Märtyrer für die freie Meinung

Das Attentat auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» richtet sich gegen das freie Wort und Bild. Die Medien werden sich davon nicht einschüchtern lassen.

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Gestern Mittag stürmte ein dreiköpfiges Terrorkommando die Redaktionsräume des Satiremagazins «Charlie Hebdo» im Zentrum von Paris. Zwölf Menschen, unter ihnen der Chefredaktor des Magazins und vier Zeichner, wurden erschossen, ein Polizist buchstäblich exekutiert. Die Bluttat macht weit über Frankreichs Grenzen und die Medienbranche hinaus betroffen.

Die Geschosse aus den Kalaschnikows und Raketenwerfern galten in ­erster Linie den Zeichnern und verantwortlichen Herausgebern des Magazins. Diese Kollegen haben sich in den vergangenen Jahren durch die latent im Raum stehenden Drohungen von Islamisten nicht einschüchtern lassen und ihren Mut nun mit dem Leben bezahlt. Sie sind als Märtyrer für die freie Meinungsäusserung gestorben.

Aber die Kugeln gestern an der Rue Nicolas Appert treffen noch weit mehr: den Mut, den grossen Konflikten dieser Welt mit Humor zu begegnen. Der Zeichner mag seinen Stift oft provokativ oder gar so deftig einsetzen wie die «Charlie Hebdo»-Zeichner, aber von ihm geht, wenn die Striche mit Feingefühl und Augenzwinkern gesetzt sind, keine Gewalt aus. Im besten Fall führt der Humor beim Karikierten dazu, mitzulachen, sich selber weniger ernst zu nehmen, und damit in eine fried­lichere Welt.

Witze auch über Gott

Dies ist der Grund, warum wir unseren Zeichnern und Satirikern keine Vorgaben machen. Im Rahmen des Taktgefühls soll jede vernünftige Meinung in Wort und Bild geäussert werden können, ernsthaft, augenzwinkernd oder auch satirisch scharf. Dort, wo Äusserungen die Religion betreffen, sind die Empfindlichkeiten erfahrungsgemäss besonders hoch. Aber 99 Prozent aller Gläubigen sind keine Fanatiker und können mit Witzen über ihren Gott umgehen.

Auf religionsspezifische, allgemein akzeptierte Gebote soll dabei durchaus Rücksicht genommen werden, speziell in einer emotional aufgeheizten Situation wie heute. Wir zeigen deshalb beispielsweise keine Mohammed-­Karikaturen, auch jene nicht von «Charlie Hebdo» − verurteilen aber jene nicht, die dies tun.

Die Bluttat von Paris droht den Konflikt zwischen den verantwortlichen Fanatikern und den islamfeindlichen Kräften in der westlichen Welt weiter zu verschärfen. Das ist gerade in Frankreich und Deutschland fatal, weil diese Verschärfung die Konfrontation direkt und von einzelnen Scharfmachern kalkuliert an jenen Ort führt, wo sie nichts zu suchen hat: an die Grenze zwischen den Kulturen und den Religionen. Es ist zu befürchten, dass Bewegungen wie Pegida in Deutschland oder Parteien wie der Front National in Frankreich das gestrige Verbrechen zum Anlass nehmen werden, um Stimmung gegen alle eingewanderten Muslime zu machen.

Opfer sind die gemässigten Muslime

Dabei sind die meisten Opfer solcher Schreckenstaten nach wie vor gemässigte, anders denkende oder glaubende Muslime in den sich modernisierenden arabischen, afrikanischen und asiatischen Gesellschaften. Unter ihnen gibt es heute auch die meisten Märtyrer der Emanzipation und des freien Wortes. Genau wie die Bibel ist der Koran ein Steinbruch von Worten und Geboten, in dem sich Gläubige seit Jahrhunderten unterschiedliche Wahrheiten holen. Zum Beispiel auch diese: «Wenn jemand einen Menschen tötet, so soll es sein, als hätte er die ganze Menschheit getötet» (Sure 5, Vers 32/33).

Gestern wurde in Frankreich ein Wesenszug der ganzen Menschheit im Herz getroffen: die Freiheit der Meinung, der Humor. Mögen Frankreich und Europa darauf so besonnen reagieren wie Spanien nach den Anschlägen auf den Bahnhof Atocha in Madrid 2004. Damals explodierten Sprengsätze in drei Vorortszügen während der morgendlichen Rushhour kurz vor der Einfahrt der Züge in den Bahnhof. Unter den Opfern waren viele Migranten, auch zahlreiche Muslime.

Der Angriff damals galt dem öffent­lichen Verkehr, der gestrige der öffentlichen Auseinandersetzung in Wort und Bild. 2004 demonstrierten danach in Madrid die Bewohner des angrenzenden Stadtteils Lavapiés – seit je ein Schmelztiegel verschiedenster Kulturen und Religionen – gemeinsam gegen fanatische tödliche Gewalt.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.01.2015, 23:26 Uhr)

Grossfahndung

Täter sind angeblich identifiziert

Die drei Täter des Terroranschlags auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» in Paris sind laut französischen Medienberichten inzwischen identifiziert. Darunter seien zwei Brüder aus Paris mit französischer Staats­angehörigkeit. Das berichteten am späten Mittwochabend «Le Monde» und mehrere andere Medien übereinstimmend unter Berufung auf Ermittler. Nach dem Blutbad in der Redaktion war zunächst unklar, wie viele Täter daran beteiligt waren. Der Staatsanwalt sprach von «mindestens zwei» Angreifern, ein Augenzeuge soll drei Täter gesehen haben.

Offenbar war der jüngere der beiden Brüder der Polizei bereits seit 2008 bekannt. Bei ihm handelt es sich angeblich um einen verurteilten Unterstützer einer Terror­organisation. (SDA/TA)

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