«Jüdisches Gen» erzürnt die Deutschen und macht Israelis stolz

«Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen», damit löste Thilo Sarrazin einen Sturm der Entrüstung aus und wird mit Hitler und Göbbels verglichen. In Israel versteht man die Aufregung nicht.

Der deutsche Bundesbanker – hier bei einem Auftritt in «Beckmann» – ist unter Beschuss: Thilo Sarrazin.

Der deutsche Bundesbanker – hier bei einem Auftritt in «Beckmann» – ist unter Beschuss: Thilo Sarrazin. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als der deutsche Bundesbanker Thilo Sarrazin (SPD) gestern sein Buch zur Einwanderung und Integration vorstellte, waren die Meinungen schon gemacht. Seine umstrittenen Thesen über Muslime hatten im Vorfeld für hitzige Diskussionen gesorgt, das Fass zum überlaufen brachte dann seine im Interview mit der «Welt am Sonntag» vorgebrachte Bemerkung: «Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden.» Die SPD will ihn aus der Partei ausschliessen, Politiker aller Couleur kritisieren seine Äusserungen aufs schärfste.

«Sarrazin hat endgültig eine rote Linie» überschritten, sagte auch Dieter Graumann in den deutschen Medien. Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden sprach von einem «Rückgriff auf Elemente der Rassenhygiene der Nazi-Zeit». Solche Äusserungen von einem Vorstandsmitglied der Bundesbank seien unerträglich. «Man darf zu solchen Thesen nicht schweigen.» Und der Generalsekretär des Zentralrats der Juden Stephan Kramer, stellte Sarrazin gar in eine Reihe mit Goebbels, Göring und Hitler: «Ich habe den Eindruck, dass Sarrazin mit seinem Gedankengut Göring, Goebbels und Hitler grosse Ehre erweist.»

Israelis erwähnen das «jüdische Gen» mit Stolz

In Israel selber allerdings hält sich die Entrüstung über Sarrazin nicht nur in Grenzen, sie ist gar nicht existent. «Die Theorie des ‹jüdischen Gens› schlägt in Deutschland Wellen, wird in Israel nicht beachtet», titelt die linksliberale «Haaretz». Sowohl Sarrazin wie der Israelische Innenminister Eli Yishai glaubten an das «jüdische Gen», so die israelische Zeitung, aber nur Sarrazin würde dafür gegeisselt.

In einem Interview mit der «Jerusalem Post» am 8. August 2010 sagte Eli Yishai, wenn ein Konvertit auf orthodoxem Weg zum jüdischen Glauben konvertiere, «hat er das jüdische Gen», wenn er nicht auf orthodoxem Weg konvertiere, «hat er das jüdische Gen nicht, so einfach ist das». Eine Woche früher habe zudem der israelische Künstler Yehoram Gaon in einem Radioprogramm das «jüdische Gen» erwähnt. Dem Sender Reshet Bet erzählte Gaon von einer wissenschaftlichen Studie, wonach die Palästinenser ein «jüdisches Gen» hätten und einige sogar mit dem «Cohen Gen» – angeblich ein Hinweis, dass die Person zur jüdischen Oberschicht gehört – gesegnet seien.

Studien über gemeinsame genetische Wurzeln als Vorlage

Auch als weltweit Medien im Juni über zwei Studien über gemeinsame genetische Wurzeln der Juden berichteten, kam es zu keinem öffentlichen Aufschrei. Dabei wurde die Studie der New York Universität im «American Journal of Human Genetics» veröffentlicht, und die Studie des Rambam Medical Center in Haifa, Israel, wurde im Fachblatt «Nature» publiziert. Die Wissenschaftler hatten herausgefunden, dass heutige Juden viele Gene von einer ursprünglichen jüdischen Bevölkerungsgruppe geerbt haben, die vor rund 3000 Jahren im Mittleren Osten lebte. «Damit sind die heute lebenden 13 Millionen Juden nicht nur durch Kultur und Religion, sondern auch durch ein gemeinsames biologisches Erbe miteinander verbunden,» schrieb am 17. Juni 2010 etwa der «Tagesspiegel» im Wissen.

Auf diese Studien will sich Thilo Sarrazin bezogen habe, schreibt die deutsche «Bild». In seiner Klarstellung hat der Bundesbanker gestern gesagt: «Aktuelle Studien legen nahe, dass es in höherem Masse gemeinsame genetische Wurzeln heute lebender Juden gibt, als man bisher für möglich hielt.» Und weiter: «Wenn neue genetische Forschungen zeigen, dass viele heutige Juden zahlreiche Gene von einer ursprünglichen jüdischen Bevölkerungsgruppe gemeinsam haben, ist das zunächst einmal interessant. Politisch ist diese These neutral. Um eine rassistische Äusserung handelt es sich nicht.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 31.08.2010, 12:10 Uhr)

Stichworte

Haben ein unverkrampftes Verhältnis zum jüdischen Gen: Israelische Politiker, darunter auch der heutige Innenminister Eli Yishai (3.v.l.). (Bild: Keystone )

Bildstrecke

Debatte um Thilo Sarrazin

Debatte um Thilo Sarrazin Thilo Sarrazin hat seine umstrittenen Thesen zu Einwanderungs- und Integrationsfragen bei der offiziellen Vorstellung seines neuen Buches verteidigt.

Artikel zum Thema

Alle gegen einen

Begleitet von massiver Kritik hat Thilo Sarrazin sein umstrittenes Buch zur Migration vorgestellt - und nichts zurückgenommen. Regierung und Partei sind verärgert, die deutsche Bundesbank ist in Erklärungsnot. Mehr...

Die provokative Show von Sarrazin

Der deutsche Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin hat heute sein umstrittenes Buch veröffentlicht. Der Zahlenmensch gilt als fachlich brilliant, persönlich jedoch schwierig. Sein Werk löst nicht nur Entrüstung aus. Mehr...

Bildstrecke

Die Provokationen des Thilo Sarrazin

Die Provokationen des Thilo Sarrazin Die umstrittenen Aussagen des abtretenden Bundesbank-Vorstands.

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Werbung

Kommentare

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Die Welt in Bildern

Wenn der Säbel juckt: Als Wikinger verkleidet kämpfen australische Teilnehmer des St. Ives-Mittelalter-Festival in Sydney gegeneinander. (24. September 2016)
(Bild: Dan Himbrechts) Mehr...