiken der Atomstromproduktion. Arnaud Montebourg, Macrons ­linker Vorgänger im Wirtschaftsminis­terium, unterschied sich in seiner Haltung zur nationalen Prestigebranche in nichts von den seit je atomfreundlichen Politikern der bürgerlichen UMP.

Die überfälligen Korrekturen am Atomkurs versucht Paris deshalb derzeit mit Personalwechseln zu erreichen. Bei Areva und EDF hat die Regierung soeben neue, in Atomfragen weniger vorbelastete Chefs eingesetzt. Bei Areva übernimmt Philippe Varin, Ex-Chef von PSA Peugeot Citroën, bei der EDF Jean-Bernard Lévy, früherer Patron des Sicherheits-, Luft- und Raumfahrtkonzerns Thales. Dass Varin gleichzeitig in den EDF-Verwaltungsrat gewählt wurde, zeigt allerdings auf, wie eng der innerste Kreis der mächtigen Staatskonzerne weiterhin bleibt und wie wenig die sozialistische Regierung die öffentliche politische Diskussion sucht.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 26.12.2014, 18:40 Uhr)

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Der Hinkley-Point-Deal

Milliardengeschenk der EU

Einen Erfolg konnte die französische Atomindustrie im Oktober vermelden: Damals genehmigte die EU-Kommission umstrittene Subventionen der britischen Regierung für den Bau zweier neuer Reaktoren im südwestenglischen Hinkley Point. Dort sollen 2023 zwei EPR-Reaktoren ans Netz gehen und danach rund 60 Jahre lang Strom liefern. Bauherr ist der Staats­konzern Electricité de France (EDF), die mit einem Konsortium aus Areva und zwei chinesischen Atomkonzernen das Projekt realisieren soll.

EDF und die Regierung in London gehen von Baukosten von 19 Milliarden Euro aus, die EU-Kommission rechnet mit 31 Milliarden Euro. Freuen über den Deal kann sich vor allem die EDF: Die britische Regierung garantiert ihr mit 11,2 Cent pro Kilowattstunde einen festen, erst noch an die
Inflation angepassten Stromabnahmepreis für die ersten 35 Jahre des Betriebs. Der aktuelle Marktpreis liegt derzeit halb so hoch. Ex-EU-Energiekommissar Günther Öttinger hatte den Vertrag im letzten Frühjahr als «sowjetisch» kritisiert.

Ob die beiden Reaktoren tatsächlich gebaut werden, ist allerdings noch unsicher. Zahlreiche EU-Mitgliedsstaaten sind dagegen. Der Kommissionsentscheid kam nur mit der knappen Mehrheit einer einzigen Stimme zustande. Und Österreich hat dagegen bereits Klage beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg eingereicht. Opposition gibt es wegen der Nähe des Standorts zur eigenen Küste auch in Irland. Die Umwelt­organisation Greenpeace sprach von einer «äusserst bedauerlichen» Entscheidung und einer unverständlichen «Verzerrung der Wettbewerbsregeln» zugunsten der Atom­industrie. Hinkley Point zeige gleichzeitig aber auch, dass der Bau neuer Atomkraftwerke ohne massive, staatliche Subventionen heute im freien Markt nicht mehr möglich sei, so Greenpeace. (mai.)

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