Männer, die zu sehr lieben

Der deutsche Starpädagoge Hartmut von Hentig hat das Bildungssystem verändert. Jetzt ist sein Lebensgefährte Gerold Becker, der ehemalige Leiter der Odenwaldschule, Missbrauchsvorwürfen ausgesetzt.

Hartmut von Hentig: Er leugnet, verdrängt und bagatellisiert.

Hartmut von Hentig: Er leugnet, verdrängt und bagatellisiert.

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Der Besucher wird ins Wohnzimmer gebeten, er darf auf einem dunklen Ledersofa Platz nehmen. Neben ihm sitzt Hartmut von Hentig, Deutschlands berühmtester Pädagoge, Vorbild und Idol für Generationen von Lehrern. Er wird in diesem Jahr 85 Jahre alt, und sein Kampf für eine Schule, die Kinder nicht verletzt, sondern ihnen guttut, sein Plädoyer für eine echte «Lebensschule» hat ihn zum Star gemacht in seiner Zunft. Hätte Hentig nicht Besuch von einem Journalisten, könnte Gerold Becker neben ihm sitzen. Sie würden zu dieser Zeit einen Cognac trinken und die Nachrichten schauen. So machen sie es seit Jahren.

Es ist nicht mehr nur «mein Leben», schreibt Hentig in seiner Autobiografie. Es ist «unser Leben». Hentig und Gerold Becker sind unzertrennlich.

Ein Hort für Pädophile

Es ist kurz vor sieben Uhr, gleich beginnen im ZDF die Nachrichten, wieder wird über sexuellen Missbrauch berichtet. Ein Bild der Odenwaldschule wird auf dem Bildschirm erscheinen. Dort ist ans Licht gekommen, dass in den 70er- und 80er-Jahren offenbar Dutzende Schüler von ihren Lehrern missbraucht worden sind. Täglich werden es mehr, die sich melden. Wenn sie über die Täter sprechen, fällt immer wieder ein Name: Gerold Becker.

Becker hat damals die Odenwaldschule geleitet, das berühmte Internat im hessischen Heppenheim. Die Schule ist weltlich, nicht katholisch, sie will ein liberaler Hort der Reformpädagogik sein. Jetzt sieht es so aus, als sei sie jahrelang ein Hort für Pädophile gewesen.

Er preist Becker bis heute

Hartmut von Hentig, der Professor in Göttingen und Bielefeld war, hat das Internat und seinen Freund Becker damals etliche Male besucht. Er hat die Schule gepriesen. Er hat Becker gepriesen. Und er tut es bis heute.

Hentig nippt am Sekt und erzählt, wie bewundernswert geduldig Becker mit Kindern umging. Er hält seinen Freund für einen begnadeten Lehrer und besonders feinsinnigen Menschen. Dass Becker je den Willen eines Kindes gebrochen hat, das kann, das will er sich nicht vorstellen. Hentig ist alt und schwerhörig, und er ist blind vor Liebe und Loyalität. Er weint.

Ungebetene Reporter

Der Besucher spürt den Impuls, trösten zu wollen. Und den Wunsch, diese Szene und überhaupt das ganze Treffen schnell zu vergessen. Aber diese Wahrheit gehört in die Welt. Hentig leugnet, verdrängt und bagatellisiert: Becker kann nichts Böses getan haben. Wenn überhaupt, könnte allenfalls mal ein Schüler seinen Lehrer Becker irgendwie verführt haben . . . Als Hentig diesen Gedanken äussert – diese schlimme Gedankenlosigkeit, die die Asymmetrie zwischen Schüler und Lehrer ignoriert – wird offensichtlich, dass sich der Pädagoge völlig verrannt haben muss.

Hartmut von Hentig hat Spuren hinterlassen weit über die Pädagogik hinaus. Er hat die Laborschule in Bielefeld gegründet, und er hat sich eingemischt in die Politik, war aktiv in der Friedensbewegung, hat Willy Brandt beraten, Freundschaften gepflegt mit den Weizsäckers, mit Golo Mann und vielen anderen Dichtern und Denkern. Und jetzt klingeln ungebeten Reporter an seiner Tür, die ihn wegen der Missbrauchsgeschichte sprechen wollen. Hentig öffnet ihnen nicht.

Verantwortung vor den Opfern

Die Ehre, als einziger Journalist eingelassen worden zu sein, wird nun zur Bürde. Der Gast hat das Gefühl, dass er selbst im Begriff ist, einen Missbrauch zu begehen, einen Missbrauch des Vertrauens und der Hoffnung, die Hentig in ihn setzt.

Es gibt die Unschuldsvermutung, natürlich. Doch es gibt auch eine Verantwortung vor den Opfern. Die ehemaligen Schüler sagen, Becker habe gewusst, wie man sich Kinder gefügig mache. Er soll mit ihnen geduscht und sie morgens geweckt und ihre Genitalien angefasst haben. Er habe Alkohol ausgeteilt und Schüler für Liebesdienste belohnt.

Becker hat sich dazu öffentlich nie erklärt. Als zwei ehemalige Schüler bereits Ende der 90er-Jahre Vorwürfe gegen ihn erhoben, legte er alle Ämter an der Odenwaldschule nieder. Sein Nachfolger schrieb ans Schulamt, Beckers Schweigen dürfe «nicht als eindeutiges Schuldeingeständnis» ausgelegt werden. Er habe allerdings kein Argument gefunden, an der Glaubwürdigkeit der Schüler zu zweifeln.

In ständiger Angst

Ein ehemaliger Schüler der Odenwaldschule sagt, er habe ständig Angst vor Becker gehabt, beim Einschlafen, beim Waschen und beim Fernsehen. In dem Internat werden die Schüler «Familien» zugeordnet, auch Gerold Becker hatte eine Familie. Drei ehemalige Schüler sagen, Hentig sei nicht nur Beckers langjähriger Lebensgefährte. Durch Besuche im Internat sei er auch mit den «Umgangsformen» in Beckers «Familie» vertraut gewesen. Der Vorwurf, Mitwisser des Missbrauchs gewesen zu sein, empört Hentig. Er streitet ja auch ab, dass Becker sich überhaupt etwas zuschulden kommen liess.

Der Frankfurter Psychologe Walter Schwertl schreibt in einem Gutachten, das die heutige Leiterin des Internats in Auftrag gab, der sexuelle Missbrauch an der Odenwaldschule sei geradezu Ausdruck eines «Kulturprogramms» gewesen. Es habe auch Veranstaltungen zur Würdigung des antiken Griechenland und der Knabenliebe gegeben.

Missbrauch von Therapeuten eingeflüstert

Hartmut von Hentig hält das Gutachten für unwissenschaftlich. Er zweifelt an den Fakten, er vermisst eine genaue Dokumentation der angeblichen Taten. Dieser Einwand ist zumindest nicht völlig unberechtigt. Man kann nie vorsichtig genug sein, und Becker stand vor keinem Gericht. Bereits Ende der Neunzigerjahre waren die Taten verjährt. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt hat nun dennoch wieder begonnen zu ermitteln. Es sei nicht auszuschliessen, dass Übergriffe ans Licht kommen würden, die noch nicht verjährt seien.

Hentig belässt es nicht bei einem gesunden sokratischen Zweifel. Er ergeht sich in Unterstellungen: Einer der Schüler, die jetzt als Ankläger auftreten, ist mit seinem Leben nicht klargekommen. Therapeuten haben ihm die Idee, er sei missbraucht worden, dann eingeflüstert. Das sind so die Theorien, die Hentig seinem Gast ausbreitet.

«Eine Form der persönlichen Liebe»

Ende Januar hielt Hentig in Stuttgart einen Vortrag über das «Ethos der Erziehung». Er betonte, wie wichtig es ist, Achtung vor Kindern zu haben. Wie schädlich es ist, ihren Willen zu brechen. Der Applaus war gross. Es gab aber eine Stelle, da war dem begeisterten Zuhörer schon damals flau. Hentig erwähnte den «pädagogischen Eros», den Gott, den Platon in die Erziehung einführte. Hentig zitierte Pestalozzi, der fand, dass die elterliche Liebe auf den Erzieher übergehen müsse: «Bei beiden, Platon und Pestalozzi, bedarf es keiner Verbergung der Natürlichkeit des hier waltenden Gefühls.» Hentig nannte Eduard Spranger, der unbefangen habe sagen können, ein echter Erzieher trage pädagogische Liebe in sich, und diese sei mehr als ein Klima der Zuneigung. Sie sei «eine Form der persönlichen Liebe». In diesem Punkt – fügte Hentig hinzu – sei «unsere aufgeklärte Gesellschaft kleinmütig».

Und weiter: Die Gesellschaft blicke «misstrauisch auf jede Zärtlichkeit und errichtet fürsorgliche Schutzvorkehrungen gegen den scheuen Gott».

Wie verhöhnt muss sich ein Missbrauchsopfer bei diesen Sätzen fühlen.

Hentig beharrt auf Unbefangenheit

Doch Hartmut von Hentig will weiter so sprechen. Er sitzt auf seinem Sofa und hat kein Wort zurückzunehmen. Er verweist auf die im Vortrag genannten schützenden Elemente im Ethos der Erziehung: das Gebot, den Willen der Kinder zu achten.

Eine lieblose Erziehung ist schrecklich, eine verklemmte Gesellschaft nicht zu wünschen. Hentig beharrt jedoch auf einer Unbefangenheit, die entweder naiv ist oder unverfroren. Der Besucher fragt sich, was Gerold Becker da oben in seinen Gemächern gerade macht. Ob er etwas hören kann von dem Gespräch hier unten? Becker ist Anfang 70 und schwer krank, er hat ein Lungenemphysem. Er hätte jetzt die Chance zu reden, aber er bleibt oben. Vor dem Besuch hat er dem Gast ein E-Mail geschickt. Darin schreibt er, mit den Medien habe er schlechte Erfahrungen gemacht. Nach den ersten Vorwürfen gegen ihn habe er beschlossen, sich dazu nicht öffentlich zu äussern: «Warum diese Entscheidung? Das könnte selbstverständlich jeder ernst zu nehmende Kriminologe erklären – aber auch jeder Philosoph oder Romanleser, der sich ein wenig genauer auf wurgelige Beziehungsgeflechte zwischen Menschen eingelassen hat.»

Wurgelige Beziehungsgeflechte?

In einem Vortrag hat Becker bereits vor Jahren über Beziehungsgeflechte gesprochen und gesagt, die «emotionale Verstrickung von Schülern und Lehrern» sei in Internaten meist deutlich höher als an anderen Schulen. Er nannte es das «Diakonissenhaus-Syndrom»: Das Zusammenleben auf engem Raum führe dazu, «dass viele Ereignisse und Verhältnisse, die normalerweise kaum jemanden aufregen würden, mit heftigsten Gefühlen aufgeladen werden».

In seinem E-Mail schreibt Becker, er habe damals allen, die ihm «fragend» zu den Vorwürfen geschrieben hätten, «individuell und ausführlich geantwortet». Von ihm könne man keine neuen Fakten erfahren. Ein Vertrauter, der die Odenwaldschule gut kennt, sagt, er glaube, Becker rede überhaupt nicht mehr über die Geschichte, «auch nicht mit sich selbst». Becker leide an Atemnot. Es sei so, als ersticke er an seiner Biografie.

Reformpädagogik hinfällig?

Der Gast entdeckt bei sich selbst einen Mechanismus des Verdrängens. Er lässt sich nur zu gern auf unbelastete Themen ein, um nicht ständig mit Hentig über die Odenwaldschule sprechen zu müssen. So plaudert man, als sei alles in Ordnung, über Pisa und die Erziehungswissenschaft. Und Hentig reicht einen Chardonnay, der in einem Schulprojekt entstanden ist, inspiriert durch sein Buch «Bewährung». Hentig wirbt darin für eine «Ent-Schulung». In der Pubertät könnten die Jugendlichen dem normalen Unterricht kaum etwas abgewinnen, sie wollten etwas leisten, etwas erleben: auf einem Schiff fahren, ein Haus bauen.

In diesem Falle: Wein anbauen. Der Wein ist gut.

Ist jetzt wegen der Odenwaldschule die ganze Reformpädagogik hinfällig? Wer so fragt, würde auch die Frage stellen, ob das Christentum wertlos ist, weil es Priester gibt, die Schüler missbrauchen. Die Reformpädagogik ist eine Reaktion auf die Kälte der Schule. Das ist gut. Aber es birgt Gefahren.

Manchmal ist Distanz besser als Liebe.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.03.2010, 09:17 Uhr)

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