«Israel-Kritiker ist ein beliebter Beruf»

Publizist Henryk M. Broder legt in der deutschen Debatte über Antisemitismus nach: Man geniere sich nicht mehr, Antisemit zu sein. Die Anfeindungen zielten heute auf den Staat Israel.

«Niemand ist rigoroser als eine alte Nutte, die sich in eine Moralapostelin verwandelt hat»: Publizist Henryk M. Broder.

«Niemand ist rigoroser als eine alte Nutte, die sich in eine Moralapostelin verwandelt hat»: Publizist Henryk M. Broder. Bild: Wikipedia

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Sind die Deutschen Antisemiten?
Nein, die Deutschen sind nicht antisemitischer geworden als sie es ohnehin schon waren. Sie sind auch nicht antisemitischer als andere Nationen. Was sich geändert hat: Aus dem verschämten Antisemitismus ist ein unverschämter Antisemitismus geworden.

Wie merken Sie das?
Früher hat man sich geniert, Antisemit zu sein. Heute bittet ein kluger Kopf wie der Journalist Harald Martenstein: «Ich möchte auch auf die Simon-Wiesenthal-Liste!» – also auf die Liste der schlimmsten Antisemiten. Der Begriff Antisemit hat seinen Schrecken verloren.

Womit hat das zu tun?
Damit, dass es offiziell keine Antisemiten mehr gibt. Wenn, dann gibt es nur «Antizionisten» im Kostüm des Israel-Kritikers. Israel-Kritiker ist ja ein extrem beliebter Beruf in der Bundesrepublik geworden. Komischerweise gibt es keinen Beruf des Türkei-Kritikers, des Somalia-Kritikers, des Pakistan-Kritikers. Alles, was es darüber zu sagen gibt, hat der Soziologe Wolfgang Pohrt vor über 20 Jahren geschrieben: «Der Massenmord an sechs Millionen Juden verpflichtet die Deutschen dazu, aufzupassen, dass die Juden nicht rückfällig werden.» Die Deutschen verhalten sich den Juden beziehungsweise Israelis gegenüber wie Bewährungshelfer gegenüber Delinquenten.

In Ihrem Streit mit dem «Spiegel online»-Kolumnisten Jakob Augstein geht es um die Frage, was Antisemitismus ist.
Natürlich gibt es für Antisemitismus keinen Lackmustest. Ich fände grossartig, wenn ich jemandem den Puls messen und dann sehen könnte, ob er Antisemit ist. Es gab einmal einen Richter am Obersten Gericht der USA, der an einem Verfahren wegen Pornografie beteiligt war. In der Urteilsbegründung sagte er: «Ich kann Pornografie nicht definieren, aber wenn ich sie vor mir habe, dann weiss ich es.» So ist es auch mit dem Antisemitismus. Die Deutschen weigern sich, einzusehen, dass er mit der Zeit geht. Der deutsche Begriff von Antisemitismus ist Endlösung, Gaskammer, physische Vernichtung. Wenn das Antisemitismus ist, dann gibt es in der Tat keinen Antisemitismus mehr. Und wenn man das Dritte Reich zum Massstab nimmt, ist alles andere nur Kleinkram, wie falsches Parken.

Wie sieht der Antisemitismus heute aus?
Jakob Augstein ist der Prototyp des modernen Antisemiten. Der Judenhass von heute gilt eben nicht mehr dem Individual-Juden, das ist passé. Damit würde sich jeder nachträglich der Komplizenschaft mit dem Dritten Reich schuldig machen. Der Judenhass von heute gilt dem Staat Israel. Der Historiker Leon Poliakov hat es in einem einzigen Satz zusammengefasst: «Israel ist heute der Jude unter den Staaten.»

Ist das nicht zu empfindlich? Alle Staaten und Regierungen der Welt werden ständig kritisiert.
Kritik ist immer o. k. Auch unfaire, gemeine, unsachliche Kritik. Kritik muss auch nicht «solidarisch» sein, wie wir es in den 60er-Jahren gelernt haben.

Wo ist denn das Problem?
Kritik muss immer etwas mit ihrem Gegenstand zu tun haben. Wenn ich also die Schweizer Finanzpolitik kritisiere, ist das völlig in Ordnung. Wenn ich aber die Schweizer Finanzpolitik kritisiere und gleichzeitig fordere, die Deutschschweiz Baden-Württemberg zuzuschlagen, dann ist das Ausdruck meines Ressentiments gegenüber der Schweiz, deren Untergang ich mir wünsche. Das, was Augstein übt – und was neun von zehn Israel-Kritikern praktizieren – ist eine Art Entlastungsstrategie für das eigene schlechte Gewissen. Je schlechter sich Israel gegenüber den Palästinensern verhält, desto besser fühlen sie sich, weil sie die Untaten ihrer Eltern und Grosseltern mit den «Verbrechen» der Israelis verrechnen.

Doch warum gerade Augstein? Er hat 100 Kolumnen geschrieben, davon handeln nur fünf von Israel.
Das stimmt. Aber von diesen 100 Kolumnen hatten nur zehn aussenpolitische Themen zum Gegenstand. Und fünf von zehn, das ist genau die Hälfte. Ich warte auf die Kolumne über Syrien, über Nordkorea, über den Sudan. Augstein ist auf Israel fixiert. Ich weiss nicht, was er hat. Er leidet an irgendetwas, vermutlich an seinem Deutsch-Sein.

Sie übertreiben.
Nein, es gibt eine Stelle bei Augstein, da bedankt er sich bei Günter Grass für dessen lächerliches Gedicht «Was gesagt werden muss». Er bedankt sich dafür, dass Grass die Deutschen aus dem Schatten von Angela Merkel und der Geschichte geholt hat. Gemeint ist: aus dem Schatten des Holocaust. Das ist die grosse Erleichterung, die ihm Grass’ Gedicht gebracht und die seiner Seele gutgetan hat.

Viele Journalisten und Politiker sehen das anders. Auch der Vizepräsident des Zentralrats der Juden sagt: «Der Broder übertreibt.»
Seit ich schreibe, sagen die Leute, dass ich übertreibe. Mit einer Meinung allein zu stehen, sagt noch nichts aus. Man kann recht haben, man kann sich auch irren. Hinzu kommt: Augstein ist Teil einer intellektuellen Elite, die ganz selbstverständlich zusammenhält. Wenn ein polnischer Jude daherkommt und die anpinkelt, dann empfinden die das als kollektive Beleidigung.

So ein Aussenseiter sind Sie auch wieder nicht. Sie gehören selber zu dieser intellektuellen Elite ...
... wollen Sie, dass dieser schöne Morgen mit einem Duell im Tiergarten endet?

Sie sind eine Stimme in Deutschland, die gehört wird.
Manchmal werde ich gehört, manchmal nicht. Aber zu diesem Milieu der sogenannten Intellektuellen gehöre ich nicht. Die wenigen jüdischen Freunde, die ich habe, wollen dazugehören. Um jeden Preis. Sie verbiegen sich, um in die Volksgemeinschaft aufgenommen zu werden. Die deutschen Juden taktieren, sie haben schon in den 20er- und 30er-Jahren gedacht, der Antisemitismus ziele nur auf die Juden aus dem Osten. Sie hielten sich für die «guten Juden», haben den Nazis ihre Weltkriegsorden entgegengehalten. Wie wir inzwischen wissen, hat es nicht viel gebracht. Und so geht es heute immer noch.

Das müssen Sie erklären.
Wenn Sie sich anschauen, mit welcher Begeisterung Juden Frau Merkel mit Preisen überhäufen. Sie hat inzwischen ein halbes Dutzend Preise bekommen. Für Toleranz, für Menschlichkeit, für ihr Engagement um die Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden.

Es ist immer angenehm, der Kanzlerin einen Preis zu überreichen.
Klar. Aber wofür? Erwarte ich von der deutschen Kanzlerin, dass sie eine Antisemitin ist? Nein, selbstverständlich nicht. Aber dafür muss ich sie nicht loben. Sie macht nur ihren Job.

In Berlin hat man das Gefühl, diese ganze Antisemitismus-Debatte sei völlig von gestern. Hier leben unzählige junge Israelis, und niemand interessiert sich mehr dafür, wer Jude ist ...
Völlig richtig, den Jungen geht das am Arsch vorbei. Das ist gut so. So, wie es heute niemanden interessiert, dass der Bürgermeister schwul ist. Mir sind inzwischen die Deutschen am liebsten, die nicht einmal wissen, wo Israel liegt.

Werden Sie persönlich häufig mit Antisemitismus konfrontiert?
Nein. Aber es ist auch eine Frage der Bewertung. Wenn die «Berliner Zeitung» schreibt, Broder habe es dem deutschen Rechtsstaat zu verdanken, dass er noch frei herumläuft, dann bin ich mir nicht sicher, ob das noch gemein oder schon antisemitisch ist.

Sie hauen in Ihren Artikeln auch gerne auf die Pauke.
Das ist mein gutes Recht. Aber ich habe noch nie über jemand geschrieben, er habe es nur dem Grundgesetz zu verdanken, dass er noch frei herumläuft. Bei so einem Satz höre ich schon die Handschellen klicken. Im Übrigen, ich habe niemandem etwas zu verdanken und keinen Anlass zu Dankbarkeit. Ich halte an jeder roten Ampel, ich zahle meine Steuern, mein Hund hat eine Hundemarke. Ich verhalte mich als Staatsbürger völlig korrekt.

Aber Sie mögen es polemisch. Sie haben kürzlich das öffentlich- rechtliche Fernsehen mit dem ZK der SED verglichen.
Ich gebe zu, das war fies. Aber es stimmt. Ich finde, dass die «Tagesschau» immer mehr aussieht wie die «Aktuelle Kamera» der DDR. Verlautbarungsjournalismus pur.

Uns kommt der deutsche Medienbetrieb anders vor: Hier sind die Moralweltmeister am Werk.
Stimmt auch. Die Deutschen sind der fleischgewordene moralische Imperativ. Das hat mit dem «Sündenstolz» zu tun, den der Soziologe Hermann Lübbe so treffend analysiert hat. Die Deutschen sind stolz darauf, die grössten Sünder der Weltgeschichte zu sein, aber auch die grössten Büsser und Reueleister.

Sie meinen: Aus der ungeheuren Tat des Holocaust ...
... ist ein ungeheurer moralischer Rigorismus geworden. Niemand ist rigoroser als eine alte Nutte, die sich in eine Moralapostelin verwandelt hat. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 29.01.2013, 08:54 Uhr)

Henryk M. Broder: Autor und Polemiker

Henryk M. Broder kam 1946 als Sohn ­jüdischer Eltern in Polen zur Welt. 1958 zog die Familie nach Köln. Broder hat sich in Büchern und Artikeln immer wieder kritisch – oft auch polemisch – mit dem deutsch-­jüdischen Verhältnis auseinandergesetzt. Er arbeitete unter anderem für die «Zeit» und den «Spiegel». Seit 2011 schreibt er für die «Welt»-Gruppe des Springer-Verlags.

Der Streit um die Wiesenthal-Liste

Henryk M. Broder gehört zu den Beteiligten im Antisemitismus-Streit, der seit einigen Wochen in Deutschland läuft. Ausgangspunkt: Das Simon Wiesenthal Center in New York hat den «Spiegel online»-Kolumnisten Jakob Augstein auf eine Liste mit den zehn schlimmsten Antisemiten des Jahres 2012 gesetzt – neben Figuren wie dem iranischen Präsidenten Ahmadinejad. Augstein hat in mehreren Texten die israelische Regierung kritisiert. Diese gefährde mit ihrer Iran-Politik den Weltfrieden. Zudem führe der jüdische Staat die Welt am «Gängelband». Kritiker sehen darin antisemitische Stereotypen wiederbelebt, was Augstein bestreitet. Das Wiesenthal Center zitiert – quasi als Kronzeugen – Henryk M. Broder. Dieser hatte Augstein mit dem Nazi-Propagandisten Julius Streicher verglichen – ein Vergleich, den er später zurücknahm. Er nennt Augstein aber weiterhin einen Antisemiten. (dn)

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