Wild gewordene Machos

Die sexuellen Übergriffe in Köln bestätigen die schlimmsten Vorurteile, sowohl auf rechter wie auch auf linker Seite. Doch statt zu beschönigen, muss man jetzt umso genauer hinsehen.

Aufschrei gegen Gewalt an Frauen: Proteste am Kölner Hauptbahnhof.

Aufschrei gegen Gewalt an Frauen: Proteste am Kölner Hauptbahnhof. Bild: Wolfgang Rattay/Reuters

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Es ist ein GAU, was in Köln, Hamburg und Stuttgart in der Silvesternacht geschehen ist –, ein Super-GAU sogar, vor dem Hintergrund der aufgeheizten politischen Stimmung um die Flüchtlingskrise in Europa. Ein schwer alkoholisierter Mob junger Männer, mehrheitlich nordafrikanischer oder arabischer Abstammung, rottet sich zusammen, beschimpft Frauen als dreckige Huren und Schlampen, begrabscht sie und raubt sie aus. Die Polizei ist zwar präsent, aber pennt, man scheint erst Tage später begriffen zu haben, was da vor sich ging. Lange dauerte es, bis die Polizei umfassend informierte, noch länger, bis die Presse den Vorfall aufnahm und diskutierte.

Warum das so lange dauerte, ist unklar. Am Neujahrstag berichtete die Kölner Polizei noch, die Silvesterfeiern seien «weitgehend friedlich» verlaufen. Erst montags wurden die sexuellen Übergriffe landesweit publik. Allerdings waren nicht alle Medien gleich schnell. Das ZDF etwa verzichtete am Montagabend noch auf eine Berichterstattung, um noch «ergänzende Interviews» zu führen, wofür man sich am Dienstag entschuldigte. Die Nachrichtenlage wäre schon am Montag «klar genug» gewesen.

Rechte toben, Linke verharmlosen

Das Zögern dürfte sich weniger journalistischen als politischen Überlegungen verdanken. Der Vorfall ist Wasser auf die Mühlen der Rassisten, weil er archaische abendländische Ängste bedient, in denen Horden schwarzer Männer über weisse Frauen herfallen. Die Rechten schossen denn auch sofort auf den Islam im Allgemeinen und Merkels Flüchtlingspolitik im Besonderen, flankiert vom Vorwurf an Lügenpresse und Feminismus. Diese reagierten doch sonst auf jeden falschen Blick mit einem #Aufschrei und blieben diesmal nur stumm, weil die Täter ihrer Lieblingsopfergruppe zugehörten, so argwöhnte man. Die Linken bemühten sich ihrerseits um Verharmlosung: Alles Falschmeldung, es seien nicht etwa tausend Täter gewesen, sondern nur Tausende Männer auf dem Platz. Zudem seien das keine Flüchtlinge gewesen, so wurde in sozialen Medien angemahnt. Ausserdem gebe es in Deutschland übrigens auch sonst Mord, Vergewaltigung und auch Deutsche seien Sexisten.

Mag sein, aber das ändert nichts daran, dass die Ereignisse sich tatsächlich so zugetragen haben. Dass die Täter wirklich junge Männer nordafrikanischer Herkunft sind. Und ob es Flüchtlinge waren oder nicht, ist bislang überhaupt nicht geklärt. Das von vornherein auszuschliessen, ist genauso falsch, wie alle Flüchtlinge pauschal in die Verantwortung zu nehmen.

Im Gegenteil war es nie nötiger als jetzt, genau hinzusehen und nüchtern zu analysieren. Denn selbst wenn die sexuellen Übergriffe nur ein taktisches Mittel gewesen sein sollten, um die Frauen besser ausrauben zu können, so macht das gar nichts besser. Die Übergriffe zeugen von einem erschreckenden Frauenhass dieser «Machos gone wild» und die Wirkung ist unendlich destruktiv. Er trifft uns an unserem empfindlichsten Punkt, weil diese Machos mit ihrem kriminellen Verhalten die Gesellschaft noch mehr spalten, als sie es ohnehin schon ist.

Hochproblematisches Frauen- bzw. Männerbild

Denn Tatsache ist auch, dass die Täter aus Kulturkreisen mit einem hochproblematischen Frauen- beziehungsweise Männerbild stammen und jetzt entwurzelt, allein und mittellos an den Rändern der hiesigen Gesellschaft leben. Die genaue Herkunft oder Konfession ist dabei weniger entscheidend als ihre Verachtung für Frauen und für eine Gesellschaft, die Frauen gleiche Rechte zugesteht. Wenn sich diese Haltung auch noch mit kriminellem Verhalten paart, dann stellt sie den sozialen Frieden und die Gesellschaft insgesamt auf eine harte Probe.

Die Flüchtlingskrise ist kein Kinderspielplatz für sozial blinde Idealisten. Sie ist ein langfristiger, schwieriger Prozess und sie hat einen Preis. Es nützt nichts, die Dinge zu beschönigen aus Angst, es könnte den falschen Kreisen in die Hände spielen. Denn selbst wenn nur ein Bruchteil der Neuankömmlinge hier zu solch problematischem Verhalten neigt, sind es immer noch Tausende, die enormen Schaden anrichten – nicht nur bei den Frauen, die Opfer ihrer Attacken werden. Sondern auch in der Politik und vor allem für jene Flüchtlinge, die sich erhoffen, hier eine neue Existenz aufbauen zu können.

Wer hier lebt, hat Frauen und ihre Rechte zu respektieren –, seien das nun die hiesigen Frauen oder die eigenen Töchter und Gattinnen. Das ist nicht verhandelbar. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 06.01.2016, 15:23 Uhr)

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