In der Gay Street von Rom geht die Angst um
Spätabends, nach 22 Uhr, erwacht die Via San Giovanni in Laterano zu ihrem zweiten Leben. Junge Touristen aus aller Welt mischen sich in der Strasse hinter dem Kolosseum in die Römer Szene, die vor allem am Wochenende die zahlreichen Bars und Klubs besucht. «Yes, we gay», stand bis vor kurzem noch auf einem Transparent gleich am Beginn der Strasse. Auf solche Publicity verzichten sie jetzt lieber in der Via San Giovanni. In Rom ist sie auch als Gay Street bekannt; neben dem Szeneviertel Testaccio eine der Gegenden in der italienischen Hauptstadt, in der vor allem Homosexuelle ausgehen.
Jetzt erst recht
«Wir wollen kein Biotop sein», sagt Giorgio N. «Aber noch haben wir gar keine andere Wahl in diesem Land.» Wie jeden Freitagabend hat er sich gestylt für die lange Nacht. Jetzt erst recht, lautet die Devise des 28-Jährigen, der tagsüber in einer Bank arbeitet. Doch es schwingt Trotz mit in dem Satz. Seit dem Anfang September zwei Brandsätze auf eine Bar in der Gay Street geworfen wurden, ist die Strasse landesweit in den Schlagzeilen. Mehrere Besucher der Bar wurden beim Anschlag verletzt. Nur wenige Tage vorher war ein Mann vor dem Gay Village in Testaccio mit einem Messer auf ein schwules Paar losgegangen, das sich dort geküsst hatte. Einer der Männer wurde schwer verletzt. Der Täter war ein bekannter Rechtsextremer.
Seit dem Sommer häufen sich die Meldungen von gewalttätigen Übergriffen in Rom und anderen italienischen Städten, und in der Szene geht die Angst um. Jüngstes Opfer ist ein 26-Jähriger in Florenz, der brutal zusammengeschlagen wurde. «Es ist nicht so, dass wir jetzt ständig um unser Leben fürchten», sagt Giorgio N. Aber man passt noch genauer als sonst auf, was sich in der unmittelbaren Umgebung gerade abspielt.
Die meisten Angriffe gibts in Rom
Zugleich aber wächst die Wut, gehen die Schwulenverbände in die Offensive. Mehrere grosse Demonstrationen haben in Rom bereits stattgefunden, die bisher grösste am Donnerstagabend, als auch die politische Prominenz jeglicher Couleur aufmarschierte. Allen voran protestierte Roms rechter Bürgermeister Gianni Alemanno auf einem Fackelzug mit mehr als 20'000 Teilnehmern gegen Rassismus und Intoleranz.
Dabei machen viele in der Szene auch den Mann von der einstigen postfaschistischen Alleanza nazionale für ein politisches Klima und einen allgemeinen Rechtsrutsch in Italien verantwortlich, in dem Übergriffe gegen Minderheiten jeder Art salonfähig geworden sind – egal ob es sich um illegale Immigranten, Roma oder Schwule handelt. In den ersten acht Monaten diesen Jahres verzeichnete Arcigay, Italiens grösste Homosexuellenorganisation, bereits mehr tätliche Angriffe als im gesamten Vorjahr. Die Hauptstadt steht dabei an der Spitze. «Rom ist für Homosexuelle viel gefährlicher geworden», glaubt auch Vladimir Luxuria, ein politisch aktiver Transvestit.
Alemanno, dessen Anhänger seinen Wahlsieg mit dem verbotenen Duce-Gruss feierten, dachte, kaum im Amt, gleich über ein Verbot der jährlich stattfindenden Gay-Pride-Parade nach. Er habe nichts gegen Homosexuelle, versicherte er damals. «Aber ich bin gegen jede Art von sexuellem Exhibitionismus.»
Straftatbestand «sexuelle Intoleranz»
Die jüngsten Übergriffe aber verurteilte Alemanno scharf. Um die Gay Street zu schützen, liess er sie nachts für den Durchgangsverkehr sperren. Die Mehrheit der Römer, versicherte er am Donnerstagabend vor dem Kolosseum, sei gegen jede Form von Intoleranz. Dass Alemanno überhaupt erschien, werten einige Funktionäre der Homosexuellenverbände als grossen Erfolg. «Vor einem Jahr wäre das noch unmöglich gewesen», glaubt Imma Battaglia, die Vorsitzende des Gay Project. Wie viele andere Redner auch forderte sie das Parlament auf, endlich ein Gesetz gegen Homophobie zu verabschieden. Einen entsprechenden Entwurf will die linke Abgeordnete Paola Concia vorlegen. Er sieht vor, dass «sexuelle Intoleranz» bei Delikten gegen die Person als erschwerend angesehen wird.
Kampagne gegen Chefredaktor
Sexuelle Intoleranz aber beginnt schon auf einer viel tieferen Stufe. «Wir liegen in dieser Hinsicht weit hinter anderen europäischen Ländern zurück», sagt der Vorsitzende von Arcigay, Aurelio Mancuso. Im katholischen Italien offen zu seiner Homosexualität zu stehen, erfordere noch immer grossen Mut. Wie man mit dem Vorwurf von Homosexualität Karrieren zerstören kann, zeigte erst unlängst die Kampagne der Zeitung «Il Giornale» gegen Dino Boffo, den unterdessen zurückgetretenen Chefredaktor von «Avvenire», der Zeitung der katholischen Bischöfe. Die waren zwar empört über die Schmutzkampagne, wussten aber bisher jede Legalisierung von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften zu verhindern.
Bei Arcigay sieht man trotzdem auch Fortschritte. «Heute haben Homosexuelle nicht mehr so viel Angst wie früher, Delikte überhaupt zur Anzeige zu bringen», sagt Fabrizio Mazarro, Vorsitzender der Region rund um Rom. 1000- bis 1200-mal pro Monat klingelt im Römer Büro die Helpline, auf der Freiwillige bei Problemen jeder Art Auskünfte erteilen und Hilfe leisten. Auch psychologische Beratung wird in den dunkelgrün gestrichenen Räumen angeboten. Nur von aussen ist das Büro unscheinbar. Selbst im Szeneviertel Testaccio will man nicht allzu sehr auffallen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.09.2009, 08:54 Uhr





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