In welchem Land Erdogan am meisten Ja-Stimmen holte

Unter den Auslandtürken war der Zuspruch für Erdogans Verfassungsreform besonders hoch. Ausser in der Schweiz.

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Das Nein aus der Schweiz ist deutlich: Gemäss der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu haben knapp 62 Prozent der abstimmenden Schweizer Auslandtürken die Verfassungsreform abgelehnt. Insgesamt hätten 50'374 Personen auf der Botschaft in Bern sowie in Genf und Zürich ihre Stimme abgegeben; das entspräche gut 55 Prozent der registrierten türkischen Wahlberechtigten in der Schweiz. Viele von ihnen sind schweizerisch-türkische Doppelbürger.

Mit ihrem Votum gegen Erdogans Staatsumbau ist die Schweiz eine Ausnahme auf dem europäischen Festland. In Deutschland legten 63 Prozent der teilnehmenden Türken ein Ja ein, mehr als 650'000 Personen waren zwischen dem 27. März und dem 9. April an die Urnen gegangen. In Frankreich waren fast 65 Prozent für die Reform, in Österreich, den Niederlanden und in Belgien sogar je mehr als 70 Prozent. Also deutlich mehr als in der Türkei selber.

Diese Zahlen sorgen für Unmut. «Da haben wir ein Problem», twitterte der leitende Europa-Redaktor der österreichischen Zeitung «Der Standard», Thomas Mayer. Im demokratischen Westen leben, aber für mehr Autorität am Bosporus stimmen? In den Niederlanden schreiben mehrere Kommentatoren von einem «Schock»; im Vorfeld hatte Erdogan die Holländer als «Nazis» beschimpft – wie können ihn da in den Niederlanden lebende Türken stärken wollen? Hinweise, dass die Wahlbeteiligung der Auslandtürken vielerorts unter 50 Prozent lag, gehen unter. In Deutschland wird sich die Debatte um das Recht auf Doppelbürgerschaft verschärfen.

Linkes Milieu, mehr Wohlstand?

Die Ursachen für das besondere Stimmverhalten der Schweiz sind nicht eindeutig. Sicher ist die Zusammensetzung der Diaspora hier eine besondere: In der Schweiz leben viele Kurden, die für die Regierung Erdogan wenig übrighaben. Bei den letzten türkischen Wahlen 2015 holte die prokurdische HDP in der Schweiz die meisten Stimmen, knapp 46 Prozent, die Regierungspartei AKP nur 29 Prozent.

Abstimmungszettel werden in die Türkei geflogen: Offizieller am Berliner Flughafen Tegel.

Weiter stammen viele Schweizer Türken eher aus einem gewerkschaftlichlinken Milieu; viele kamen nach dem Militärputsch von 1980 hierher und erbaten Asyl. Aber auch Faktoren wie Wohlstand, soziale Mobilität und Demokratiepraxis werden eine Rolle spielen: In der Schweiz sind Parallelgesellschaften, wie man sie aus deutschen und belgischen Städten kennt, weniger ein Problem.

Geringer als in der Schweiz war der Zuspruch für Erdogan nur in Grossbritannien (20 Prozent) und in den USA (16 Prozent). Allerdings war die Stimmbeteiligung beiderorts tiefer; in den USA sind nur gut 30 000 Stimmen eingegangen, weniger als in der Schweiz. Auch Spanien, Italien und Schweden sagten Nein, doch dort beteiligten sich nur einige wenige Tausend Personen.

Video – Demonstration gegen die Abstimmung:

In Istanbul gingen die Menschen auf die Strasse. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2017, 09:24 Uhr

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