Ausland

Innert Stunden wäre alles verstrahlt

Aktualisiert am 15.09.2010 30 Kommentare

Die deutschen AKW sind nicht nur durch gezielte Flugzeugabstürze, sondern auch durch Terroranschläge mit panzerbrechenden Waffen gefährdet. Das besagt eine neue Studie von Greenpeace.

Greenpeace-Protest mit einer Projektion: Kühlturm des Atomkraftwerkes Emsland, 26. August 2010.

Greenpeace-Protest mit einer Projektion: Kühlturm des Atomkraftwerkes Emsland, 26. August 2010.
Bild: Keystone

Panzerbrechende Waffen

Panzerbrechende Waffen, deren Risiko für Atomkraftwerke nun von Greenpeace untersucht wurde, sind raketengetriebene Geschosse, die für den Einsatz gegen Panzerstahl oder Bunkerwände entwickelt wurden. Sie funktionieren nach dem sogennanten Hohlladungsprinzip. Beim Auftreffen durchbohrt ein «Stachel» aus flüssigem Metall die Wand und durchbricht so auch Stahlbeton erheblicher Stärke.

Einfachere Panzerwaffen wie die russische RPG-7 sind weltweit verbreitet. «Der Markt ist hier hochgradig intransparent», sagt Rüstungsexperte Peter Lock. Die Herstellung von Hohlladungsgeschossen sei schon mit mässig entwickelter metallverarbeitender Industrie möglich. Einfache Hohlladungen durchschlagen bis 50 Zentimeter Panzerstahl oder 70 Zentimeter armierte Betonwände.

Höher entwickelte Systeme, wie die von Greenpeace untersuchte russische AT-14 Spriggan/Kornet Rakete oder die deutsch-französische Milan, die von der Bundeswehr in grossen Stückzahlen bei den Panzergrenadieren eingesetzt wird, durchschlagen zwischen 100 und 150 Zentimeter Panzerstahl. Nach Befürchtungen von Greenpeace könnten solche Waffen auch die Aussenmauern von Kernkraftwerken durchdringen.

Doch gelten solche Systeme als technisch kompliziert. Einige Experten bezweifeln, dass sie in grosser Zahl von Terroristen eingesetzt werden könnten. Diese könnten wohl das Know-How für die Wartung von Steuerungsystemen und Raketenantrieben nicht unbemerkt aufbauen. Ausserdem sind sie teuer: Auf dem regulären Rüstungsmarkt haben vergleichbare Systeme einen Stückpreis von mehreren hunderttausend Euro pro Gefechtsausstattung. Allerdings warnt Lock, es gebe «viele Länder deren Arsenale weitestgehend offen» stünden. Darunter seien die Nachfolgestaaten der Sowjetunion und Staaten im mittleren Osten.

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Beim Beschuss eines Atomkraftwerks mit sehr durchschlagskräftigen tragbaren Waffensystemen könnte es zu einer Kernschmelze und einer Verstrahlung der Umgebung binnen wenigen Stunden kommen, erklärt die Organisation. Bis zu einem Drittel der Fläche Deutschlands könnte kontaminiert werden.

Das Bundeskriminalamt wollte sich auf DAPD-Anfrage nicht zu der Studie oder der Gefährdung von Atommeilern äussern. Auch vom Bundesinnenministerium und von dem für Reaktorsicherheit zuständigen Umweltministerium war nicht sofort eine Stellungnahme zu erhalten.

Russische Lenkwaffe

Greenpeace hatte eine Studie zu einer speziellen panzerbrechenden Waffe erarbeiten lassen, der russischen Panzerabwehrlenkwaffe AT-14 Kornet-E. Sie ist den Angaben zufolge seit 1994 auf dem Markt. Mit der Waffe können von einem Stativ aus sogenannte thermobarische Gefechtsköpfe abgeschossen werden, die grosse Hitze und Sprengkraft entwickeln, wie Gutachterin Oda Becker sagte.

Damit seien bis zu ein Meter Stahl und bis zu drei Meter Stahlbeton zu durchschlagen. Die Betonhülle sei bei älteren deutschen Atomkraftwerken jedoch nur 60 Zentimeter bis einen Meter dick, bei neueren 1,80 bis zwei Meter. Ältere Meiler seien auch deshalb besonders gefährdet, weil Störfälle dort insgesamt schlechter beherrschbar seien, sagte Becker.

Einen «Kernschmelzeunfall» könnten Terroristen verursachen, wenn von mehreren solcher Systeme mehrere Geschosse auf einen Reaktor abgefeuert würden, fügte sie an. Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital meinte: «Es ist vollkommen ausser Zweifel, dass jeder Reaktor in Deutschland sich mit Zielwaffen zerstören lässt.»

Vorwürfe gegen die Regierung

Offen blieb, ob Terroristen wirklich an diese Systeme herankommen oder bereits über sie verfügen. Becker bezog sich auf Aussagen eines Waffenexperten, wonach panzerbrechende Waffen für Kriminelle zu beschaffen seien. «In der westlichen Welt wird das, was Terroristen haben, können oder wissen, dramatisch unterschätzt», zitierte Becker den Experten.

Eine ausführliche Debatte über mögliche Angriffe von Terroristen auf Atomkraftwerke hatte es bereits nach den Flugzeugangriffen auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 gegeben. Gutachter hatten damals erklärt, zumindest die älteren deutschen Kernkraftwerke seien gegen den gezielten Aufprall eines Verkehrsflugzeugs nicht geschützt. Zuletzt hatte Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) erklärt, die Reaktoren müssten einem Aufprall eines Airbus 320 standhalten und entsprechend nachgerüstet werden.

Greenpeace-Experte Smital kritisierte, dass Röttgen dies beim Beschluss der Regierung zur Laufzeitverlängerung nicht habe durchsetzen können. Das Risiko durch Terrorangriffe sei Bundeskriminalamt und Aufsichtsbehörden lange bekannt. «Es wird jedoch von der schwarz-gelben Bundesregierung vorsätzlich ignoriert», meinte Smital. Der Umweltverband forderte die sofortige Abschaltung älterer Meiler und einen vollständigen Atomausstieg bis 2015. (bru/dapd)

Erstellt: 15.09.2010, 14:32 Uhr

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30 Kommentare

Dieter Wundrig

15.09.2010, 14:52 Uhr
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Wieso eigentlich nur deutsche Atomkraftwerke? Dieser Artikel greift einfach zu kurz! Unsere Politiker scheinen überhaupt nicht zu denken und kriechen vor den mächtigen immer gigantischer werdenden Betreibern, ähnlich verhält es sich mit den immer grösser werdenden Banken. Antworten


Werner Grütter

15.09.2010, 15:12 Uhr
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Bin dafür dass wir politisch intervenieren. Im Flughafenstreit sprechen haben deutsche Nachbargemeinden schliesslich auch das Recht mitzusprechen. Und da geht eigentlich nur um Lärm. In Sachen Atomkraftwerke geht es um unser aller Leben und um irreparable Schäden auf lange Zeit. Antworten




Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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